Inschriftenkatalog: Dom zu Halberstadt

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 75: Halberstadt Dom (2009)

Nr. 48 Dom, Teppichsaal 2. D. 14. Jh.

Beschreibung

Altardecke, Domschatz Inv. Nr. 158;1) Seiden- und Metallfadenstickerei auf grobem Leinengrund, Brettchenborten, wachsfleckig, Seidenfäden teilweise vergangen, die Bildfelder teilweise falsch montiert.2) Die Decke besteht aus vier Teilen, I: achtzehn quadratische Felder mit Szenen aus dem Leben Christi, in drei Reihen von je sechs Feldern, ehemals von links nach rechts und von oben nach unten zu lesen 1. Pfingstwunder, 2. Verkündigung, 3. Heimsuchung, 4. Geburt, 5. Anbetung der Hl. Drei Könige, 6. Darstellung im Tempel, 7. Geißelung, 8. Versuchung des Herrn, 9. Flucht nach Ägypten, 10. Kreuzigung, 11. Taufe im Jordan, 12. Einzug in Jerusalem, 13. Himmelfahrt, 14. Abendmahl, 15. Ölberg, 16. Gefangennahme, 17. Grablegung, 18. Auferstehung; als seitlicher Überhang, jeweils um 90° gestürzt, die Felder II und III; an der linken Seite II: unter stilisierten Eichenbäumen sechs gekrönte heilige Jungfrauen und Märtyrerinnen, darunter die hl. Katharina mit Rad und Palmzweig, die übrigen nicht identifizierbar; an der rechten Seite III: in gleicher Weise eingefaßt, links die Disputation des hl. Stephanus, in der Mitte das Martyrium des hl. Sixtus,3) rechts Martyrium des hl. Stephan, die einzelnen Teile durch seiden- und metallfadenbestickte rote Seidenborten miteinander verbunden; an der Vorderseite IV: Fürleger (Aurifrisium) an der unteren Kante der Altardecke angenäht, Perlstickerei mit Zierblechbesätzen auf Pergament, Glasperlen, Seeperlen, Korallen und Halbedelsteine, Fransenkante. In den von zwei Borten eingefaßten und von Rosetten getrennten Achtpässen in der Mitte gekrönt Maria und Christus umgeben von zehn Heiligen, wohl sämtlich Apostel, darunter Simon mit Säge, Paulus mit Schwert, Jakobus d. Ä. mit Muschel, Johannes mit Kelch, Petrus mit Schlüssel, Andreas mit Patriarchenkreuz,4) Bartholomäus mit Messer, Apostel mit Lanze (Thomas oder Matthias), Matthäus mit Waage,5) Judas Thaddäus mit Keule. Die Gewänder in I, II und III durch geometrische Muster geschmückt. Auf den Spruchbändern der Verkündigung Mariens im zweiten Feld der obersten Bildreihe (I 2) in den Händen des Engels und Mariens nach Bibelzitaten die Antiphonanfänge A (Ave Maria) und B gold auf Weiß. Die Inschriften sind mit Metallfäden (Goldlahn) zwischen Seidenfäden auf Leinengrund gestickt.

Maße: H. ca. 152–174 cm, B. ca. 449,5 cm; Aurifrisium: H. 13,5 cm zuzüglich 7 cm Fransenkante, B. 259 cm, Bu. 0,8 cm.

Schriftart(en): Gotische Majuskel.

SAW Leipzig, Inschriftenkommission (Hans Fuhrmann/Marion Gronemann) [1/1]

  1. A

    AVE MARIA GRACIA PLE(N)Aa)6)

  2. B

    + ECCE + ANCILLAb) DOMINIc)7) +

Übersetzung:

A: Gegrüßet seiest du Maria, voll [der Gnade]. B: Siehe, [ich bin] die Magd des Herrn.

Kommentar

Die gotische Majuskel weist Sporen an vielen Schaft-, Balken- und Bogenenden auf. A ist flachgedeckt mit überstehendem Deckbalken. Das C ist durch an den Bogenenden leicht überstehenden Abschlußstrich geschlossen. Der Buchstabenbinnenraum ist sehr klein. E wird ausschließlich unzial gestaltet, durch Zierstrich abgeschlossen und macht einmal aufgrund der Sticktechnik den Eindruck eines epsilonförmigen E (zweites E in ECCE). Der Balkensporn des L steht anstelle eines waagerechten Balken. Unziales M ist symmetrisch geformt und wirkt teilweise etwas eckig. O ist spitzoval geformt. Tatzenkreuze flankieren die Inschrift B.

Marie Schuette, die die Altardecke in das 14. Jahrhundert datierte, nahm an, daß die Seitenteile nicht zur Decke gehörten und verwies diese ins dritte Viertel des 14. Jahrhunderts.8) Renate Kroos sieht die Teile als „von Anfang an zugehörig“ an und vergleicht sie in ihrem Stil mit anderen Kunstwerken aus der Mitte des 14. Jahrhunderts, darunter Glasmalereien der 1362 fertiggestellten Marienkapelle des Halberstädter Doms.9) Die Buchstaben zweier Inschriften der Glasmalereien des Achsfensters der Marienkapelle weisen trotz der unterschiedlichen Fertigungstechniken Ähnlichkeiten mit den Inschriften der Altardecke auf.10) Wegen der zeitlichen Übereinstimmungen muß man tatsächlich über eine ungefähr gleichzeitige Entstehung der Kunstwerke und vielleicht sogar mit Eva Fitz über eine Verwendung der Altardecke am neugeschaffenen Altar in der Marienkapelle nachdenken, vor allem weil 1362 der Hauptaltar wohl kurz vor der Aufhebung stand oder sogar bereits aufgehoben war.11)

Textkritischer Apparat

  1. PLENA] Kürzungszeichen fehlt.
  2. ANCILLA] Angelus Schuette 1930.
  3. DOMINI] Das folgende gleichschenklige Kreuz ist heute kaum mehr erkennbar.

