Inschriftenkatalog: Dom zu Halberstadt

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 75: Halberstadt Dom (2009)

Nr. 66 Dom, südlicher Chorumgang A. 15. Jh.

Beschreibung

Bildfenster süd VI (Martinsfenster);1) Farbglas, Schwarzlot, verwittert, verschmutzt, korrodiert, Teile, darunter auch Inschriften, erneuert bzw. ergänzt. Die in eckige Klammern gesetzten Inschriftenergänzungen wurden seit 1878/79 vorbereitet und 1880/81 ausgeführt, die Scheibe 2d insgesamt 1881.2) In vier Bahnen mit abschließenden Kopfscheiben, ebenso vielen Zeilen und Maßwerkfeldern, insgesamt 16 Scheiben mit Szenen der Martinslegende: 1a: Martin teilt seinen Mantel (A †, B), 1b: Taufe Martins (C, D), 1c: Christus erscheint dem Martin im Traum mit dessen Mantel bekleidet (E †, F), 1d: Martin vor dem Kaiser (G †, H), 2a: Fällt unter die Räuber (I), 2b: Bekehrt seine Mutter (J), 2c: Wird zum Mönch (K), 2d: [Auf der Insel Gallinaria], 3a: Wird als Bischof eingesetzt (L), 3b: Vertreibt Götzen (M, N), 3c: Kleidet Arme (O, P), 3d: Ein Engel bekleidet die Arme Martins (Q), 4a: Martin erweckt den Sohn eines Weibes (R, S), 4b: Kündigt seinen Tod an (T, U), 4c: Tod (V–X), 4d: Heimführung seines Leichnams (Y), im Maßwerk 3 AB/CD und 4 BC und 4 CD ein Gnadenstuhl, darin Gottvater mit Nameninschrift (Z). Jeweils auf Schriftbändern am unteren Bildrand radiert die Bildbeischriften, deren einige (A, E †, G †, J, T, V, Y) auf Lesungs- oder Antiphontexten beruhen; um die Nimben umlaufend die Nameninschriften.

Maße: H. 630 cm (je ca. 90,5 cm–ca. 119 cm, Maßwerk 82,4 cm), B. 257 cm (je ca. 52 cm, Maßwerk 83,5 cm), Bu. 5–6,5 cm, in den Nimben: 1,5–2,9 cm.

Schriftart(en): Gotische Minuskel mit Versalien der gotischen Majuskel.

CVMA Deutschland Potsdam/Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften (Renate Roloff) [1/2]

  1. A †

    Martin(us) tribuit · clamid(em)a) paup(e)rib)3)

  2. B

    San(ctus)c) Ma[r]tin[us] com[es]d)

  3. C

    Martin[– – –]e)

  4. D

    Sanctus marti[n]us

  5. E †

    hac · me veste contexitf) marg) ·4)

  6. F

    Sanctus · mar[.....]g)

  7. G †

    · Christi ego · miles sumh)5)

  8. H

    Sanct[u]s martinus ep[.....]i)

  9. I

    [S]anctus // [........]j)

  10. J

    San//[– – –]k)6)

  11. K

    hic · fit · modol) · monachus

  12. L

    [Sa]nct[us]m) martinus

  13. M

    Martin[(us)] confund[itn) · J]dola

  14. N

    Sa[nc]tus martinus

  15. O

    Martin(us)o) [– – –]

  16. P

    Sanc[tus] Martinus epp)

  17. Q

    [an]//gel(us) dei vestit bachiaq) · sua

  18. R

    [· Suscitatr) · filium] m(u)lieris

  19. S

    Sanctus martis)

  20. T

    dicitt) · fratrib(us) dissoluc(i)o(n)emu) [corp(o)r(is)]v)7)

  21. U

    Sanctus // martin(us) ep(is)c(opus)

  22. V

    Celum [di]ues ingreditur8)

  23. W

    Sanct(us) martin(us)

  24. X

    Sanctus

  25. Y

    [transfert(u)r(us)]w) corp(or)is A turone(n)s(ibus)9)

  26. Z

    Jhesu(s) // Crist(us)

Übersetzung:

