Inschriftenkatalog: Dom zu Halberstadt

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 75: Halberstadt Dom (2009)

Nr. 209 Dom, Kreuzgang 1565

Beschreibung

Grabplatte des Domherrn Johannes von Heilingen; im siebten Joch von Osten an der Nordwand des Kreuzgangs auf einem Sandsteinsockel aufgestellt;1) heller Sandstein. Relief, in einer im Knie- und Schulterbereich durch Gesimse gegliederten, von Pilastern getragenen Rundbogennische, deren obere Zwickel durch Blattornamente verziert sind, der Kleriker in Birett, pelzverbrämter, mit Quasten gesäumter und von einer Agraffe gehaltenen Almutie, in den Händen ein Buch, zu Füßen sein Vollwappen. Am Rand in eingetiefter Inschriftenleiste umlaufend, erhaben ausgeführt die Grabbezeugung. Die Platte ist sehr verwittert, abgetreten und beschädigt, Schriftausfall vor allem in der rechten unteren Hälfte und an der linken unteren Ecke des Schriftbandes.

Maße: H. 210 cm, B. 146 cm, T. 18 cm, Bu. 9,5 cm.

Schriftart(en): Gotische Minuskel mit Kapitalis- und Frakturversalien.

SAW Leipzig, Inschriftenkommission (Hans Fuhrmann/Marion Gronemann) [1/1]

  1. [S]epultura Reuerendi D[(omi)ni Joh]annis / De Helingen Huius E[cclesie] [– – –] / [Se]nioris Et Cell[erarii] Qu[i] / [– – –] anno [1]565 uiuat Jn Coe[l]o

Übersetzung:

Grabstätte des ehrwürdigen Herrn Johannes von Heilingen Seniors und Cellerarius’ dieser Kirche, der im Jahr 1565 [starb]. Möge er im Himmel leben.

Wappen:
Heilingen2).

Kommentar

Die Schrift ist eine Mischung aus gotischer Minuskel und Frakturbuchstaben mit eingestreuten Frakturversalien und einem Kapitalisversal. Einziger Kapitalisbuchstabe ist das R mit einer geschwungenen Cauda. Das a kommt nur doppelstöckig vor. Das Minuskel-r zeigt einen Zierstrich an der Fahne, der parallel zum Schaft verläuft und am Ende nach links eingerollt ist. Das s weist keine Abschlußstriche auf. Zu den Frakturbuchstaben gehört das Minuskel-d.

Johannes von Heilingen aus einem ursprünglich thüringischen Geschlecht ist schon 1518 unter den Halberstädter Domherren zu finden und wird noch im Jahr vor seinem Tod als Senior und Cellerarius sowie als Archidiakon von Osterode genannt; ihm standen Einkünfte der Maria-Magdalenen-Kapelle in Hornburg zu.3) Im Jahr 1537 verkaufte er als Senior und Domherr gemeinsam mit dem Domdekan Johannes von Mahrenholtz im Namen des Domkapitels eine Rente aus Kapitelgütern an das Halberstädter Franziskanerkloster.4) 1583 und 1605 wurden aus seinem Testament Renten aus Gütern des St. Johannisstifts erworben.5) Er ist von den im Verlaufe des 16. Jahrhunderts erscheinenden Domherren und Angehörigen des niedersächsichen Geschlechts derer von Herlingen zu unterscheiden, die ebenfalls beide Johannes hießen.6) Wem die Stiftungen eines Sakramentsbehältnisses (heute im nördlichen Seitenschiff) und einer Skulptur des Johannes d. T., früher am zweiten südlichen Langhauspfeiler, die beide die Initialen J. V. H und die Jahreszahlen 1512 bzw. 1561 tragen, zuzuschreiben sind, ist unsicher.7) Der zweimal vorkommende Name Johann de Harlingen, der zusammen mit den Jahreszahlen 1557 und 1585 im fünften Gewölbe der Nordseite des Kreuzganges überliefert ist, deutet wohl eher auf eine Stiftung bemalter Holztafeln mit Szenen aus der Heilsgeschichte, die ehemals die Gewölbe schmückten, durch die Harlinger hin. Der Name wurde jeweils in der Form Harlingen geschrieben. Am ehemaligen Anbringungsort des Epitaphs des Johannes von Heilingen zwischen erstem und zweitem Gewölbe an der Ostseite des Kreuzgangs ist der Name Johan(n)es à Hellingen belegt.8) Vielleicht ist Johannes von Heilingen auch Portanarius gewesen, wie aus einem Eintrag in den „Liber ordinarius“ des Doms zu schließen ist. Dann wäre er um den 3. August 1565 gestorben, denn zu diesem Datum ist eine Memoria für einen gleichnamigen Kanoniker und Portanar verzeichnet.9) Nach dem von Oeynhausen überlieferten Epitaph soll sein Todesdatum der 3. April 1565 gewesen sein.10) Sein Wappen ist wahrscheinlich auf dem Schlußstein im sechsten Joch des Neuen Kapitelsaales angebracht (vgl. Nr. 181).11)

Anmerkungen

  1. Dort hat sie sich vor der Mitte des 18. Jahrhunderts nicht befunden, vgl. Halberstadt, Domarchiv, Grundriß des Kreuzgangs nach Haber von Carl Elis … 1836, ohne Signatur. An der Ostwand des Kreuzgangs zwischen dem ersten und zweiten Joch von Norden war damals jedoch das Epitaph des Johannes von Heilingen angebracht; vgl. Nr. 210 †.
  2. Ein Balken, HZ: auf offenem Flug ein Balken; vgl. Siebmacher SaAE, S. 67 und Taf. 42.
  3. Lentz 1749, S. 309; UB S. Bonifacii et S. Pauli in Halberstadt, S. 539 Nr. 438, S. 235 Nr. 474; vgl. zu 1564 auch Nebe 1880, S. 45, 115, 119. Vgl. auch Nr. 228.
  4. Vgl. Ulpts 1997, S. 247.
  5. UB St. Johann, Nr. 543 S. 468 f., 553, S. 474.
  6. Vgl. Lentz 1749, S. 309; [Augustin?] 1823, S. 117 f.; Adelslexikon Bd. 4, S. 444.
  7. Vgl. auch Nr. 174, 207 (†).
  8. Vgl Elis 1857, S. 103 und Halberstadt, Domarchiv, Grundriß des Kreuzgangs nach Haber von Carl Elis … 1836, ohne Signatur.
  9. Vgl. Schmidt 1881, S. 16 Nr. 164. Als Portanarius ist er jedoch sonst nicht belegt; vgl. oben Anm. 6.
  10. Vgl. Nr. 210 †.
  11. Vgl. Nr. 181.

Zitierhinweis:
DI 75, Halberstadt Dom, Nr. 209 (Hans Fuhrmann), in: www.inschriften.net, https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0238-di075l003k0020909.