Die Inschriften der Stadt Halberstadt

3. Die nicht-originale Überlieferung

In den Inschriften der Stadt Halberstadt sind, ohne den Dombestand, 323 Inschriftenträger erfaßt und publiziert worden. Von diesen sind 126 und damit 39 Prozent der Inschriften Ersteditionen. Erhalten oder teilweise vorhanden sind noch 184 Inschriften. Unter den 139 nur kopial überlieferten Inschriften sind acht ganz oder teilweise in Form umgearbeiteter Originale228) oder als Abgüsse229) vorhanden. Die übrigen sind uns durch Lichtbilder in Form von Meßblättern230), sonstigen Photographien231), Pausen232), Abzeichnungen,233) einer Abreibung234) oder aus der Literatur bekannt. In der wissenschaftlichen Literatur sind es ungefähr zwanzig Veröffentlichungen, die uns heute verlorene Inschriften bieten oder aus denen weitgehende Ergänzungen möglich waren. Von acht Nachträgen zum Bestand des Domes, die in diesem Band behandelt werden, sind je drei einer neu aufgefundenen Handschrift235) und Lichtbildern236) zu verdanken. Zwei konnten noch an Inschriftenträgern entdeckt werden, die zuvor nicht zugänglich waren.237)

Eine Reihe von Inschriften bietet der Domküster Conrad Matthias Haber in seiner 1737 gedruckten Beschreibung der Halberstädter Liebfrauenkirche.238) In vier Kapiteln schildert Haber knapp die Stiftskirche Beatae Mariae Virginis dem Äußeren nach, die Sehenswürdigkeiten in der Kirche, die Orgel und in einer Zugabe einige Besonderheiten. Unter den Sehenswürdigkeiten gibt er z. B. das Schema der verlorenen Grabplatte des Gründers der Stiftskirche, Bischof Arnulf, wieder (Nr. 14 (†)).239) Oskar Doering konnte 1899 nach Grabungen in der Kirche und nach Auffindung des Grabkastens zwei Inschriften auf diesem [Druckseite XXX] und auf einem Kalkstein hinzufügen.240) Zwei bislang unbekannte Glockeninschriften aus Liebfrauen gibt Haber im Anhang mit den „Merckwürdigkeiten“ wieder; die eine dieser beiden Inschriften enthält eine sehr ungewöhnliche, man möchte sagen einzigartige Glockeninschrift (Nr. 31 , 322 ). Neben einem Leuchter aus dem Jahr 1546 sind es fünf verlorene Grabplatten, von denen nur er berichtet, und deren Inschriften er wiedergibt.241) In Caspar Abels 1754 erschienener „Stiffts- Stadt- und Land=Chronick des jetzigen Fürstenthums Halberstadt“ findet sich die Inschrift vom Grab Bischof Rudolphs (1136–1149) in der Liebfrauenkirche in einer Übernahme aus Johann Georg Leuckfelds „Antiquitates Nummariae“ von 1721 (Nr. 62 ).242) Vermehrt ist die dort wiedergegebene Grabinschrift um einige Worte, die möglicherweise auf eigene Anschauung des Autors hinweisen, der im Anschluß auch richtig vermutet, es könne sich um ein Gedenkgrabmal gehandelt haben. Ferdinand von Quast brachte uns 1845 durch die Anfertigung von Pausen, die er von Kunstmalern herstellen ließ, die später übermalten Obergadenausmalungen in der Liebfrauenkirche zur Anschauung (Nr. 3).243) Die Pausen, die in Halle im Landesamt für Denkmalpflege und Archälogie Sachsen-Anhalt aufbewahrt werden, sind, obwohl noch vorhanden, heute nicht mehr benutzbar, so daß die Lichtbilder der Pausen genügen mußten, die Oskar Doering 1902 und Peter Findeisen 1981 veröffentlicht haben.244)