A: Martin teilt seinen Mantel für einen Armen. B: Der heilige Graf (?) Martin. C: Der heilige Martin (auch D, F, I, J, L, N, P, S, W). E †: Mit diesem Gewand hat Martin mich bedeckt. G †: Ich bin ein Ritter Christi. H: Der heilige Bischof Martin (auch P, U). K: Hier wird Martin sogleich Mönch. M: Martin vernichtet Götzen. Q: Ein Engel bekleidet seine Arme. R: Er erweckt den Sohn eines Weibes. T: Er sagt den Brüdern die Auflösung seines Körpers [voraus]. V: Er betritt den Himmel. X: Der heilige … Y: Der Körper wird von den Bürgern von Tours heimgeführt.

Kommentar

Die typischen Eigenheiten der Schrift, welche die aus dieser Werkstatt, die auch das Dionysius-, Marien-, Sakrament- und Karlsfenster schuf, stammenden Scheiben aufweisen, finden sich auch hier.10) Das End-s ist im unteren Teil des Buchstabens geschlossen. Zur Unterscheidung vom n weist das u keine Brechung der oberen Schaftenden auf.

Wie im Marienfenster steht im Martinsfenster eine chronologische Erzählform im Vordergrund.11) In der ersten Zeile wird die Jugend des Heiligen geschildert. Die zweite bildet seine ersten Bekehrungen und seine Hinwendung zum Mönchtum ab. Die beiden oberen Zeilen zeigen sein Wirken als Bischof von Tours über seinen Tod hinaus. Im Unterschied zu den in der weiteren Umgebung schon vorhandenen Glasmalereizyklen, die das Leben des Heiligen darstellen, wurde in Halberstadt eher das „fromme Wirken“ Martins gezeigt. Die Texte der Inschriften stammen teilweise aus der örtlichen Halberstädter Liturgie und beruhen auf der Martinslegende des Sulpicius Severus, dessen Vita Sancti Martini ebenso wie die Legenda aurea in der Dombibliothek vorhanden war.12) Fitz nimmt an, daß das Martinsfenster wegen der für das Bildprogramm und die Inschriften nötigen liturgischen Kenntnisse eine Stiftung eines (oder mehrerer?) Geistlichen war. Nicht auszuschließen ist, da ein Hinweis auf einzelne Stifter fehlt, daß die Glasmalerei auf Kosten des gesamten Kapitels gefertigt wurde.

