Inschriftenkatalog: Dom zu Halberstadt

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 75: Halberstadt Dom (2009)

Nr. 93 Dom, Remtergang 1. H. 15. Jh.

Beschreibung

Cantorenstab, Domschatz Inv. Nr. 130;1) Zypressenholz (?), Silber vergoldet, Eisen; gut erhalten. Am oberen, abgeflachten Ende des Rundstabes eine Bohrung zum Aufsetzen eines Knaufes, der heute fehlt, das untere Ende mit einem eisernen Vierkantdorn versehen. Knapp über der Mitte eine mit Silbernägeln befestigte Manschette aus vergoldetem Silber. Die beiden Enden sind mit einem Fries aus länglichen herzförmigen Blättern auf schraffiertem Grund geschmückt und von den beiden Friesen durch aufgelegte Schnurstäbe getrennt. Dazwischen auf eingetieftem und schraffiertem Inschriftenband umlaufend die gravierte Materialangabe (?).

Maße: H. 125 cm, D. 1,6 cm, Bu. 1,6 cm.

Schriftart(en): Gotische Minuskel.

SAW Leipzig, Inschriftenkommission (Hans Fuhrmann/Marion Gronemann) [1/4]

  1. · lignvm · cipressi etca)

Übersetzung:

Zypressenholz etc.

Kommentar

Bandminuskel mit Schattenschraffur der Knicke. Die Zierstriche an g und p wirken wie durch die Schäfte „gesteckt“. Die Herstellungsbreite begünstigte Perlsporen an Schaftenden und Zierstrichen. Es haben sich nur wenige Vorsängerstäbe aus dem Mittelalter erhalten.2) Nach Ezechiel 31,8 war die Zypresse einer der Bäume aus Gottes Garten.3) Mittelalterliche Legenden berichten, daß ein Teil des Kreuzes Christi aus ihrem Holz, das auch in Hymnen besungen wird, gefertigt war.4) Derartige Verse haben sich auch in einem Halberstädter Homiliar erhalten.5) Im Jahr 1553 gab das Domkapitel sechs Groschen aus, um einen Stab reparieren zu lassen, den Heinrich Spangenberg gewöhnlich während Festtagen zu tragen pflegte.6) Heinrich Spangenberg war Diakon und Domvikar und ist auch im Jahr 1550 belegt.7)

Textkritischer Apparat

  1. etc] Für et cetera? Lesung unsicher! Die verkleinerten Buchstaben am Ende des Textes über dem ersten Worttrenner in einem eigens ausgesparten Raum im oberen Begrenzungsreif hochgestellt. Als Initium waren die Worte lignum cipressi nicht nachweisbar. Möglicherweise, aber mit geringerer Wahrscheinlichkeit, handelt es sich auch um die Buchstaben est; ccc Elis, woraus auf eine Entstehungszeit im Jahr 1300 geschlossen wird; Nebe und danach Zschiesche geben nur die Formen wieder, ohne eine Auflösung zu versuchen; Hermes.

Anmerkungen

  1. Elis 1857, S. 75 f.; Nebe 1889/1890, S. 86 f.; Zschiesche 1895, S. 152; Hermes 1896, S. 122; BKD, S. 299; Doering 1927, S. 65.
  2. Siehe Katalog Köln 1985 Bd. 2, Nr. E 22 und E 23 S. 227–229 mit Abb.; Becks/Lauer 2000, Nr. 57 S. 44; Katalog Magdeburg 2006 b, Nr. IV S. 226 und 228 mit Abb.; Katalog Paris 2004, Nr. 107 S. 188 mit Abb.
  3. LexMA Bd. IX, Sp. 745 f. (G[ünter] Prinzing/P[eter] Dilg); LCI Bd. 4, Sp. 591–594 (J[ohanna] Flemming).
  4. Kulminierend in der Legenda Aurea; Legenda aurea Bd. 1, S. 471; Legenda aurea dt. Übers., S. 270.
  5. Schmidt 1881, S. 7 Nr. 129: „Crux domini palma cedrus cipressus oliva / datque pedem cedrus truncus (!) cipressus oliva / datque (!) partem summam duo brachia dant (!) tibi palmam (!).“
  6. LHASA Magdeburg, Rep. A 15, A 20 fol. 34v: „VIß pro reformatione baculi pastoralis siue rectoris chori quem dominus hinricus de Spangenberch solitus est gestare diebus festis Sabato post Inuentionis Sancti Stefani patroni Ecclesie nostre.“ Die am Ende der Notiz eingefügte Datierung diente wohl nur zur Fixierung des Niederlegungsdatums am 8. August im Jahr 1553.
  7. UB St. Johann, Nr. 534 S. 464 f. Vgl. zum Amt des Cantors, das jeweils ein Vikar ausübte, Brackmann 1898, S. 66 f.

Nachweise

  1. Elis 1857, S. 75 f.
  2. Nebe 1889/1890, S. 86 f.
  3. Zschiesche 1895, S. 152.
  4. Hermes 1896, S. 122.

Zitierhinweis:
DI 75, Halberstadt Dom, Nr. 93 (Hans Fuhrmann), in: www.inschriften.net, https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0238-di075l003k0009300.