Inschriftenkatalog: Dom zu Halberstadt

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 75: Halberstadt Dom (2009)

Nr. 249 Dom, Vierung 1605/06

Beschreibung

Epitaph für den Domdekan Kaspar von Kannenberg (1588–1605); heller Sandstein und Alabaster, weiß und bräunlich, Marmor; leichte Beschädigungen, Reste einer Farbfassung erhalten, mehrfach restauriert und übermalt;1) von Sebastian Ertle geschaffen; in situ2) am südöstlichen Vierungspfeiler in 217 cm Höhe über der Grabstelle, die ehemals eine Grabplatte deckte.3) Monumentale mehrgeschossige Ädikula; Relief und vollplastische Figuren, geschweifter Umriß, vertikal in drei Achsen, horizontal in drei Geschosse und zusätzliche Gesimse und Sockelstreifen gestaffelt. Der von drei Tugenddarstellungen (Glaube, Liebe, Hoffnung) flankierte und bekrönte Giebel zeigt Gottvater mit Weltkugel und Segensgestus, darunter, unter einem verkröpften Gesims, dessen Seitenwangen mit Vanitassymbolen haltenden Genien geschmückt sind, eine von korinthischen Säulen flankierte Reliefplatte mit Auferstehung und Himmelfahrt Christi. Darunter das verkröpfte, mit Ohrmuschelwerk und Obelisken geschmückte Gesims der Hauptzone, daran neben weiterem Zierat ein zentrales, großes Vollwappen und zu beiden Seiten je zwei kleinere Vollwappen. In der von Wangen mit geflügelten Cherubsköpfen und Vanitassymbolen gefaßten mittleren Zone, die von je zwei freistehenden korinthischen Säulen gerahmte Hauptplatte mit einer vielfigurigen Kreuzigung. Rechts und links davon oben in einem von Hermenpilastern flankierten Zwischenfeld die vier Evangelisten: links Matthäus und Markus, rechts Lukas und Johannes. Darunter, wiederum von je einer korinthischen Säule gerahmt, in Rundbogennischen links Christus den Kreuzesstamm haltend, rechts eine alttestamentliche Figur oder Johannes der Täufer,4) über beiden Nischen je zwei Vollwappen. Auf einer Plattform vor der Kreuzigung vollplastisch der Verstorbene, kniend betend, in Mühlsteinkragen und breitärmeligem Gewand, barhäuptig. Die Plattform selbst von Volutenkonsolen mit figürlicher Schauseite getragen, auf den flankierenden Rollwerkwangen Medaillons mit alttestamentlichen Figuren: links Moses, rechts David. Weitere Wappen, die zu einer Ahnenprobe des Verstorbenen gehörten, fehlen heute. Möglicherweise waren sie nur an Haken am Rand der Plattform angehängt. Von ehemals wohl zehn Haken, sind neun heute noch vorhanden, nur an einem ein Wappen.5) Im Unterhang in einer Rollwerkkartusche die Inschriftenplatte, darauf zeilenweise, vergoldet auf schwarzem Grund in Scriptura continua auf drei erhabene stehengebliebene Bossenleisten gemalt der Sterbevermerk (A), darunter das zeilenweise erhaben ausgehauene Totenlob (B). In einer rollwerkverzierten ovalen Kartusche in der Mitte des vielgestaltigen, mit Festons und geflügelten Putten geschmückten Abschlusses des Unterhangs das Meisterzeichen des Steinmetzen über zwei gekreuzten Schlüsseln,6) in einer von zwei vergoldeten Stegen gerahmten Leiste umlaufend, die eingehauene Künstlersignatur (C). Am Kruzifix der Hauptplatte aufgemalt der Kreuztitulus (D).

Maße: H. 535 cm, B. 285 cm, T. ca. 75 cm, Bu. 2–2,4 cm (A, B), 1,7 cm (C), 1,3 cm (D).

Schriftart(en): Kapitalis.

Markus Scholz, Halle [1/2]

  1. A

    REVEREND(VS) NOBILIS AC PRAESTANS VIR D(OMINVS)a) CASPAR / A KANNENBERG CATHE(DRALIS)b) H(VIVS) ECC[L](ESI)AE DECAN(VS) BENE = / MERIT(VS) OBYT 31 IANVARY A(NN)Oc) [16]05 [AET]AT(IS) 72