Textkritischer Apparat

  1. clamidem] Die Bildbeischrift der Scheibe, Martinus tribuit clamid(em) paup(e)ri, wurde zwar erst 1880/1881 am unteren Rand der Scheibe angebracht; da sie aber einen Teil einer Lectio des Martinsfestes beinhaltet, ist anzunehmen, daß sie auch zum ursprünglichen Bestand gehört hat; vgl. Anm. 3; clamid(um) Fitz.
  2. pauperi] Die letzten drei Buchstaben verkleinert und am Rand vertikal angebracht.
  3. Sanctus] Kürzungszeichen fehlt.
  4. comes] Lesung unsicher!
  5. Martin] Zu Martinus hic baptizatur 1880/1881 ergänzt.
  6. contexit] Aus dem Buchstabenbestand könnte man auch das – allerdings völlig unsinnige – Wort eantexit lesen.
  7. mar] Das letzte Wort zu ergänzen zu martinus. Die Bildbeischrift der Scheibe wurde zwar erst 1880/1881 am unteren Rand der Scheibe angebracht, da sie aber einen Teil einer Antiphon und der sechsten Lectio des Martinsfestes beinhaltet, ist anzunehmen, daß sie auch zum ursprünglichen Bestand gehört hat; vgl. Anm. 4.
  8. Christi–sum] Die Bildbeischrift der Scheibe wurde zwar erst 1880/1881 am unteren Rand der Scheibe angebracht, da sie aber einen Teil einer Antiphon des Martinsfestes beinhaltet, ist anzunehmen, daß sie auch zum ursprünglichen Bestand gehört hat; vgl. Anm. 5.
  9. ep…] 1880/1881 ergänzt zu epitris; ep[iscopus]tei (!) Fitz.
  10. Sanctus] Zu ergänzen zu Martinus. Die Bildbeischrift am unteren Rand der Scheibe 1880/1881 erneuert: Martinus incidit in latrone(s).
  11. San…] Zu ergänzen wohl zu Sanctus Martinus. Die Bildbeischrift Martinus convertit matrem erst 1880/1881 nach der Legenda aurea ergänzt; vgl. Anm. 6.
  12. modo] Es folgen drei vertikal übereinandergestellte Kreise als Worttrenner.
  13. Sanctus] Fehlt Fitz. Die Bildbeischrift martinus hic ordinat(us) Episcopus am unteren Rand der Scheibe 1880/1881 ergänzt.
  14. confundit] Es folgen zwei vertikal übereinandergestellte Punkte als Worttrenner.
  15. Martinus] 1880/1881 ergänzt zu Martinus dat tunica (!) paup(er)i.
  16. ep] Zu ergänzen zu episcopus.
  17. bachia] Sic! Für brachia, so Fitz. Es folgen drei vertikal übereinandergestellte Kreise.
  18. Suscitat] Es stehen zwei vertikal übereinandergestellte Punkte voran.
  19. marti] Zu ergänzen zu martinus.
  20. dicit] Es folgen zwei vertikal übereinandergestellte Kreise.
  21. dissolucionem] Das End-m wie ein Kürzungszeichen vertikal gestellt; discolumine Fitz.
  22. corporis] So ergänzt 1880/1881. Kürzungszeichen fehlt. Die von Fitz erwähnte Buchstabenfolge martin, die auf dem brokatenen Kopfkissen des Heiligen in dieser Szene zu lesen sei, läßt sich nicht bestätigen.
  23. transferturus] Sic! So ergänzt 1880/1881. Die us-Kürzung der Verballhornung ist unzweifelhaft; transfertur Fitz, vermutlich für translatio, so auch Fitz.

Anmerkungen

  1. Vgl. dazu Fitz 2003, S. 273–293 mit Abb. 184–205 und den Farbtaf. XXV–XXVII.
  2. Fitz 2003, S. 273.
  3. Breviarium Halberstadense 1515, fol. CXLVIIIv, Teil der fünften Lesung am Martinstage. Vgl. auch Sulpicius Severus 1866, S. 113.
  4. Breviarium Halberstadense 1515, fol. CXLVIIv und CXLVIIIv, Teil einer Antiphon der Matutin und Teil der sechsten Lesung des Martinsfestes. Vgl. auch CAO Vol III, Nr. 3712, Sulpicius Severus 1866, S. 113 und Legenda aurea, S. 1136. Auch wenn diese Bildbeischrift moderne Ergänzung ist, nahm man vermutlich auf damals noch existierende Scheiben Bezug.
  5. Vgl. CAO Vol. III, Nr. 1644, als Teil einer Antiphon zum Martinstag. Auch Legenda aurea, S. 1138.
  6. Legenda aurea, S. 1140.
  7. Breviarium Halberstadense 1515, fol. CXLVIIIv, Responsorium zum Martinsfest; vgl. auch CAO Vol. IV, Nr. 6217.
  8. Breviarium Halberstadense 1515, fol. CXLIXr, Teil einer Antiphon und eines Responsoriums am Festtag des Hl. Martin. Vgl. auch CAO Vol. III, Nr. 3711; ebd. Vol. IV, Nr. 7132. Vgl. dazu auch Nr. 9 † zum Tod eines Halberstädter Dompropstes Martin (um 1117–vor 1149 X 6).
  9. Vgl. paraphrasierend dazu Breviarium Halberstadense 1515, fol. CLIr–CLIIr zur Oktav des Festes.
  10. Vgl. Nr. 64, 65, 67, 68.
  11. Vgl. Fitz 2003, S. 278.
  12. Ebd., S. 277.

Nachweise

  1. Fitz 2003, S. 284–293 mit Abb. 184–205 und Farbtaf. XV–XVII.

Zitierhinweis:
DI 75, Halberstadt Dom, Nr. 66 (Hans Fuhrmann), in: www.inschriften.net, https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0238-di075l003k0006607.