Inschriftenkatalog: Dom zu Halberstadt

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 75: Halberstadt Dom (2009)

Nr. 229 Dom, Alter Kapitelsaal 1590

Beschreibung

Grabplatte des Domherrn Werner von Bornstedt; an der Nordwand des Alten Kapitelsaals, als fünfte Platte von Westen aufgestellt;1) heller Sandstein. In einer von Pilastern getragenen Rundbogennische, ein bärtiger Kleriker, angetan mit Birett, Halskrause, pelzverbrämter, von Kordeln gehaltener Almutie und Chorrock, in den Händen ein Buch. Die mit blattmaskengeschmückten Postamenten versehenen Pilaster, das Gesims und der Bogenscheitel sind mit geflügelten Cherubsköpfen verziert, in den Ecken vier Vollwappen. Auf dem Rand umlaufend eingehauen und in einer Zeile über dem Architekturbogen fortgesetzt, der Sterbevermerk (A). Auf den Pilastern jeweils zweizeilig in Längsrichtung eingehauen die Totenklage (B), auf dem rechten Pilaster von oben nach unten beginnend, links von unten nach oben fortgesetzt.

Maße: H. 201 cm, B. 110 cm, T. 9 cm, Bu. 4,6 cm (A), 3 cm (B).

Schriftart(en): Kapitalis.

SAW Leipzig, Inschriftenkommission (Hans Fuhrmann/Marion Gronemann) [1/1]

  1. A

    AN(N)Oa) 1590 // 24 APR(ILIS) // OBIIT · REVEREND(VS) · AC NOBILISb) · DO(MI)N(VS) WERNERVS · A // [B]ORNSTIDTc) HVIVS // ECCLESIAE CANONIC(VS) CVI(VS) ANIMA REQVIESCAT // IN PACE // AMEN

  2. B

    GRANDE SCEL(VS), SERVO DOMINI CRVDELITERd) ICTV /TRANSADIGI COSTAS, NOCTE, SILENTE, GLOBI . //AEDIB(VS) IN PROPRIIS WERNER SIC CONECIDITe) ICT(VS), /GENTIS QVI BORNSTIDT LAVSQ(VE)f) DECVSQ(VE) FVITg)

Übersetzung:

A: Im Jahre 1590 den 24. April starb der ehrwürdige und edle Herr Werner von Bornstedt, Domherr dieser Kirche. Seine Seele ruhe in Frieden, amen. B: Ein großes Verbrechen war es, daß dem Diener des Herrn durch den Schuß einer Kugel in stiller Nacht grausam die Rippen durchbohrt werden; so ging Werner, der Ruhm und Zier des Geschlechtes Bornstedt war, im eigenen Haus getroffen, zugrunde.

Versmaß: Zwei elegische Distichen (B).

Wappen:
Bornstedt2) Stockheim?3)
Kagen?4) unbekannt5).

Kommentar

Die Buchstaben wurden tief und breit eingemeißelt. Hasten-, Balken- und Bogenenden sind keilförmig verbreitert. A kommt mit und ohne einen links überstehenden Deckbalken vor, manchmal wird der linke Schaft gerade, der rechte schräg ausgeführt. Die Bogenenden des D gehen über den Schaft hinaus. M hat schräggestellte Seitenhasten und einen kurzen Mittelteil. Die Cauda des Q setzt geschwungen am linken unteren Bogenabschnitt an, die des G sitzt lotrecht auf. Diejenige des R ist leicht geschwungen und spitz zulaufend. Die arabischen Ziffern 1 und 5 sind mit Schleifen an Schaftbzw. Bogenenden versehen. Als Worttrenner dienen Quadrangel auf Zeilenmitte, vgl. 226, 228, 230. Werner von Bornstedt stammte aus einem Geschlecht des halberstädtischen Stiftsadels, das hauptsächlich in Hornhausen und Nienhagen begütert war.6) 1583 und noch 1590 wird er von Lentz als Halberstädter Domherr erwähnt.7) Er wurde von seinem Kutscher erschossen.8)

Textkritischer Apparat

  1. ANNO] Kürzungszeichen fehlt.
  2. NOBILIS] Verkleinertes I über den Balken des L gestellt.
  3. BORNSTIDT] Die ersten drei Buchstaben durch Erosion beschädigt.
  4. CRVDELITER] Verkleinertes I unter den Balken des T gestellt.
  5. CONECIDIT] Sic! Für CONCIDIT; CONRIDIT Domarchiv, Zeichnung Schäfer 1842.
  6. LAVSQVE] A teilweise über den Balken des L gestellt.
  7. FVIT] Verkleinertes I unter den Balken des T gestellt.

Anmerkungen

  1. Der ursprüngliche Standort ist nicht bekannt. Die Platte gehört zu den in der Mitte des 19. Jahrhunderts in den Alten Kapitelsaal verlegten. Der vorherige Standort wird nicht genannt; vgl. Halberstadt, Domarchiv, Loc III Nr. 1, Alte Inventarien-Verzeichnisse, Bl. 54.
  2. Eine gestulpte Mütze mit Quaste, HZ: die Mütze mit vier Straußenfedern besteckt; vgl. die unterschiedlichen Beschreibungen und Zuweisungen bei Siebmacher AnhA, S. 74 und Taf. 42; ebd. SaA, S. 24 und Taf. 15, ebd. Pr, S. 94 und Taf. 122; ebd. BraAE, S. 4 und Taf. 2; ebd. PrE, S. 25 und Taf. 20; Ledebur Bd. 1, S. 89; Kneschke Bd. 1, S. 580 f.; Adelslexikon Bd. 2, S. 118; siehe auch die abweichende Beschreibung bei Oeynhausen 1874, S. 322. Ob die ebd., S. 323 beigegebene Stammtafel zu dem veröffentlichten Manuskript gehört oder vom Autor hinzugefügt wurde, ist nicht ersichtlich. Die dort als Geschlecht der Großmutter väterlicherseits angegebene Familie v. Dorstadt ist auf den Wappen der Grabplatte nicht vertreten.
  3. Zwei gekreuzte Pfeile, HZ: drei Straußenfedern; vgl. Siebmacher SaAE, S. 21 und Taf. 16 mit abweichender Helmzier; Ledebur Bd. 2, S. 488; Kneschke Bd. 9, S. 51. Zur abweichenden Helmzier bei Siebmacher vgl. auch Mülverstedt 1870, S. 638 f., der als Helmzier drei Straußenfedern ermittelt hat.
  4. Ein Anker, HZ: drei Straußenfedern; vgl. Siebmacher SaA, S. 81 und Taf. 51; Ledebur, Bd. 1, S. 405; Kneschke Bd. 4, S. 618; Mülverstedt 1870, S. 630 f. Leicht abweichende Wappenfigur bei Siebmacher Sil, S. 167.
  5. Ein Löwe, HZ: ein Löwe wachsend.
  6. Vgl. Oeynhausen 1874, S. 322; Nebe 1880, S. 87 f. und 138 f.
  7. Lentz 1749, S. 309 f.
  8. Vgl. Oeynhausen 1874, S. 323.

Nachweise

  1. Halberstadt, Domarchiv, Zeichnung von Johann Schäfer 1842, ohne Signatur.

Zitierhinweis:
DI 75, Halberstadt Dom, Nr. 229 (Hans Fuhrmann), in: www.inschriften.net, https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0238-di075l003k0022901.