Aus der Stadtpfarrkirche St. Martini überliefert uns als einziger Zacharias Conrad von Uffenbach 1753 im ersten Teil seiner „Merkwürdigen Reise durch Niedersachsen, Holland und Engelland“ den Text eines Bildepitaphs für den Prediger Lambert Ehrentraut, dessen Grabplatte sich noch in der Kirche befindet, und denjenigen eines Pfarrerbildnisses des Friedrich Kornmann (Nr. 226 , 284 ).245) Johann Heinrich Lucanus vermag 1788 in seinen „Beyträgen zur Geschichte des Fürstenthums Halberstadt“ das Epitaph des berühmten zeitgenössischen Juristen Tobias Pauermeister von Kochstedt, das Uffenbach erwähnt hatte, in einer vollständigen Edition vorzustellen (Nr. 244 ).246) Gustav Nebe, ein Halberstädter Domprediger und Superintendent, der sich besonders mit den Halberstädter Glocken beschäftigt hat, gibt neben anderen die Inschriften zweier Glocken aus St. Martini wieder, die sonst niemand kannte bzw. vollständig ediert hatte (Nr, 73 , 99 ).247) Eine heute verschollene Inschriftentafel, die sich im Turmknauf des Nordturms der Martinikirche befunden hatte, edierte Ernst Siebrecht neben anderen 1964 in seinem Beitrag „Metallene Urkunden aus den Turmknöpfen von St. Martini zu Halberstadt“ (Nr. 238 (†)).248)

In der Veröffentlichung seines am 28. Juli 1885 auf der 18. Hauptversammlung des Harzvereins gehaltenen Vortrags „Die romanischen Kirchen Halberstadts“ hat Carl Elis einen heute verlorenen Werkstein in der Moritzkirche mit einer Renovierungsnachricht zur Sakristei publiziert (Nr. 264 ).249) Aus dem Stift St. Paul weiß Gustav Schmidt im Urkundenbuch der Stifter S. Bonifacii und S. Pauli von drei vor 1881 aufgehobenen und später wieder zugeschütteten Grabplatten und den darauf befindlichen Inschriften zu berichten (Nr. 89 , 91 , 146 ).250)

„Historische Nachricht von der Kirche St. Johannis in Halberstadt“ nennt der Erste Pfarrer (Pastor Primarius) der Johanneskirche im Westendorf, Johann Gottlieb Derling, seine Publikation aus dem Jahre 1748, die zum hundertjährigen Jubelfest der Einweihung der Kirche 1648 erschienen ist.251) Die Devise eines seiner Vorgänger, des Predigers Magister Jonas Siegfried, die an seinem untergegangenen Beichtstuhl in der Johanneskirche zu lesen war, gibt er in seinem Text wieder (Nr. 276 ).

Zwei Autoren, die sich mit den Inschriften der Schützengesellschaft im Schützenhaus beschäftigt haben, sind Johann Carl Christoph Nachtigal und Emil Hobohm, die sich in ihren Veröffentlichungen aus den Jahren 1794 und 1904 mit der Geschichte der Halberstädter Schützen befaßt haben und dabei auch Inschriften wiedergeben (Nr. 6 , 251 ).252) Mit Inschriften der Halberstädter Schützen beschäftigte sich auch Georg Arndt in zwei Publikationen aus den Jahren 1909 und dem Jahr darauf zu den „Glaswappen der Schützengesellschaft zu Halberstadt.“253)

[Druckseite XXXI]

Die weitaus größten Kontingente mit vielen nur noch abschriftlich überlieferten Inschriften findet man bei Karl Scheffer in „Inschriften und Legenden Halberstädter Bauten“ aus dem Jahr 1864 und in der 1910 erschienenen Schrift „Zur Heimatkunde von Halberstadt“ von Georg Arndt, deren erstes Heft der äußeren Entwicklung der Stadt gewidmet ist.254) Dieses schmale, aber sehr verdienstvolle Werk gibt, ähnlich wie der Beitrag Scheffers, die Inschriften der Stadt hauptsächlich an Gebäuden wieder, die beide Autoren größtenteils noch mit eigenen Augen sehen konnten, die aber heute zum allergrößten Teil den Zerstörungen des Zweiten Weltkrieges zum Opfer gefallen sind. So läßt sich anhand beider Veröffentlichungen die städtische Wohnbebauung im 16. und 17. Jahrhundert, sofern die Bauten Inschriften aufwiesen, leicht verfolgen.255) Vielfach handelte es sich bei diesen Inschriften zwar nur um Jahresangaben oder Jahreszahlen, die aber oft zur Verfolgung der topographischen Entwicklung genügen. Dabei bietet Arndt meistens – aber nicht in jedem Fall – die exaktere Lesung und oft auch Bemerkungen zur Ausführung. Die Inschriften an den Häusern enthalten in etlichen Fällen die Namen von Bauherren und Besitzern sowie Sprüche mit religiösem oder moralischem Inhalt.

