Inschriftenkatalog: Dom zu Halberstadt

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 75: Halberstadt Dom (2009)

Nr. 182 Dom, Textilsaal zwischen 1475 und 1516

Beschreibung

Kasel des Dompropstes Balthasar von Neuenstadt (1475–1516), Domschatz Inv. Nr. 193;1) schwarzer Seidensamt, Kaselkreuz in Metallfaden-, Seiden- und Perlstickerei auf Leinen. Das braune Kaselkreuz mit Goldgrund zweifach gerahmt, innen teilweise in Relief Borte aus Goldfäden und blauer Seide, außen durch Borte aus rotem Leinen; Kruzifixus mit Heiligen, darüber als Halbfigur Gottvater mit Weltkugel, an den Enden des Kreuzbalkens die Halbfiguren Petrus’ und Paulus’; unter dem Gekreuzigten stehend – abgeteilt durch einen umwundenen Querstab – Maria und Johannes, darunter kniend Maria Magdalena über dem Wappenschild des Stifters; mit einer Art Klemmholz am oberen Ende des Kreuzesstammes befestigt das an den Enden eingerollte Schriftband mit dem gestickten Kreuztitulus. Die Stickerei teils abgerieben, Vorzeichnung sichtbar, Konturfaden z. T. abgelöst, einzelne Perlen lose.2) Der Samtflor fast gänzlich abgerieben, Schlitze durch Schuß- und Kettenbruch, 1985/86 restauriert, schwarzer Samt unterlegt und mit Crepeline überdeckt.

Maße: H. 133 cm, B. 95 cm, Bu. 1,9–2,1 cm.

Schriftart(en): Frühhumanistische Kapitalis.

  1. · I(HESVS) · N(AZARENVS) // · R(EX) · I(VDEORVM)3)

Übersetzung:

Jesus aus Nazareth, König der Juden.

Wappen:
Dompropstei Halberstadt/Neuenstadt4).

Kommentar

I weist stark durchgebogene Serifen an den Schaftenden auf, der Nodus in der Schaftmitte ist ohne Verbindung zum Schaft. N ist retrograd, die Schräghaste wird als Haarstrich ausgeführt mit einem wirbelartigem Nodus in der Mitte. Als Worttrenner dienen adossierte Bögen, die von zwei vertikalen Fäden gekreuzt werden, der erste und letzte nur halb.

Kaseln bzw. Kaselkreuze mit einem ähnlichen Bildprogramm gibt es in Halberstadt (Nr. 139) und Hildesheim.5) Balthasar von Neuenstadt hat diese Kasel mit qualitativ hochwertigen Stickereien vermutlich noch zu Lebzeiten zum Gebrauch in der Neuenstädter Kapelle gestiftet, in der täglich „Messen für die Verstorbenen und für das Seelenheil des Stifters, seiner Eltern und Wohltäter“ gelesen werden sollten, wobei der verstorbene Stifter selbst „durch sein Wappen vergegenwärtigt“ war.6)

Anmerkungen

  1. Lucanus 1837, S. 9; Lucanus 1866, S. 55; Nebe 1889/1890, S. 85 f. nennt fälschlich „das v. Neinstedtsche Wappen“ und meint wohl das von Neuenstädtische Wappen; Zschiesche 1895, S. 153; Hermes 1896, S. 114 mit Abb. S. 115; BKD, S. 282; Doering 1927, S. 70; Hinz 1964, S. 193 f.; Kostbarkeiten 2001, S. 104 mit Abb. S. 105 ([Barbara] P[regla]); Der heilige Schatz 2008, Nr. 79 S. 276 f. mit Abb. (Katharina Hinz).
  2. Zur Technik vgl. ebd.
  3. Io 19,19.
  4. Quadriert, 1./4. in Blau ein goldener Adler (Dompropstei Halberstadt), 2./3. in Rot ein silberner (weißer) Schrägbalken (Neuenstadt); vgl. Siebmacher Bi, S. 144 mit Taf. 226; ebd. SaA, S. 116 mit Taf. 75.
  5. Kostbarkeiten 2001, S. 104 ([Barbara] P[regla]).
  6. Fuhrmann 2002 a, bes. S. 211, 216; vgl. zu Balthasar von Neuenstadt auch Nr. 184 sowie Nr. 159, 178, 179, 183 (†).

Nachweise

  1. Abb. Hermes 1896, S. 115.
  2. Abb. Kostbarkeiten 2001, S. 105 ([Barbara] P[regla]).
  3. Der heilige Schatz 2008, Nr. 79 S. 276 f. mit Abb. (Katharina Hinz).

Zitierhinweis:
DI 75, Halberstadt Dom, Nr. 182 (Hans Fuhrmann), in: www.inschriften.net, https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0238-di075l003k0018206.