Inschriftenkatalog: Dom zu Halberstadt

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 75: Halberstadt Dom (2009)

Nr. 41 Dom, Depot 1. H. 14. Jh.

Beschreibung

Schale, Domschatz Inv. Nr. 324,1) sog. „Abendmahlschale“; Lindenholz, gedreht, mit Leinwand bezogen, farbig gefaßt, etliche Abplatzungen vor allem auf dem Schalenboden, Bestoßungen am Rand, 1957 restauriert.2) Die kreisrunde Schale steigt über einer Sockelplatte bis zu einem schmalen Rand flach an, die Innenseite ist mit einer ziegelroten, transparenten Schicht überzogen; die Sockelplatte zeigt auf der dunkelgrünen Unterseite acht in Kreisform angebrachte, die äußere Wandung umlaufend zweimal sechzehn goldene Rosetten, auf dem schmalen Rand schwarze Sägezahnornamente auf braunem Grund. Im Schalenspiegel Christus mit Kreuznimbus auf einem Thron sitzend, vor ihm kniend Judas, dahinter ein mit einem weißen Tischtuch bedeckter Tisch mit Kelch, Broten und einem Fisch. Konzentrisch zwischen zwei schwarzen Linien umlaufend scheidet die schwarz aufgemalte Spruchinschrift diese Darstellung von den Brustbildern der zwölf Apostel, die ohne Attribute oder nähere Kennzeichnung unter türmchenbesetzten Wimpergen in einem äußeren Kreis dargestellt sind.

Maße: D. 40,5 cm, H. 6,5 cm, Bu. 1 cm.

Schriftart(en): Gotische Majuskel.

Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt, Halle (Karl Geipl) [1/1]

  1. + DV(M)a) · SIS · I(N) ME(N)SA · P(RI)MO · DE PAVPERE · PE(N)SA3)+ TV(N)C · B(E)N(E) · PRA(N)DET(VR) · DV(M) · CHR(ISTV)Sb) · P(RE)SE(N)S · HABET(VR)c)3)4)

Übersetzung:

Wenn du zu Tische sitzt, denke zuerst an den Armen. Dann speist man gut, solange man Christus (als Anwesenden) gegenwärtig hat.

Versmaß: Zwei leoninische Hexameter, zweisilbig rein gereimt.

Kommentar

Die Buchstaben weisen Bogenschwellungen an den Außenseiten der Bögen auf. An Schaft-, Balken- und Bogenenden zum Teil sehr fein ausgeführte Sporen. Abschlußstriche mit nach innen eingerollten, knotenförmigen Enden schließen die Buchstaben C und E ab. Zierstriche, die nicht parallel zur Innenkontur verlaufen, finden sich am unzialen D, parallel verlaufende am O. Die Balkenenden des flachgedeckten A sind eingekerbt. B findet sich sowohl in kapitaler als auch in halbunzialer Form. Der obere Bogen des kapitalen B ist kleiner als der untere und hat in der Schaftmitte keine Berührung mit dem Schaft. Das halbunziale B weist einen eingerollten Bogen auf. Der Übergang vom Schaft zum Bogen ist dünn ausgeführt. Der Schaft des kapitalen D hat nur Haarstrichstärke, während der Bogen der unzialen Form des Buchstabens eine starke Bogenschwellung aufweist. Zwei Zierstriche im Buchstabenbinnenfeld folgen nicht den Konturen, das rechte Bogenende ist stark verbreitert. In einer hybriden Unzialform zeigt sich H, zwischen dessen Schaft und Bogen ein Balken angebracht ist. Sehr gleichmäßig ist das X gestaltet. Es ähnelt zwei aufeinandergestellten Bögen. Als Kürzungen kommen Kompendienstriche, hochgestelltes i sowie die ur-Kürzung vor. Als Worttrenner verwendete man Punkte auf der Zeilenmitte.