„Beschreibende Darstellung der älteren Bau- und Kunstdenkmäler der Kreise Halberstadt Land und Stadt“ lautet der Titel des von Oscar Doering bearbeiteten Denkmalverzeichnisses aus dem Jahr 1902.256) Es handelt sich um eine verhältnismäßig genaue Quelle für untergegangene Inschriften an Glocken und liturgischem Gerät der verschiedenen Halberstädter Kirchen. Auch die Inschriften an oder in einigen Gebäuden gibt Doering entweder als einzige Quelle wieder, oder aber er bietet die bessere Lesung. Eine Inschrift an einem Haus in der Trillgasse hatte nur noch Johann Heinrich Lucanus sehen können und in einem Beitrag über das Trüllkloster in den „Gemeinnützige[n] Unterhaltungen“ mitgeteilt.257) Die Zeichnung eines unbekannten Zeitgenossen des 19. Jahrhunderts, der vielleicht die Initialen GK hatte, und die in einer Papierhandschrift des 15. Jahrhunderts der Legenda Aurea im Halberstädter Domschatz als Lesezeichen benutzt worden war, gibt eine kurze Inschrift des Hauses Domplatz 7 in Abzeichnung wieder.258) In einen Artikel für einen Bochumer Ausstellungskatalog aus dem Jahr 2003 handelte Alheidis von Rohr über einen bei Grabungen in Halberstadt gefundenen Glashumpen mit Bergbaumotiven und die zugehörigen Bildbeischriften.259)

Drei Inschriften des Anhangs zum Halberstädter Dom260) beruhen auf einem Handschriftenfund, den der Kollege Jan Ilas Bartusch aus Heidelberg in der Niedersächsischen Landesbibliothek in Hannover gemacht hat.261) Die Papierhandschrift unbekannter Herkunft, vermutlich des 17. Jahrhunderts, enthält Wappen und Inschriften an Denkmalen in Norddeutschland und Polen. Sie war offensichtlich die Vorlage für die handschriftliche Sammlung „Grabinschriften in deutschen Kirchen“, die Julius Karl Adolf Friedrich Graf von Oeynhausen (1843–1886) in einzelnen Blättern angelegt hatte, die schon für die Inschriften des Doms zu Halberstadt genutzt wurden.262) Damals war festzustellen, daß Oeynhausen, wie Kolleginnen in Göttingen analog schon für Braunschweig und Hildesheim deutlich gemacht hatten,263) die Inschriften aus dem Halberstädter Dom z. T. nicht selbst gesehen haben konnte, weil drei der Denkmale zu seinen Lebzeiten gar nicht mehr vorhanden waren.264) Ein Vergleich der für den Halberstädter Dom überlieferten Inschriften mit den tatsächlich noch vorhandenen Denkmalen bzw. den bei Oeynhausen überlieferten zeigte, daß exakt dieselben Fehler oder Fehlstellen vorkommen, die auch Oeynhausens Texte aufweisen. Den zehn Inschriftenträgern, die im Domband265) ganz oder teilweise nach Oeynhausen ediert sind, können hier noch zwei vollständig neu hinzugefügt werden (Nr. 36a , 108a ), ein weiterer läßt sich durch den Text eines Epitaphs, den Oeynhausen vermutlich entweder nicht lesen konnte oder ihn aus anderen Gründen überging, ergänzen (Nr. 199a ). Nach dem Fund der Handschrift in Hannover ist aber auszuschließen, daß es sich um Übernahmen aus einem verschollenen Manuskript des Domküsters [Druckseite XXXII] Conrad Matthias Haber aus Halberstadt handelt, wie damals vermutet wurde.266) Drei weitere Inschriften sind aufgrund von zur Verfügung gestellten Lichtbildaufnahmen als Nachtrag aufgenommen.267) Zwei schließlich sind an zwei Objekten entdeckt worden, die früher nicht zugänglich waren.268)

Zitationshinweis:

DI 86, Stadt Halberstadt, Einleitung (Hans Fuhrmann), in: inschriften.net,   urn:nbn:de:0238-di086l005e007.