  2. B

    CONDITVR HOC TVMVLO MVLTOS CVM LAVDEd) PER ANNOS /CANBERGVS SVMMI DVX COLVMENQ(VE) CHORI . /QVI SI QVEM VIRTVS GRAVITAS CONSTANTIAe) LETHOf) /EXIMAT AETERNVM VIVERE DIGNVS ERAT /SED NON HAEC NEC OPES GENERISQ(VE) VEL ORDINIS VLLVMg)GLORIA FATORVM SOLVERE LEGE POTEST . /ERGO QVI TRANSIS VANA HAEC LVDIBRIA MVNDI /DESPICE ET AD SVPERAS LVMNAh) VERTEi) DOMOSj)

  3. C

    BASTIAN // ERTLE STEIN//METZ ZV // MAGDEB(VRG)k)

  4. D

    I(ESVS) N(AZARENVS) R(EX) I(VDEORVM)7)

Übersetzung:

A: Der ehrwürdige, edle und vortreffliche Mann, Herr Kaspar von Kannenberg, wohlverdienter Dekan dieser Bischofskirche, starb am 31. Januar 1605 im Alter von 72 (Jahren). B: Begraben liegt unter diesem Grabmal Kannenberg, viele Jahre hindurch mit Verdienst Leiter und Stütze des höchsten Chores, der, wenn jemanden Tugend, Würde, Standhaftigkeit vom Tod befreite, würdig war ewig zu leben. Aber nicht diese und weder Reichtum noch Ruhm des Geschlechtes oder Standes kann irgendeinen vom Gesetz des Schicksals befreien. Also, der Du vorübergehst, verschmähe diese nichtige Kurzweil der Welt und wende die Augen zu den himmlischen Heimstätten.

Versmaß: Vier elegische Distichen (B).

Wappen:
Kannenberg8)
unbekannt9) Badingen?10) Kannenberg8) unbekannt11)
Lindstedt II?12) Lindstedt I?13)Creutzen14) unbekannt15)
Plato?16).

Kommentar

Sehr regelmäßige, schmale Proportionen und gleichmäßige Schriftstärkenwechsel kennzeichnen diese Schrift. Besonders auffällige Formen zeigen das M mit lotrecht verlaufenden Seitenhasten und verkürztem Mittelteil, die sehr spitzovale Form des O und das X mit dem geschwungenen Linksschrägschaft. Interpunktion und Kürzungen werden durch Dreiecke und Quadrangel vorgenommen. Echte Junkturen zu den Versen der Inschrift B sind nicht zu finden. Als Auftraggeber des Epitaphs müssen die Testamentsvollstrecker, die Domherren Matthias von Oppen und Ernst von Arnstedt sowie die Domvikare Johannes Lange und Johannes Schultze, gelten. Letzterer war lange Jahre der Sekretär des Dekans (vgl. Nr. 273) und wird auch im Testament bedacht.17) Der Bildhauer Sebastian Ertle (um 1570–1612) stammt aus Überlingen am Bodensee, seit 1595 ist er in Magdeburg, wo er das Bürgerrecht besaß, und Umgebung nachweisbar, wo er bis 1612 durch neun gesicherte Werke und neun weitere, ihm zugeschriebene, belegt ist.18) Für das Kannenberg-Epitaph mußte er den Mitteldienst des Vierungspfeilers abtragen.19) Der stehengebliebene Stumpf wirkt so wie eine Stütze. Dafür ließ Ertle im Sommer 1606 „auff seine Unkosten das Bieldt am Pfeiler ein wenig verrücken“.20) Mit diesem Bild ist sicherlich die heute links neben dem Epitaph befindliche Skulptur der Maria Magdalena gemeint gewesen, die zu Anfang des 16. Jahrhunderts entstanden ist (vgl. Nr. 155). Teile des Kannenberg-Epitaphs stammen von einem Gehilfen, Ludolf Barthold (Lulef Bartels), der zwischen 1595 und 1605 in Ertles Werkstatt tätig war.21) Zu Kaspar von Kannenberg vgl. Nr. 248.

Textkritischer Apparat

  1. DOMINVS] Gekürzt durch Dreispitz auf der Grundlinie.
  2. CATHEDRALIS] Gekürzt durch zwei vertikal übereinander angebrachte Quadrangel.
  3. ANNO] Kürzungszeichen fehlt.
  4. LAVDE] Der linke Schrägschaft des A über den Balken des L gestellt.
  5. CONSTANTIA] I unter den Balken des T gestellt.
  6. LETHO] BONA Ratzka 1998.
  7. VLLVM] Das zweite L über den Balken des ersten L gestellt. M verkleinert und auf dem Rand angebracht.
  8. LVMNA] Sic! LVMINA Haber, Meibom, Ratzka.
  9. VERTE] T verkleinert und aufgemalt, vermutlich als Korrektur nachträglich eingefügt.
  10. DOMOS] Die beiden letzten Buchstaben aus Platzgründen verkleinert und hochgestellt.
  11. MAGDEBURG] Gekürzt durch zwei vertikal übereinander angebrachte Quadrangel.

