Inschriftenkatalog: Stadt Halberstadt

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 86: Halberstadt (Stadt) (2014)

Nr. 14(†) Liebfrauen nach 1372

Beschreibung

Grabplatte für den Bischof Arnulf; ehemals vor dem Hochaltar des Doms, später vor dem der Liebfrauenkirche;1) Metall;2) der Bischof soll, wohl in Relief,3) mit einem Kirchenmodell in der Rechten und dem Bischofsstab in der Linken4) auf der Platte abgebildet gewesen sein, am Rand zweizeilig umlaufend und auf einer der Schmalseiten fortgesetzt die Grabbezeugung in Form einer historischen Nachricht (A). Unter einer quadratischen Sandsteinplatte mit der (modernen) Grabschrift (D)5) fand man 1899 unterhalb einer Schiefer- und einer Gipsplatte einen Bleikasten mit in Seidenstoff eingehüllten Knochenresten und einem bleiernen Kreuz mit der Inhaltsangabe (B). Eine ähnliche Inschrift befand sich auch auf einem in diesem Kasten aufbewahrten Kalkstein (C).6)

Text nach Haber (A), Doering (B, C), BKD (D).7)

Schriftart(en): Romanische Majuskel (B) ?, gotische Minuskel (C).8)

  1. A†

    An(n)o D(omi)ni Mo · XXIIImo · in Vigilia / Festivitatisa) S(ancte) Martaeb) 9) Virginis D(omi)n(u)s Arnulphus / Halb(e)r(stadensis) Ecc(les)ie Ep(iscopu)s N(oste)r Fundat(or)c) / Ob(iit)d) (et) in majori Ecc(lesi)a Halber(stadensi) sepult(us)e) deinde sub / Anno D(omi)ni Mo · CCCo · LXXIIo · in Die / B(ea)ti Marci Evang(eliste)10) ibid(em) invent(us)f) et ante / Summum Altare relocatusg) · / Praeter quedam ossa ipsius hic sepulta E(ius)h) / A(n)ima R(equiescat) in Pace Amen ·

  2. B

    OSSA ARNVLFIi) EP(ISCOP)I N(OST)RI FV(N)DATORIS

  3. C

    pars arnulfi ep(iscop)i n(ost)ri fundatoris

  4. D

    Arnulphus Halberstadensis ecclesiae episcopus huius b(eatae) M(ariae) V(irginis) aedis dicatae fundator anno domini MXXIIIj) obiit cuius mortalia ossa in ecclesia cathedrali sepulta, nunc ab anno MCCCLXXII heic recondita servantur

Übersetzung:

A: Im Jahre des Herrn 1023, am Vorabend des Festes der heiligen Jungfrau Martha,9) starb Herr Arnulph, Bischof der Halberstädter Kirche, unser Gründer, und ist in der größeren Halberstädter Kirche (im Dom) begraben, danach, im Jahre des Herrn 1372, am Tag des seligen Evangelisten Marcus,10) ebendort aufgefunden und vor den Hochaltar umgebettet worden, abgesehen von bestimmten Gebeinen seiner selbst, die hier begraben worden sind. Seine Seele ruhe in Frieden, Amen.

B: Die Gebeine des Bischofs Arnulf, unseres Stifters. C: Teil des Bischofs Arnulf, unseres Stifters. D: Arnulph, Bischof der Halberstädter Kirche, dieses der seligen Jungfrau Maria geweihten Tempels Stifter, starb im Jahre des Herrn 1023, seine in der Bischofskirche begrabenen sterblichen Gebeine werden nun seit dem Jahre 1372, als sie beigesetzt wurden, hier aufbewahrt.

Kommentar

Das Grab Bischof Arnulfs (996–1023) in der Liebfrauenkirche wurde bei Grabungen, die Oskar Doering durchführte, am 25. April 1899 – mithin genau 527 Jahre nach seiner ersten Auffindung – mitten im Chor der Liebfrauenkirche gefunden.11) Der Bischof war zunächst vor der Tür zum Kreuzgang des Domes bestattet worden.12) Während der Bauarbeiten zum gotischen Dom, war – seiner heute verlorenen Grabbezeugung zufolge – sein Grab am 25. April des Jahres 1372 aufgefunden und vorübergehend aufgehoben worden. Ein Teil seiner Gebeine war später im Chor vor dem Hochaltar beigesetzt, ein anderer in die Liebfrauenkirche übergeführt worden, wo er als Gründer die letzte Ruhe fand.13) Die Grabplatte in der Liebfrauenkirche ist vermutlich zwischen 1791 und 1812 verschwunden.14) Der Bischof war jedenfalls nicht im Kloster Stötterlingenburg begraben, wie Winnigstedt irrtümlich vermutet hatte.15) Es stellt sich die Frage, aus welcher Zeit die Inschrift auf dem Bleikasten stammt? Von 1023 kann sie eigentlich nicht sein, weil man den Zusatz NOSTRI FVNDATORIS bei einer Bestattung im Dom wohl nicht erwähnt hätte. Andererseits gibt Doering an, die Buchstaben der Inschrift seien in „romanischen Majuskeln“ ausgeführt gewesen.16)