  1. Nr. 81 , 163 (†)?, 274 (). »
  2. Nr. 20 (), 22 (), 23 , 217 (), 243 (). »
  3. Nr. 100 , 129 , 138 , 139 , 152 , 158 , 185 , 187 , 206 , 248 , 249 »
  4. Nr. 11 , 25 , 37 , 40 , 45 , 59 , 72 , 79 , 123 , 181 , 186 , 192 (†), 208 »
  5. Nr. 3 (†). »
  6. Nr. 13 , 14 (), 17 , 46 , 83 , 86 , 95 , 96 , 101 , 102 , 109 , 119 , 149 »
  7. Nr. 322 »
  8. Nr. 36a , 108a , 199a »
  9. Nr. 50a (†), 116b, 184a. In diesen Fällen sind die Träger noch vorhanden, aber nicht mehr zugänglich. »
  10. Nr. 116a, 210a»
  11. Haber 1737. »
  12. Ebd., S. 7. »
  13. Doering 1899, S. 121. »
  14. Nr. 117 ; 38 , 56 , 57 , 87 , 261 »
  15. Abel 1754, S. 223 f.; Leuckfeld 1721, S. 56 Anm. (d). »
  16. Quast 1845, S. 225 und die Pausen der Obergadenausmalungen in Halle LDASA. »
  17. BKD, Abb. Fig. 116–127; Katalog Quedlinburg 1981, S. 4, 16–18, 26 f. »
  18. Uffenbach 1753, S. 148 f. »
  19. Lucanus 1788, S. 7. »
  20. Nebe 1876, S. 291, 295. »
  21. Siebrecht 1964, S. 228 f. »
  22. Elis 1886, S. 19. »
  23. UB S. Bonifacii et S. Pauli, Nr. 416 S. 533, 433 S. 538, 473 S. 548. »
  24. Derling 1748, S. 85. »
  25. Nachtigal 1794; Hobohm 1907. »
  26. Arndt 1909 b; Arndt 1910 b. »
  27. Scheffer 1864; Arndt 1910 a. »
  28. Siehe Kapitel 2.1. bei Anm. 49–52. »
  29. BKD. »
  30. Lucanus 1806 a. »
  31. Halberstadt Domschatz, Inv.-Nr. 504; der Zettel wurde wieder dorthin zurückgelegt. »
  32. Katalog Bochum 2003, S. 305 (Alheidis von Rohr). »
  33. DI 75 (Halberstadt Dom), Nr. 108a †, 199a †, 36a †»
  34. Hannover, Niedersächische Landesbibliothek MS VIII. 648. Ich danke Jan Ilas Bartusch und den Göttinger Kolleginnen für die freundliche Überlassung der CD mit einem Scan der Handschrift. »
  35. Hannover, Niedersächische Landesbibliothek Oy H-42 (Julius Karl Adolf Friedrich Graf von Oeynhausen (1843– 1886), Sammlung von Grabinschriften in deutschen Kirchen); vgl. DI 75 (Halberstadt Dom), S. XXV f. »
  36. DI 56 (Braunschweig II), S. XXIV; DI 58 (Stadt Hildesheim Teil 1), S. 32»
  37. DI 75 (Halberstadt Dom), S. XXV f. »
  38. DI 75 (Halberstadt Dom), Nr. 200 (†), 204 †, 210 †, 227 †, 234 †, 75 †, 76 †, 86 †, 98 †, 50 †; der Text der Grabplatte Nr. 199 † wurde um denjenigen des zugehörigen Epitaphs vermehrt; zwei der Stücke Nr. 160, 184 sind noch vollständig vorhanden. »
  39. DI 75 (Halberstadt Dom), S. XXVI»
  40. DI 75 (Halberstadt Dom), Nr. 116b, 184a, 50a»
  41. DI 75 (Halberstadt Dom), Nr. 210a, 116a»