Anmerkungen

  1. Vgl. dazu auch Elis 1857, S. 78 Nr. 16; Lucanus 1866, S. 53 f. (hier unter Inv. Nr. 104); Soil 1889, S. 10 f.; Nebe 1889/1890, S. 87; Hermes 1896, S. 105; BKD, S. 288; Doering 1927, S. 73; Schuette 1930, S. XVII, 65–67; Meyer 1936, S. 10 f.; Jaques 1942, S. 134 f. mit Abb. 86; Hinz 1964, S. 176; Bock 1966, S. 255 f. Nr. 37 mit Taf. 29 f.; Kroos 1970, S. 79 f., 124 mit Taf. 248–255, 257–259; Flemming/Lehmann/Schubert 1990, S. 236 f. (hauptsächlich zum Fürleger); Der heilige Schatz 2008, Nr. 85 S. 294 f. mit Abb. (Katharina Hinz).
  2. Vgl. zum Zustand und zur Technik Schuette 1930, S. 65 ff. mit Abb. Taf. 40, 51; Bock 1966, S. 255 f. Nr. 37; Kroos 1970, S. 124 Nr. 32 mit Abb. 248–255, 257–259.
  3. Kroos 1970, S. 80 mit Anm. 359 vermutet hier vorsichtig Sixtus, schränkt aber ein, daß dieser eigentlich die Tiara tragen müsse. Die Tiara kommt, vielleicht als Reflex auf das Große Schisma (1378–1409) und seine Überwindung, erst seit etwa 1400 in bildlichen Darstellungen von Päpsten (Petrus, Sixtus, Pelagius, Gregor d. Gr.) im Halberstädter Dom vor (vgl. Nr. 51, 82, 104, 109, 142, 177); siehe dazu auch Fitz 2003, S. 311 f. mit Anm. 1218. Zur Übertragung der Darstellungen der päpstlichen Tiara „in den himmlischen Bereich“ vgl. Ladner 1978, S. 480 f. Katharina Hinz sieht jetzt hypothetisch darin die Disputation des Thomas von Aquin (1224/25–1274) mit Irrgläubigen. Dagegen spricht jedoch, daß der mit dem Heiligenschein ausgezeichnete Disputant eine Dalmatika und keinen Habit trägt. Anstelle des Martyriums des hl. Sixtus in der zweiten Darstellung glaubt sie die Enthauptung des Thomas Beckett (1118–1170) zu erkennen; Der heilige Schatz 2008, Nr. 85 S. 294 (Katharina Hinz).
  4. Der Apostel findet sich mit eben diesem Zeichen noch einmal auf dem bestickten Velum Nr. 83; vgl. auch Kroos 1970, S. 124 f. Nr. 34 b.
  5. So Kurth 1926, S. 67 mit Anm. 2 aufgrund des Sternzeichens Waage, das am 21. September, dem Todestag des Matthäus, eintritt.
  6. Nach Lc 1,28; vgl. CAO Vol. III, Nr. 1539; Schott, S. [70].
  7. Nach Lc 1,38; vgl. CAO Vol. III, Nr. 2491.
  8. Schuette 1930, S. 66.
  9. Kroos 1970, S. 79 f.
  10. Vgl. Nr. 44; Fitz 2003, S. 99 Fenster I 1 b Abb. 10 und S. 103 f. Fenster I 7a mit Fig. 64 und Abb. 18.
  11. Vgl. Fitz 2003, S. 73 und 81; die ebd., Anm. 356 angenommene Gleichsetzung des Fastenlakens des 16. Jahrhunderts mit der Altardecke entbehrt jedoch der Grundlage und beruht außerdem auf einer Verwechslung. Das von Pregla in Kostbarkeiten 2001, S. 76 f. ([Barbara] P[regla]) erwähnte Leinentuch Halberstadt, Domschatz, Inv. Nr. 94, ist nicht identisch mit der bei Kroos 1970, S. 124 Nr. 32 genannten Altardecke, Halberstadt, Domschatz, Inv. Nr. 158. Schuette 1930, S. 66 hatte zuvor eine Nutzung am Hauptaltar insinuiert. Gegen die Verwendung als Fastentuch sprechen auch die vielen Wachsflecken auf der Oberfläche des Textils.

Nachweise

  1. Schuette 1930, S. 65–67 mit Abb. 38, 40, 52.
  2. Kroos 1970, S. 124 mit Abb. 248–255, 257–259.
  3. Fitz 2003, S. 81 Anm. 356.

Zitierhinweis:
DI 75, Halberstadt Dom, Nr. 48 (Hans Fuhrmann), in: www.inschriften.net, https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0238-di075l003k0004809.