Daß die Inschrift, wie Venhorst meint, das von ihr umschlossene Bild der Christus-Judas-Gruppe kommentiert und damit auf die Eucharistie und die Altarmensa zielt, trifft wohl nicht zu.5) Die Inschrift bezieht sich auf den Zweck der Schale als Almosenschale bzw. Bruderschaftsschale und thematisiert so Erbarmen und Freigiebigkeit. Die Abbildung der Christus-Judas-Gruppe zeigt die Szene, die dem Johannesevangelium entsprechend im Rahmen des Abendmahles nach der Fußwaschung stattfand.6) Nur hier wird geschildert, daß Jesus auf den Verrat hinweist, indem er auf die Bitte des Johannes den Verräter durch Eintauchen und Übergabe des Bissens bezeichnet. Sie weist, wie Wentzel zu Recht annahm, auf den ungeweihten Zustand des Brotes hin,7) das in der Schale zur Eulogie bereitgestellt wurde und vielleicht auch der Armenspeisung diente. Eine Warnung an die Kommunikanten vor dem „unwürdigen Verzehr“ der Eucharistie, die, wie Venhorst annimmt, aus der Darstellung Judas’ hervorgeht, scheint hier nicht vorzuliegen, was sich ja schon aus der Funktion der Schalen ergibt, die allein aufgrund ihres Materials nicht zur Verwendung beim Meßopfer vorgesehen waren.8) Allenfalls könnte die Darstellung des Verrats eine Warnung zur Bewahrung der Geheimnisse der Klerikerbruderschaft bedeuten, die immer wieder in den Statuten vorkommt.9) Allerdings gibt es dafür sonst keinerlei Hinweis. Ähnliche Inschriften fanden seit dem 13. und besonders im 14. und 15. Jahrhundert zunehmend in Handschriften Verbreitung, die vor allem auch in Refektorien genutzt wurden.10) Daß die „Abendmahlschale“ zusammen mit der Philosophenschale (Nr. 40) ein Ensemble, besser noch: ein Paar, bildet und zumindest in derselben Werkstatt entstanden ist, geht schon aus beider Farbfassung hervor.11) Aber auch die Verwandtschaft der Schrift beider Objekte macht das deutlich. Daraus ergibt sich, daß beide Schalen wie der Karlsteppich (Nr. 23) der Kultur der Priesterbruderschaften entstammen und wohl zum Zwecke der Eulogie, einer Armenspeisung oder während eines Bruderschaftsmahles benutzt wurden (vgl. Nr. 40).12)

Textkritischer Apparat

  1. DVM] Cum Hermes, Nebe, RDK Bd. III, Hinz.
  2. CHRISTVS] Befund: XPC, der untere Schaft des P durchstrichen.
  3. HABETVR] haletur RDK Bd. III.