Anmerkungen

  1. Vgl. Ratzka 1998, Anhang S. 22 f. nach den Restaurierungsberichten von Susanne Schirmer 1980/81 für die Arbeitsstelle für Denkmalpflege in Halle.
  2. Vgl. Haber 1739, S. 29 f.
  3. Vgl. ebd., S. 30; Nr. 246.
  4. Samson, Abraham, Adam (?), jedenfalls eine typologische alttestamentliche Entsprechung Jesus’ oder Johannes’ d. T., so Deneke 1913, S. 149 f.
  5. Von den Wappen fehlten vor 1913 nur „vier kleinere“; vgl. Deneke 1913, S. 150; eines liegt heute zusammen mit weiteren Bruchstücken in einer Plastiktüte auf der Plattform.
  6. Vgl. Taf. LXXXII, Nr. 12 und Deneke 1913 Teil II, S. 145, 147.
  7. Io 19,19.
  8. Drei Kannen 2:1, HZ: die Schildfigur zwischen zwei mit Bändern umwundenen Büffelhörnern; vgl. Siebmacher BraA, S. 44 und Taf. 25.
  9. Eine zweizinkige Gabel begleitet von drei Kleeblättern mit gewundenem Stiel 2:1, HZ: abgebrochen.
  10. Ein linksgewendeter Fisch, begleitet von drei gestielten Kleeblättern 2:1, HZ: abgebrochen; vgl. Siebmacher BraA, S. 6 und Taf. 2.
  11. Ein gebeugter Rechtarm.
  12. Drei Schwerter fächerförmig in einen Ring gestellt; vgl. Siebmacher BraA, S. 55 und Taf. 32.
  13. Drei Mauerhaken oder Wolfsangeln (?) 2:1; vgl. Siebmacher SaA, S. 29 und Taf. 18, S. 156 und Taf. 101, S. 167 und Taf. 108; ebd. Han, S. 7 und Taf. 8. Es könnte sich nach der Wappenfigur auch um das Wappen Bula, Seydewitz II, Tettenborn II, Sandersleben, Galen, Boetzler oder Prabeck handeln; vgl. auch Siebmacher Si 1, S. 146, 211, 191, 187.
  14. Ein Pfahl; vgl. Siebmacher SaA, S. 33 und Taf. 20, S. 174 und Taf. 113, S. 192 f. und Taf. 125, S. 142 und Taf. 93; ebd. Han, S. 7 und Taf. 7; ebd. Brau, S. 5 und Taf. 3; ebd. AnhA, S. 36 und Taf. 20. Auch das Wappen Vitzenhagen, Zechau, Sandersleben II, Gadenstedt oder Kreytzen? (wenn nicht identisch mit Creutzen) könnte aufgrund der Wappenfigur in Frage kommen. Vgl. Siebmacher Si 1, S. 156, 180, 183.
  15. Ein Hund (?) mit gebogenem Rücken.
  16. Mit zwei linken Spitzen geteilt; vgl. Siebmacher Han, S. 14 und Taf. 15; ebd. AnhA, S. 88 f. und Taf. 53. Hier wäre nach der Wappenfigur auch Wechmar möglich.
  17. LHASA Magdeburg, Rep. Cop. 498, fol. 98v–99r bittet Kannenberg seine Testamentsvollstrecker um ein Begräbnis im Dom im Familiengrab „vnd so baldt muglich einen feinen grabstein leggen, auch ein Epitaphium setzen lassen“. Vgl. auch Ratzka 1998, Anhang S. 22.
  18. Vgl. zu Sebastian Ertle und seinen Werken Thieme/Becker Bd. 11, S. 16; Deneke 1913, S. 149 ff.; Ratzka 1998, S. 76–107 sowie ebd., Anhang S. 101–103.
  19. Zum Kannenberg-Epitaph vgl. Deneke 1913, S. 149 f.; Ratzka 1998, Anhang S. 21–23.
  20. Mülverstedt 1894, S. 315.
  21. Vgl. Dehio Sachsen-Anhalt I, S. 146; Saur 1993, S. 211; Ratzka 1998, S. 140–150.

Nachweise

  1. Haber 1739, S. 29 f.
  2. Meibom 1749, S. 150 f. (jeweils A, B).
  3. Ratzka 1998, S. 21 f. (A–C).

Zitierhinweis:
DI 75, Halberstadt Dom, Nr. 249 (Hans Fuhrmann), in: www.inschriften.net, https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0238-di075l003k0024903.