Inschriftenkatalog: Stadt Halberstadt

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 86: Halberstadt (Stadt) (2014)

Nr. 11† Siechenhofkapelle † E. 13.–1. V. 14. Jh.

Beschreibung

Glocke; ehemals im Dachreiter der Siechenhofkapelle;1) obwohl schon als „altertümlich lang geformt“ bezeichnet,2) und angegeben wurde, die „Form der Buchstaben läßt auf ein hohes Alter schließen“,3) handelte es sich um eine gotische Rippe mit einem Öhr von sechs geschwungenen Henkeln und stark überhöhter Mittelöse, abgesetzter Kronenplatte, gewölbter, leicht abfallender Haube, an der Schulter4) zwischen doppelten Bandstegen der Anfang der Antiphon.5) Am Wolm zwei, am Rand oberhalb der Schärfe ein Steg. Die zeitliche Einordnung nach der Lichtbildaufnahme, so auch Nebe „etwa 14tes Jahrh.“6)

Text nach Lichtbildaufnahme LDASA, Ergänzungen nach BKD.

Maße: H. ca. 55 cm (mit Krone 62 cm), D. ca. 55 cm.7)

Schriftart(en): Gotische Majuskel.

LDASA Halle (Repro) [1/1]

  1. AVE · MARI[A GRATIA PLENA]5)

Übersetzung:

Gegrüßet seist du Maria, voll der Gnade.

Kommentar

Entgegen der von Doering beschriebenen Form der Glocke, nach der ehestens eine Art „Zuckerhutglocke“ in Frage gekommen wäre und damit auch eine Entstehungszeit schon seit dem 12. Jahrhundert möglich gewesen wäre, zeigt die noch vorhandene Lichtbildaufnahme eine gotische Rippe.8) Doering gab in einer weiteren Veröffentlichung jedoch auch noch als Entstehungszeit das 15. Jahrhundert an.9) Bei der Schriftform handelte es sich um eine gotische Majuskel, die sehr sorgfältig mit Wachsfäden gelegt worden war. Deshalb erfolgte die Transkription der Inschrift nach der Photographie, ergänzt durch die Vorlage von Doering, der die Glocke noch gesehen hat und sich bei der Abschrift anderer Glocken als verhältnismäßig zuverlässig erwiesen hat. Das A war flachgedeckt mit kräftigen Sporen an den unteren Schaftenden. V kommt nur spitz vor und zeigt Sporen an den Schaftenden. Unziales E war geschlossen, von einem nach innen gebogenen Abschlußstrich begleitet und durch einen mittig gesetzten Zierstrich samt einem Punkt in seiner Mitte, der den Balken des Buchstabens andeutete, gebildet. Unziales M war schon symmetrisch mit nach außen umgebogenen Seitenhasten gebildet. Auch das R mit einem großen Bogen zeigte kräftige Sporen an den Schaftenden, die Cauda war nach außen geschwungen. Als Worttrenner wurden Kreise mit einem Punkt darin verwendet.

Der Siechenhof, der im Jahr 1206 von zwei Regensteiner Gräfinnen, Margareta von Blankenburg, Pröpstin von Gernrode († 1205) und ihrer Schwester Mechtild, Küsterin in St. Jacobi (Burchard) in Halberstadt, gegründet worden sein soll, muß wohl tatsächlich noch etwas älter gewesen sein, wie schon aus dem Todesjahr Margaretas erschlossen werden kann.10) Schon im Jahr 1195 wird in einer Urkunde „leprosis ante civitatem“, den Siechen vor der Stadt, ein Legat gestiftet.11) Stiftungen verschiedener Adeliger für den Siechenhof bestätigt Bf. Konrad von Krosigk im Jahre 1207.12) Eine Kapelle, in der die Glocke gehangen haben könnte, wird zuerst in einer Urkunde von 1238, ein Glockenschlag in den Statuten des Siechenhofes im Jahr 1301 erwähnt.13) Die Glocke aus der Siechenhofkapelle ist nach ihrem Dekor und der Technik ihrer Schrift den Chorglocken aus dem Halberstädter Dom14) und den etwa zeitgleichen Glocken aus St. Martini (Nr. 8), Liebfrauen (Nr. 9) und St. Johannes (Nr. 10) ähnlich, ohne daß angenommen werden muß, sie rühre aus derselben Werkstatt her. Von der Machart der Schrift sind auch Ähnlichkeiten mit der Glocke aus St. Moritz von 1319 (Nr. 7) zu erkennen. Aufgrund ihrer Schrift könnte sie aber in den Umkreis der Halberstädter Gießerwerkstatt G1 gehören (siehe dazu oben Nr. 4 und Nr. 5). Die Glocke aus der Siechenhofkapelle wurde 1941 zu Kriegszwecken konfisziert und eingeschmolzen.15)

Anmerkungen

  1. Nebe 1876, S. 294; BKD, S. 442.
  2. BKD, S. 442.
  3. Nebe 1876, S. 294.
  4. Vgl. Nebe 1876, S. 294 „Oben zieht sich die Inschrift herum“.
  5. CAO Vol. III, Nr. 1539; ebd., Vol. IV, Nr. 6155 f.
  6. Nebe 1876, S. 294; vgl. aber auch Doering 1927, S. 35 „15. Jahrhundert (?).“
  7. Maße nach Nebe 1876, S. 294, der 21 bzw. 24 rheinische Zoll (= ca. 2,6 cm) angibt.
  8. BKD, S. 442.
  9. Doering 1927, S. 35.
  10. Vgl. Jacobs 1892, S. 350 f.; BKD, S. 441; Schmidt 1889, S. 7 Nr. 11 f.; Europäische Stammtafeln Band XVII, Taf. 117; Margareta wird 1197, Mechtild 1199 erwähnt, UBHH Bd. 1, Nr. 392 S. 353 f., UB Stadt Halberstadt Bd. 1, Nr. 12 S. 13 f. Vgl. zum Siechenhof auch Pregla 2012 und Karlson 2012.
  11. UB Stadt Halberstadt Bd. 1, Nr. 15 S. 16 f.; die Stiftung wird wohl kurz nach dem Jahr 1200 erfolgt sein; Pregla 2012, S. 7 mit Anm. 10.
  12. Winter 1872, S. 590; UBHH Bd. 1, Nr. 359 S. 321 f. Siehe auch Mülverstedt 1872, S. 56–59. Dabei wird es sich jedoch wohl um eine Stiftung für die sog. Feldsiechen gehandelt haben; vgl. Pregla 2012, S. 7.
  13. UB Stadt Halberstadt Bd. 1, Nr. 38 S. 44 f., Nr. 291 S. 220 f.; ein wesentlich höheres Alter der Kapelle nimmt Mülverstedt 1872, S. 56 an. Vgl. auch Pregla 2012, S. 7.
  14. DI 75 (Halberstadt Dom), Nr. 28, 29, 30.
  15. Hartmann 1964, S. 216; Glocken der Heimat 1996, S. 25.

Nachweise

  1. Nebe 1876, S. 294.
  2. BKD, S. 442.
  3. Doering 1927, S. 35.
  4. LDASA, Lichtbildaufnahme Nr. 4056.
  5. Hartmann 1964, S. 216.
  6. Glocken der Heimat 1996, S. 25.

Zitierhinweis:
DI 86, Halberstadt (Stadt), Nr. 11† (Hans Fuhrmann), in: www.inschriften.net, https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0238-di086l005k0001101.