Inschriftenkatalog: Dom zu Halberstadt

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 75: Halberstadt Dom (2009)

Nr. 99† Dom, ehemals im Südturm 1460?

Beschreibung

Schlagglocke einer Turmuhr (Seigerglocke)1), Stundenschlag; ehemals im zweiten Glockengeschoß des Südturmes,2) Bronze, an der Schulter umlaufend befand sich die Glockenrede, darunter ein nicht identifiziertes Wappen.3) Ihr Gewicht soll 1385 kg betragen haben.4) Die Glocke wurde 1845 umgegossen.5)

Inschrift nach Haber.

  1. Annosa) post mille Xb) . pariter LX . que quater C .me fecit Hans Blome hic pendeo to dem Domenon campanaric) nec campana vocitarised debeod) horas per me discutere cunctas

Übersetzung:

Nach [Christi Geburt] eintausendzehn Jahren, gleichzeitig sechzig und viermal einhundert machte mich Hans Blume. Hier hänge ich auf dem Dome, nicht um geläutet und auch nicht um Glocke genannt zu werden, sondern ich muß durch mich [selbständig, ohne jemandes Zutun] alle Stunden bestimmen (schlagen).6)

Versmaß: Vier Hexameter, einer einsilbig, zwei zweisilbig rein leoninisch gereimt, teilweise metrisch gestört.

Kommentar

Wahrscheinlich wurde die Glocke zehn Jahre früher gegossen als in der von Haber, der die Glocke noch gesehen haben kann, überlieferten Inschrift angegeben ist.7) Vermutlich hat an dieser Stelle ein Kürzungszeichen für et gestanden, das von Haber für X verlesen wurde. Schon Schmidt hatte bemerkt, leider ohne Begründung, daß die in der Inschrift angegebene Jahreszahl fehlerhaft sei und an ihrer Stelle dort entweder 1460 oder aber 1457 gestanden haben müsse.8) Vermutlich dachte er an die Zerstörung einer Vorgängerglocke während des Turmbrandes 1454, bei dem die im unteren Glockengeschoß desselben Turmes hängende Dunna vernichtet worden war, denn er nimmt wie auch Nebe an, daß die Stundenglocke die nach dem Turmbrand von 1454 erneuerte sei.9) Die Quellen erwähnen nur den Verlust der großen Glocke.10) Hing damals im oberen Turmgeschoß schon eine Vorgängerglocke der Uhrglocke, so würden wahrscheinlicher wohl beide Glocken zerstört worden sein. Wenn 1460 oder früher gegossen, könnte, wenn 1470 gegossen, muß die Uhrglocke eine Vorgängerin gehabt haben. Im Dominventar von 1465 wird nämlich als fünfte Glocke ein „horologium“ mit einem geschätzten Gewicht von „XXVI centenarios“ genannt.11) Dieses Gewicht entspräche fast den 27 Zentnern und 70 Pfund, die die Stundenglocke vor ihrem Umguß 1845 gewogen haben soll.12) Nach ihrer Inschrift goß Hans Blume (Johannes Floris)13) die als Teil einer mechanischen Turmuhr konzipierte Stundenglocke.14) Sie war im Jahr 1731 noch vorhanden gewesen und scheint lange die einzige echte Uhrglocke im Dom gewesen zu sein.15) Im Jahre 1607 wurde eine weitere, heute verschollene Seigerglocke gegossen, weil für die Turmuhr ein moderneres Uhrwerk mit Viertelstundenschlag angeschafft worden war.16) Diesen Zweck erfüllten im Verlauf des 18. und 19. Jahrhunderts zwei Glocken im Nordturm.17) 1845 wurde die gesprungene Uhrwerksglocke von angeblich 1470 durch C. H. Gettwerth aus Halberstadt zu zwei Schlagglocken, beide mit Inschriften versehen, umgegossen.18) Der Gießer Hans Blume goß für den Halberstädter Dom inschriftlich belegt eine weitere Glocke; eine andere, wie auch zwei für die Martinikirche, sind ihm möglicherweise zuzuschreiben.19)

Textkritischer Apparat

  1. Annos – C] Fehlt Walter.
  2. X] Vermutlich hat an dieser Stelle ein Kürzungszeichen für et gestanden, das von Haber für X verlesen wurde. Zu lesen ist also: Annos post mille (et) pariter LX que quater C (Nach [Christi Geburt] eintausend Jahren und gleichzeitig sechzig und viermal einhundert). Demnach wurde die Glocke im Jahr 1460 gegossen. Für den Vorschlag danke ich Dr. Rüdiger Fuchs, Mainz.
  3. campanari] Hapax legomenon? Vielleicht eine Nebenform zu campanizare; vgl. Mittellateinisches Wörterbuch, Bd. 2, S. 127.
  4. debeo] Fehlt Schupp.