Arnulf war nach dem Tod Bischof Hildiwards (968–996) wegen der Uneinigkeit des Wahlgremiums17) von Otto III. ernannt worden, dessen Hofkapellan er war.18) Seine Herkunft ist ungeklärt; er soll jedoch von hoher Abkunft gewesen und im Kloster Fulda ausgebildet worden sein.19) Am 10. März 997 weihte er das Langhaus der Quedlinburger Stiftskirche und am 10. Mai desselben Jahres auch die Walbecker Kirche, 1021 vollzog er die Schlußweihe der Servatiuskirche in Quedlinburg.20) Schon im Jahr 997 hatte Otto III. der Halberstäder Kirche sechs Waldgebiete, später weitere Güter geschenkt.21) Arnulfs umsichtiger Pontifikat wird in zeitgenössischen Quellen gelobt; so soll er Gebäude bewahrt und errichtet sowie Kirchenornat und -gerät vermehrt haben.22) König Heinrich II. bestätigte Arnulf im Jahr 1002 die Privilegien des Bistums.23) Im Jahr 1003 jedoch mußte der Bischof die Wiedererrichtung des Bistums Merseburg hinnehmen und Gebietsabtretungen verschmerzen, erhielt aber eine Entschädigung.24) Von Papst Benedikt VIII. ließ er sich die Grenzen des Bistums bestätigen.25) Zu Anfang des 11. Jahrhunderts hatte Arnulf das Liebfrauenstift in Halberstadt und das Benediktinerkloster Ilsenburg gegründet.26) Am 7. September 1023 starb Arnulf und wurde zunächst an der Tür des Domkreuzganges begraben.27)

Textkritischer Apparat

  1. Festivitatis] Wohl verlesen für nativitatis.
  2. Martae] Sic! Statt Mariae so Nieter, Lucanus, Elis; Marte BKD.
  3. Fundator] Kürzungszeichen fehlt.
  4. Obiit] Kürzungszeichen fehlt.
  5. sepultus] Sepults. Lucanus.
  6. inventus] enventus Wäß.
  7. relocatus] relocutus Lucanus.
  8. Eius] Es. Lucanus; cuius BKD, Wäß.
  9. ARNVLFI] ARNULPHI BKD, Wäß.
  10. MXXIII] MCCIII Wäß.