Anmerkungen

  1. Siehe Berlin Geheimes Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz, V. HA (Königreich Westfalen) Rep. B 11 a, Nr. 486 fol. 14v, Nr. 146; Elis 1857, S. 78 f.; Lucanus 1866, S. 59; Nebe 1889/1890, S. 87 f.; Zschiesche 1895, S. 155; Hermes 1896, S. 94 f.; BKD, S. 275; Doering 1927, S. 68 f. unter Inv. Nr. 334; Meyer 1936, S. 24 mit Abb. 25; RDK Bd. III, Sp. 663 mit Abb. 11; Hinz 1964, S. 168, 207; Venhorst 1997, S. 3–22 mit Abb. 4 f.; Venhorst 1999, S. 83–94 mit Abb. 1; Kostbarkeiten 2001, S. 88 mit Abb. ([Petra] S[evrugian]); Fuhrmann 2008, S. 294; Der heilige Schatz 2008, Nr. 41 S. 144–147 mit Abb. (Erik Ernst Venhorst).
  2. Vgl. zu Zustand und Technik Venhorst 1997, S. 3 f.; Venhorst 1999, S. 83 f.
  3. Beide Sprüche zusammen Walther Proverbia Bd. II/1, Nr. 6712; einzeln im Thesaurus proverbiorum Bd. 1, S. 215 Nr. 725 mit vielen weiteren ähnlichen Sprüchen; mit Cum beginnend Walther Initia, Nr. 3784; Walther Proverbia Bd. II/1, Nr. 4430. Siehe auch den fast wortwörtlich gleichen Spruch im Liber Iocalis; Lehmann 1938, S. 73 Z. 401; vgl. weiter Venhorst 1997, S. 14 f. mit Anm. 38 f. mit weiteren ähnlichen Sprüchen und Venhorst 1999, S. 88 mit Anm. 21 f.
  4. Vgl. Walther Proverbia Bd. II/5, Nr. 31782 mit einer Fortsetzung.
  5. Venhorst 1997, S. 13 f.; Venhorst 1999, S. 85 f.; Der heilige Schatz 2008, Nr. 41 S. 144–147 mit Abb. (Erik Ernst Venhorst).
  6. Io 13,1–30. Außer der sog. „Abendmahlschale“ ist auch keine „gleichlautende Inschrift, etwa auf liturgischem Gerät nachweisbar“; Venhorst 1997, S. 15; vgl. auch ebd., S. 13–22; Venhorst 1999, S. 88; vgl. auch ebd., S. 85–94.
  7. RDK Bd. III, Sp. 663 (Hans Wentzel); deshalb trägt auch Venhorsts Vergleich mit der Patene aus St. Peter in Salzburg bezüglich der Eucharistie nur bedingt, da dort, wie Venhorst selbst feststellt, das Abendmahlsgeschehen nach dem Matthäus- und dem Markusevangelium (Mt 26,23 und 25, Mc 14,20) dargestellt ist, nicht aber die Sonderform nach dem Johannesevangelium (Io 13,21–30), weil danach, wie Wentzel zu Recht schließt, „das Christus-Judas-Geschehen vor der Einsetzung des Abendmahls erfolgte“. Vgl. auch Venhorst 1997, S. 16–22; Venhorst 1999, S. 90–94.
  8. Wie Venhorst 1997, S. 20 f. und Venhorst 1999, S. 92–94 es für eine Patene aus Salzburg mit der Darstellung des gemeinsamen Eintauchens des Bissens annimmt; zur Salzburger Patene auch Braun 1932, S. 237 f.; zum unedlen Material hinsichtlich beider Schalen Venhorst 1997, S. 56–61; Venhorst 1999, S. 110–115. Vgl. auch Nußbaum 1979, S. 107–112.
  9. Prietzel 1995 a, S. 417; Prietzel 1995 b, S. 38; Kuhne 2000, S. 154.
  10. Venhorst 1997, S. 14 f. bes. mit Anm. 38; Venhorst 1999, S. 87 f. bes. mit Anm. 21.
  11. Bellmann 1983, S. 390; Venhorst 1997, S. 50; Venhorst 1999, S. 105; Kostbarkeiten 2001, S. 88 ([Petra] S[evrugian]).
  12. Vgl. Fuhrmann 2008, S. 293–296 mit Abb. 2 und 3.

Nachweise

  1. Nebe 1889/1890, S. 88.
  2. Hermes 1896, S. 94.
  3. Abb.: Meyer 1936 Abb. 25.
  4. RDK Bd. III, Sp. 663 mit Abb. 11. (Hans Wentzel).
  5. Hinz 1964, S. 207 Anm. 62.
  6. Venhorst 1997, S. 12 mit Abb. 4 f.
  7. Venhorst 1999, S. 85 mit Abb. 1.
  8. Fuhrmann 2008, S. 294.
  9. Der heilige Schatz 2008, Nr. 41 S. 144–147 mit Abb. (Erik Ernst Venhorst).

Zitierhinweis:
DI 75, Halberstadt Dom, Nr. 41 (Hans Fuhrmann), in: www.inschriften.net, https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0238-di075l003k0004100.