Anmerkungen

  1. Vgl. zum Begriff Wahrig 1997, S. 1121, Stichwort: Seiger; Zedler Bd. XXXVI, Sp. 1521, Stichwort: Seigerglocke. Die Bezeichnung Seiger = spätmhd. Turmuhr, weist auf eine Verwendung als Uhrschlagglocke hin, die mit einem Hammer angeschlagen wurde und die vollen oder Viertelstunden anzeigte.
  2. Haber 1739, S. 15; Jacobs 1873, S. 510. Auch die Nachfolgeglocken hingen dort; Nebe 1876, S. 287; BKD, S. 268.
  3. Vgl. Haber 1739, S. 15; Jacobs 1873 (nach Haber), S. 510.
  4. Peter/Bund 1997, S. 349; „27 Ztr. 70 Pfd.“, Nebe 1876, S. 287; jeweils ohne Beleg.
  5. Vgl. bei Anm. 18.
  6. 1470. Möglich wäre auch die Übersetzung „… ich muß mich während aller Stunden zerschlagen“. In diesen Worten erweist sich die Konzeption als mechanisches Uhrwerk; vgl. auch unten bei Anmerkung 13 f.
  7. Fehllesungen Habers sind schon für die Osanna belegt; vgl. Nr. 95 und Haber 1739, S. 15.
  8. UB Stadt Halberstadt Bd. 2, Nr. 1034 S. 300.
  9. Nebe 1876, S. 288; UB Stadt Halberstadt Bd. 2, Nr. 1034 S. 300. Vgl. auch Nr. 97 †.
  10. Vgl. Abel 1754, S. 386; UB Stadt Halberstadt Bd. 2, Nr. 989 S. 267.
  11. Vgl. Diestelkamp 1929 b, S. 87.
  12. Vgl. oben bei Anm. 4.
  13. Vgl. zu Hans Blume Nr. 95 und 97 † sowie Walter 1913, S. 697, Peter 1997, S. 111 und Peter/Bund 1997, S. 328 und 331; Peter 1999, S. 135.
  14. Vgl. Peter/Bund 1997, S. 331 und Peter 1999, S. 135. Zur Geschichte der Turmuhren siehe Walter 1913, S. 222 f. und Peter 1986b.
  15. LHASA Magdeburg, Rep. A 15, Lit. D, Nr. 5; vgl. auch Peter/Bund 1997, S. 349, Peter 1999, S. 135.
  16. Vgl. Peter/Bund 1997, S. 331; Peter 1999, S. 135.
  17. Vgl. Nr. 178, 179. Haber erwähnt nur eine Seiger- und zwei Spendeglocken; nach einem Manuskript von 1731 werden zwei als Viertel-Seigers-Glocken, also als Viertelstundenschlagglocken bezeichnet, die Laurentius- und Maria-Magdalena-Glocke jedoch als Spendeglocken; LHASA Magdeburg, Rep. A 15, Lit. D Nr. 5; vgl. auch Nebe 1876, S. 509. Auch Niemann 1824, S. 30 erwähnt zwei Spende- und zwei Seigerglocken (eine gehörte wohl zu dem im Dom erhaltenen Zifferblatt [vgl. Nr. 212] und eine ist für das Jahr 1607 überliefert), bei Lucanus findet sich nur noch eine Seigerglocke, und zwar die des Hans Blume; vgl. Lucanus 1837, S. 8. Diese wurde dann 1845 umgegossen; vgl. Peter/Bund 1997, S. 331 und Peter 1999, S. 135.
  18. Nebe 1876, S. 287; Hermes 1896, S. 24; BKD, S. 269; Hartmann 1964, S. 213; Glocken der Heimat 1996, S. 21; Peter/Bund 1997, S. 331; die vollständigen Inschriften der Umgüsse gedruckt bei Peter 1999, S. 135. Beide Glocken wurden im Ersten Weltkrieg vernichtet; vgl. ebd.
  19. Vgl. Nr. 95, 97 † und BKD, S. 399 Nr. 2 und 3. Siehe auch DI 86 (Stadt Halberstadt), Nr. 39, 40 †.

Nachweise

  1. LHASA Magdeburg, Rep. A 15, Lit. D, Nr. 5.
  2. Haber 1739, S. 15.
  3. Jacobs 1873, S. 509 ff.
  4. Nebe 1876, S. 287.
  5. UB Stadt Halberstadt Bd. 2, Nr. 1034 S. 300 (Text in Majuskeln und Worttrenner hinter jedem Wort).
  6. BKD, S. 268 f.
  7. Walter 1913, S. 257.
  8. Hartmann 1964, S. 213.
  9. Glocken der Heimat 1996, S. 21.
  10. Peter/Bund 1997, S. 331 f.
  11. Peter 1999, S. 135.
  12. Schupp 2007, S. 153.

Zitierhinweis:
DI 75, Halberstadt Dom, Nr. 99† (Hans Fuhrmann), in: www.inschriften.net, https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0238-di075l003k0009900.