Inschriftenkatalog: Dom zu Halberstadt

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 75: Halberstadt Dom (2009)

Nr. 62(†) Dom, südlicher Chorumgang A. 15. Jh.

Beschreibung

Bildfenster süd IV (Johannesfenster);1) Farbglas, Schwarzlot; vier Scheiben schon zu Anfang des 19. Jahrhunderts, die Maßwerkverglasung seit 1945 verloren, letztere 1959 durch Scheiben von Charles Crodel ergänzt, sonst verhältnismäßig gut erhalten. In sechs Bahnen zu vier Zeilen in insgesamt 24 Feldern sowie sechs Kopfscheiben; 20 Felder mit erhaltenen mittelalterlichen Darstellungen der Johanneslegende; Scheibe 1a: auf der linken Seite des Buches, in das Johannes auf Patmos mit einem Federkiel schreibt, zeilenweise das Bibelzitat (A), in den Vierpässen der Maßwerkverglasung ehemals Christus als Weltenrichter und zwei von Wappen begleitete Stifterdarstellungen, auf geschwungenen Schriftbändern in den Stifterdarstellungen die Anrufungen (B, C).

Ergänzungen nach Photographien von vor 1897 und 1898, CVMA Potsdam.1)

Maße: H. 751 cm, B. 383 cm (Scheibe 1 a: H. 91,7 cm, B. 53,2 cm).

Schriftart(en): Gotische Minuskel (A–C) mit Versal (A).

CVMA Deutschland Potsdam/Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften (Renate Roloff) [1/3]

  1. A

    Apoka·/lipsis · / iesua)2)

  2. B †

    miserere · mei · de(us)b)

  3. C †

    miserere · mei

Übersetzung:

A: Die Offenbarung Jesu. B: Erbarme dich meiner, Gott. C: Erbarme dich meiner.

Wappen:
Hoym3) Hoym3)
Redekin4).

Kommentar

Die gotische Minuskel ist abgesehen von der schwankenden Buchstabengröße ausgesprochen akkurat ausgeführt. Die Schaftenden einzeln stehender Schäfte, z. B. i oder r, werden zu Quadrangeln reduziert, die Fahne des r ist an ihrer linken Seite zu einem haarstrichartigen Zierstrich verlängert. Ein ähnlicher, feiner Zierstrich läßt sich auch am Schaftende des d beobachten. Als Worttrenner benutzte man Quadrangel und einmal auch einen Kreis. Die zweite Form ist linear gestaltet. Vgl. auch Nr. 52. Nach den Forschungen von Karl-Joachim Maercker und Eva Fitz schuf diese von der böhmischen Malerei beeinflußte Werkstatt sowohl die Wandmalereien in der Redekin-Kapelle im Magdeburger Dom als auch „vermutlich im zweiten Jahrzehnt des 15. Jahrhunderts“ die Verglasung des Chors im Dom zu Stendal.5)

Den links im Maßwerk knienden geistlichen Stifter glaubte die Forschung bisher mit dem späteren Bischof von Halberstadt, Johannes von Hoym, identifizieren zu können.6) Allerdings könnte auch der Domkanoniker Betmann von Hoym, ein weiteres Mitglied dieser Sippe, Mitstifter des Johannesfensters gewesen sein.7) Er verstarb nach dem 8. November 1401 und vor dem 10. August 1421.8) Dieser war der Bruder eines Gebhard von Hoym, mit dem der weltliche Stifter identifiziert worden ist.7) Da in einer der Scheiben das Wappen Redekin zu sehen ist, dürfte ein Mitglied dieser Familie Mitstifter des Fensters gewesen sein.9) Vermutlich wird es sich ehestens um Johannes Redekin gehandelt haben, der seit 1391 Domherr, später Domdekan in Magdeburg war und etliche weitere Pfründen hielt, seit 1396 auch ein Domkanonikat in Halberstadt. Seine Verehrung für Johannes den Evangelisten ist durch die Wahl seines Siegels bekannt. Andererseits war Johannes von Hoym, bevor er 1419 den Halberstädter Bischofsstuhl bestieg, schon seit 1408 ebendort Domherr gewesen.10) Sein Namenspatron könnte der Hl. Evangelist Johannes gewesen sein.

Textkritischer Apparat

  1. iesu] io(hanni)s Fitz 2003.
  2. deus] d(omin)e Fitz 2003; diese Lesung ist ebenfalls möglich, eine solche Abkürzung – hier ohne Kürzungszeichen – jedoch eher ungewöhnlich. Außerdem scheint es, daß zwischen dem e und dem folgenden Blei der untere Ansatz einer us-Kürzung sichtbar ist.

Anmerkungen

  1. Vgl. Fitz 2003, S. 193–224 mit den Abb. 119–141 und den Farbtaf. VIII–X sowie Fig. 107 f.
  2. Apc 1,1.
  3. Von Blau und Silber dreimal geteilt, HZ: ein offener Flug mit dem Schildbild, tingiert wie der Schild; vgl. Siebmacher Sa, S. 78 mit Taf. 49.
  4. In der Scheibe 1 b mit der Ölmarter des Johannes befindet sich das Wappen Redekin: geteilt (sic!), oben unter silbernem Schildhaupt Gold, unten in Schwarz drei silberne Schrägbalken; vgl. die unterschiedliche Wappenteilung bei Siebmacher SaA, S. 129 mit Taf. 85 und ebd. BraA, S. 72 mit Taf. 43; vgl. auch das ebenfalls abweichende Wappen Koneken ebd. SaA, S. 88 mit Taf. 56.
  5. Maercker 1983, S. 343–348; Maercker 1988, S. 40–43; Fitz 2003, S. 208–212.
  6. Giesau 1929, S. 38; Hinz 1964, S. 115; Maercker 1979, S. 207; Maercker 1983, S. 342; Maercker 1988, S. 42, 49; Flemming/Lehmann/Schubert 1990, S. 49, 150; Fitz 2003, S. 200.
  7. Vgl. auch zum Folgenden Fitz 2003, S. 201, 205.
  8. Vgl. Fitz 2003, S. 205; Meier 1967, S. 285 Nr. 168; GS Magdeburg Bd. 1, S. 508.
  9. Vgl. auch zum Folgenden Fitz 2003, S. 205 f.
  10. Gatz 2001, S. 229 f. (Walter Zöllner).

Nachweise

  1. Fitz 2003, S. 216 mit Abb. 123, 125, S. 199 f. mit Fig. 107 und 108.

Zitierhinweis:
DI 75, Halberstadt Dom, Nr. 62(†) (Hans Fuhrmann), in: www.inschriften.net, https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0238-di075l003k0006209.