Inschriftenkatalog: Stadt Halberstadt

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 86: Halberstadt (Stadt) (2014)

Nr. 53 Liebfrauen 1487?

Beschreibung

Grabplatte für den Kleriker Bertram von Mutzschen (?); an der Nordwand des Langhauses auf 32 cm hohem Sockel; Sandstein, hell; kleinere Ausbrüche am Rand, Oberfläche teilweise zerstört, sonst gut erhalten; Relief, im Innenfeld unter einer auf Konsolen lagernden Kielbogenarchitektur, in den Zwickeln Kreuzblumen, frontal ein stehender Kleriker mit hohem Birett, Amikt, Albe mit verzierter Parura, Stola und Manipel bekleidet, an den Füßen spitze Schuhe, mit der Linken einen Kelch haltend, die Rechte segnend davor, am Rand einzeilig umlaufend eingehauen die Grabbezeugung.

Maße: H. 173,8 cm, B. 74,4 cm, T. 21 cm, Bu. 7,5–8 cm.

Schriftart(en): Gotische Minuskel mit Versalien in gotischer Majuskel.

SAW Leipzig, Inschriftenkommission (Markus Scholz) [1/2]

  1. C · quadruplatoa) · / bis · x · l · iii · i · sociatob) 1) · Bertramu(m)c) · giatu(m)d) · Muto(n)iee) · sub / · tumulatu(m) · Ei · [c]omendatu(m)f) · scito · turpi · morte · necatumg) ·

Übersetzung:

Wisse, als C viermal angezeigt, zweimal 43 [mit] der eins vereinigt [war]1), daß Bertram, geboren zu (stammend aus?) Mutzschen (oder: Modena?), durch schändlichen Tod (= Mord) getötet, dem übergeben (anvertraut) worden, unter [dem er] begraben.

Versmaß: Drei Hexameter, zweisilbig rein leoninisch gereimt.

Kommentar

Die Schrift zeichnet sich durch kaum ausgebildete Unter- bzw. Oberlängen aus. Die Schaftenden sind nur wenig, aufgelöste Rundungen fast eckig umgebrochen. Neben dem Majuskel-B, das durch seine geschwungenen Rundungen auffällt, ist die Behandlung des r, das ähnlich geschwungene Buchstabenteile aufweist, ein Merkmal dieser Schrift.

Nur Doering gibt die Inschrift wieder. Sie muß sich also seit vor 1902 in der Liebfrauenkirche befunden haben. Ein Bertram von Mutzschen oder Modena lässt sich in den Quellen nicht nachweisen, weshalb auch über sein in der Inschrift angedeutetes Schicksal nichts bekannt ist.2)

Textkritischer Apparat

  1. quadruplato] Es handelt sich vielleicht auch um ein Wortspiel aus den Wortbestandteilen quadruplus = vierfach bzw. das Vierfache und quadruplor = anzeigen. Die letzten Buchstaben sind leicht beschädigt.
  2. bis x l iii i sociato] Eine mögliche Variante der Jahreszahl lautet: Als C zweimal angezeigt und [mit] 44 vereint [war] (1244), ...; sonato BKD, Wäß.
  3. Bertramum] Bertramu Wäß.
  4. giatum] Für generatum? abstammend oder von gigno = gezeugt, geboren werden. Möglicherweise auch gi(r)atum für gyratum = umstellt, in der Bedeutung in Mutzschen umstellt oder eingekreist, was aber eher unwahrscheinlich ist. Oder sollte es sich um einen Eigennamen gehandelt haben?
  5. Mutonie] Vielleicht für Mutzschen, Lkr. Leipzig, das lateinisch Mutina bezeichnet ist. Gleiches gilt jedoch auch für Modena; vgl. Orbis latinus 1971, S. 246; Orbis latinus 1972 Bd. 2, S. 645; Mutoie Wäß.
  6. comendatum] Die ersten Buchstaben leicht beschädigt.
  7. necatum] Der erste und der letzte Buchstabe leicht beschädigt.

Anmerkungen

  1. Gemeint ist entweder die Jahreszahl 1487 für zweimal 243 plus 1 = 487 bzw. viermal C für vierhundert plus zweimal 43 = 86 vermehrt um 1 = 487 oder aber zweimal einhundert plus vierundvierzig = 1244. Dabei wird jeweils das Zahlzeichen für tausend stillschweigend ergänzt. Die Grabplatte kann nach Art und Schrift jedoch nur in das 15. Jahrhundert datiert werden. Wenn es sich aber um ein Gedächtnisgrabmal für einen im 13. Jahrhundert verstorbenen Kleriker gehandelt haben sollte, wäre auch die Jahreszahl 1244 möglich. Siehe auch oben Anm. a und b.
  2. Zu Mutzschen siehe Blaschke 1997, S. 276–282. Im Orbis Latinus 1983, S. 216 wird nur die Form Mutina für Mutzschen genannt, in der Ausgabe von 1972 Bd. 2, S. 645 für Modena. Zu beachten ist, daß die vermutlich dichterische Form Mutonie sonst nicht belegt ist.

Nachweise

  1. BKD, S. 351 Nr. 3.
  2. Wäß 2006, S. 264.

Zitierhinweis:
DI 86, Halberstadt (Stadt), Nr. 53 (Hans Fuhrmann), in: www.inschriften.net, https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0238-di086l005k0005309.