Inschriftenkatalog: Dom zu Halberstadt

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 75: Halberstadt Dom (2009)

Nr. 212 Dom, Langhaus, südliches Seitenschiff 1571

Beschreibung

Zifferblatt einer Uhr; im westlichsten Joch des südlichen Seitenschiffs an der Westwand in ca. 9 bis 10 m Höhe, ehemals an der westlichen Außenseite des Südturms unterhalb des Gesimses.2) Holz (und Metall?), farbig gefaßt, der Grund blau und schwarz, die Ziffern und Stege golden, die Zeiger fehlen, sonst gut erhalten. In mehrfach profiliertem Rahmen, bekrönt von einer Rollwerkkartusche mit einem Wappen, das Zifferblatt aus dreifachen Stegen, gehalten von zwei heranfliegenden Engeln, die gleichzeitig einen um einen Totenschädel gelegten Blattkranz halten. Im innersten Kreis eine zwölfstrahlige ornamentale Sonne, im mittleren Kreis zwischen den beiden inneren Stegen einzeilig umlaufend die Viertelstundenziffern (A), im äußeren Kreis zwischen den äußeren Stegen umlaufend die Stundenziffern (B); am unteren Rand des Zifferblattes in einer von zwei Engeln gehaltenen Rollwerkkartusche die Jahreszahl (C).

Maße: H. ca. 250 cm, B. ca. 200 cm, Bu. ca. 7 cm.

Schriftart(en): Gotische Minuskel (A, B).

SAW Leipzig, Inschriftenkommission (Hans Fuhrmann/Marion Gronemann) [1/1]

  1. A

    i ii iii iiii

  2. B

    i ii iii iiii v vi vii viii ix x xi xii

  3. C

    15 · 71 ·

Wappen:
Stift Halberstadt1).

Kommentar

Die Schrift von A und B ist eine sorgfältig gestaltete Minuskel. Eine Besonderheit kennzeichnet die Schrift: ein symmetrisches v, dessen Schaft oben nach rechts statt nach links gebrochen ist. Trennungszeichen zwischen den Ziffern: Quadrangel auf Zeilenmitte.

Das Zifferblatt gehörte zu einer Glocke mit Viertelstundenschlag. Schon 1470 oder sogar noch zehn Jahre zuvor war eine Stundenglocke gegossen worden, die durch ihre Inschrift eindeutig als Teil einer mechanischen Turmuhr identifiziert werden kann (vgl. Nr. 99 †).3) Plato berichtet 1791, daß über der Festtagsglocke, der sog. Donna, also im zweiten Glockengeschoß im Südturm, zwei Seigerglocken (Uhrglocken) gehangen haben, und zwar für den Viertel- und Stundenschlag.4) Nach einem Inventar von 1731 gab es drei Uhrglocken5): eine mit einer Inschrift versehene für den Stundenschlag (Nr. 99 †) und zwei, für die keine Inschriften überliefert sind.6) Eine von beiden könnte zum Zifferblatt von 1571 gehört haben, das eindeutig für einen Viertelstundenschlag vorgesehen war. Diese Glocke könnte „eine der größeren Glocken“ gewesen sein, die Lucanus erwähnte, und die nach seinen Angaben von Hans Meisner aus Braunschweig gegossen wurde.7) Denn das Jahr 1571 paßt zur Schaffenszeit dieses Gießers, von dem weitere inschriftlich datierte Gußwerke im Halberstädter Dom erhalten sind (Nr. 203, 208, 215), und zu keiner der anderen Glocken. Ein „neuer Seiger“, also eine Uhr, wurde im Jahr 1607 von M. Ulrich für den Betrag von 100 Talern gemacht.8) Für das Jahr 1850 berichtet der Kirchenkalender des Doms über die (Wieder?)Herstellung der Turmuhr und den Umguß von zwei Schlagglocken im Jahr 1845 (durch Gettwerth), nachdem vorher schon das Zifferblatt erneuert worden war.9) 1878 wurde ein Herr Stilke als Domuhrmacher abgelöst.10) Seit wann das Zifferblatt von 1571 sich im Inneren des Domes befindet und ob der gute Erhaltungszustand damit in Zusammenhang steht, weiß man nicht. Beispiele für im Kirchenraum genutzte Uhren gibt es.11)