Anmerkungen

  1. Haber 1737, S. 6; Uffenbach 1753, S. 151; Plato 1791; nach Nieter 1812, S. 27 wurde sie schon 1812 „anderswo verwahret“. Niemann 1824, S. 46 f. wußte schon nicht mehr wo sie sich befand.
  2. Haber 1737, S. 8, Plato 1791, S. 339, Nieter 1812, S. 27, Niemann 1824, S. 47 nennen Kupfer als Werkstoff, Uffenbach 1753, S. 151: Messing und Lucanus 1848, S. 21: Bronze.
  3. Plato 1791, S. 339 nennt ein „etwas erhabenes Epitaphium“.
  4. Haber 1737, S. 8; Plato 1791, S. 339 f.
  5. Sie wurde vermutlich bei der Restaurierung der Kirche zwischen 1839 und 1848 angebracht. Erstmalig erwähnt bei Lucanus 1848, S. 21. Vgl. dazu und zum Erneuerungsbau auch Doering 1899, S. 121, BKD, S. 318.
  6. Zschiesche 1895, S. 170; Doering 1899, S. 121; BKD, S. 355.
  7. Die gekürzt wiedergegebenen Inschriften wurden nach den Bearbeitungsrichtlinien der DI aufgelöst. Dabei fielen die eindeutig als Kürzungszeichen zu erkennenden Punkte auf der Grundlinie weg. Der Zeilenfall nach der Abzeichnung bei Haber 1737, S. 7.
  8. Angaben nach Doering 1899, S. 121.
  9. 28. Juli 1023; hier irrte Haber 1737, S. 7 bzw. es handelte sich wohl um einen Lesefehler. Arnulf starb am 7. September 1023. Das Todesdatum steht durch die Überlieferung im Nekrolog von Liebfrauen, im Domordinarius und anderer Quellen außer Frage; vgl. UBHH Bd. 1, Nr. 69 S. 51. Vermutlich las Haber statt in Vigilia Nativitatis S(ancte) Mariae, d. i. der 7. September, in Vigilia Festivitatis S(ancte) Martae und stellte somit den 28. Juli 1023 fest.
  10. 25. April 1372.
  11. Doering 1899, S. 121.
  12. GEH, S. 92.
  13. Doering 1899, S. 121; DI 75 (Halberstadt Dom), Nr. 114 (†), 115.
  14. Vgl. Uffenbach 1753, S. 151, der den Namen des vor dem Hochaltar begrabenen Bischofs „so das Stifft errichtet hat“ nicht entziffern konnte, und Plato 1791, S. 339, der sie angeblich noch gesehen hat, sowie Niemann 1824, S. 46 f. mit Hinweis auf Nieter 1812, S. 27, daß die Platte jetzt an anderem Orte aufbewahrt werde.
  15. So Abel 1732, S. 275; vgl. auch Abel 1754, S. 154.
  16. Doering 1899, S. 121. Eher ist anzunehmen, daß es sich um eine gotische Majuskel gehandelt haben wird. Überprüfbar ist das nicht mehr.
  17. Dieses Gremium setzte sich nicht nur aus den Domherren zusammen, sondern auch aus Prälaten von Stadt und Diözese. Vgl. dazu auch das Privileg hinsichtlich der Bischofswahl, das Ludwig IV. (das Kind) den Klerikern des Bistums 902 VII 8 verliehen hatte: „... concedimus, ut habeant eiusdem sedis clerici canonice atque ecclesiastice seu inter se seu inter aliunde digne ad hoc et convenienter eligendi episcopum liberam ac propriam facultatem ...“; UBHH Bd. 1, Nr. 17 S. 7, in nahezu demselben Wortlaut GEH, S. 82; vgl. auch Weise 1912, S. 59 und DI 75 (Halberstadt Dom), Nr. 9.
  18. GEH, S. 88; Thietmar, Chronik, IV, 26, S. 142; vgl. auch Fleckenstein 1966, S. 86, 89 f., 114 f. und passim; Weise 1912, S. 115. Nach Thietmar, Chronik, IV, 26 wurde er am 13. Dezember 996 eingesetzt.
  19. Vgl. Fleckenstein 1966, S. 89; Boettcher 1913, S. 21; Zedler Bd. 2, Sp. 1608 f.
  20. GEH, S. 88, 90.
  21. UBHH Bd. 1, Nr. 58 S. 43 f., Nr. 59 S. 44 f.; GEH, S. 89.
  22. Z. B. GEH, S. 90.
  23. UBHH Bd. 1, Nr. 60 S. 45 f.; GEH, S. 90.
  24. Ebd.
  25. UBHH Bd. 1, Nr. 68 S. 50 f.; GEH, S. 91.
  26. Ilsenburg nach 1003 und vor 1018, zu Liebfrauen fehlen urkundliche Belege. Das Jahr 1005 ist nicht gesichert. Vermutet wird die Gründung um 1014/15; vgl. UBHH Bd. 1, Nr. 61 S. 47, UB Ilsenburg Bd. 1, Nr. 2 S. 2 f.; GEH, S. 92; Dehio Sachsen-Anhalt I, S. 328, 437 f.
  27. GEH, S. 92; UBHH Bd. 1, Nr. 69 S. 51.

Nachweise

  1. Haber 1737, S. 6–8 (A).
  2. Lucanus 1848, S. 21 (A, D).
  3. Elis 1886, S. 6 (A, D).
  4. Doering 1899, S. 121 (B, C).
  5. BKD (A, B, D).
  6. Päffgen 2006, S. 237 (B, C).
  7. Wäß 2006, S. 260 (A, B, D).

Zitierhinweis:
DI 86, Halberstadt (Stadt), Nr. 14(†) (Hans Fuhrmann), in: www.inschriften.net, https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0238-di086l005k0001402.