Anmerkungen

  1. Gewendet, von Rot und Silber gespalten; Siebmacher Bi, S. 144 mit Taf. 227.
  2. Vgl. Vorsatzblatt von Conrad Matthias Haber in der ersten Ausgabe seiner Kurtz=gefaßte Aber doch gründliche Nachricht von der Hohen Stiffts=Kirchen oder so genannten Dom=Kirchen zu Halberstadt Und deroselben Meerckwürdigkeiten, von Conrad Matthias Haber, Halberstadt 1728; auch um 1830 war die Turmuhr noch an dieser Stelle befindlich, unbekannter Künstler, Sepiazeichnung, Städtisches Museum Halberstadt; vgl. auch Peter 1999, Abb. 6 und 7. BKD, S. 299 nennt schon den heutigen Standort. Vgl. zu Uhr und Zeitmessung LexMA Bd. VIII, Sp. 1181–1184 (G[erhard] Dohrn-van Rossum); ebd. Bd. IX, Sp. 515–517 (A. J. Turner) sowie zu Turmuhren Walter 1913, S. 222 f. Anm. 2. Zur Entwicklung der Technik von Turmuhren siehe Peter 1986b, S. 25–40. Zu Uhren in der Frühen Neuzeit vgl. auch Wendorff 1985, S. 152–196; Dohrn-van Rossum 1992, S. 241–253.
  3. Vgl. auch Peter/Bund 1997, S. 331 f., 349; Peter 1999, S. 135; BKD, S. 269.
  4. Plato 1791, S. 333, 349; vgl. auch die beiden in Anm. 2 genannten Abbildungen.
  5. LHASA Magdeburg, Rep. A 15, Lit. D Nr. 5.
  6. Jacobs 1873, S. 509 und 511 zieht irrtümlich den Schluß, daß die im Inventar von 1731, das ihm nur in einer Abschrift Mülverstedts vorlag, genannten „Zwey Viertel Seigers Glocken“ mit den folgend genannten Spendeglocken identisch seien. Diese werden jedoch im Inventar als eigene Kategorie „Spendeglocken“ mit ihren Inschriften genannt, und sie haben immer im zweiten Glockengeschoß des Nordturms gehangen. Für die Uhrglocken werden im Inventar, wie auch für einige andere, kleinere Glocken, keine Inschriften genannt; vgl. LHASA Magdeburg, Rep. A 15, Lit. D Nr. 5. Die Schlagglocken haben wohl auch immer im zweiten Glockengeschoß des Südturms gehangen; vgl. Haber 1739, S. 15; Plato 1791, S. 333.
  7. Lucanus 1837, S. 8. Damit wäre dann Peter 1999, S. 131 f. zu widersprechen, der annimmt, der Guß der Hans Meisner zuzuweisenden Glocke müsse der einer Ave-Maria-Glocke gewesen sein.
  8. Mülverstedt 1894, S. 353.
  9. DKK 1850, S. 4; vgl. zum Umguß von Nr. 99 † zuletzt Peter 1999, S. 135.
  10. DKK 1878, S. 6.
  11. Vgl. DI 57 (Stadt Pforzheim), Nr. 62; zu weiteren inschriftlich belegten Uhren siehe auch DI 4 (Wimpfen am Neckar), Nr. 306; DI 10 (Niederösterreich I: Amstetten und Scheibs), Nr. 250; DI 54 (Mergentheim), Nr. 433.

Zitierhinweis:
DI 75, Halberstadt Dom, Nr. 212 (Hans Fuhrmann), in: www.inschriften.net, https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0238-di075l003k0021209.