Inschriftenkatalog: Dom zu Halberstadt

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 75: Halberstadt Dom (2009)

Nr. 14 Dom, Teppichsaal 3. D. 12. Jh.

Beschreibung

Wirkteppich, sog. Apostelteppich, Domschatz Inv. Nr. 517, Teilstücke und weitere einer Knüpfteppichbordüre, die von einem anderen Teppich stammen und ehemals den oberen linken Rand ergänzten, werden unter den Nr. 517a–e und 522 aufbewahrt.1) Früher als Rücklaken über dem nördlichen Gestühl verwendet.2) Gewirkt, Kette: Leinengarn, Schuß: Wolle, Leinen, 5–6 Kettfäden pro Zentimeter, Ripsbindung, rohe Vernähungen der Horizontalgrenzen, wenige Verzahnungen. Eine durch einen Zickzackfries verzierte Bordüre aus Palmetten und Lotosblüten, die durch Diamantbänder verbunden sind, rahmt die Darstellung Christi und der zwölf Apostel, umgeben von einer das Himmlische Jerusalem darstellenden Stadtarchitektur. Auf grünem Grund thront Christus in einer von den Erzengeln Michael und Gabriel gehaltenen Mandorla auf dem Regenbogen sitzend, die Rechte im Segensgestus erhoben, mit der Linken das offene Buch des Lebens haltend. Zu beiden Seiten auf einer von Säulen getragenen Bank sitzen auf unterschiedlich großen Flächen je sechs Apostel – auf der linken Seite mittels zwischengestellter Architekturelemente zu Paaren geordnet –, die durch Spruchbänder, die sie mit einer Hand halten, mit Tituli (A–L), rot auf Weiß, namentlich bezeichnet sind. Zwischen den Köpfen der Erzengel und den oberen Bogenabschnitten der Mandorla die Tituli (M, N) weiß auf Grün, teilweise mit roten Binnenkonturen. Der Wandteppich ist gut erhalten. Er wurde 1935 restauriert.3) Die Bordüre ist nur an der linken und teilweise an der oberen rechten Seite erhalten, Teile derjenigen der Unterkante werden separat aufbewahrt, einige unterlegte Löcher und Flockstellen.

Maße: H. 118 cm, B. 897 cm (31,5 cm Bordüre), Bu. 5,0–5,7 cm (A–L), 4,5–6 cm (M, N).

Schriftart(en): Romanische Majuskel.

Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt, Halle (Gunar Preuß) [1/6]

  1. A

    THOMASa)

  2. B

    IOHAN//NES

  3. C

    ANDREAS

  4. D

    IACO//BVS

  5. E

    PHILIPPVS

  6. F

    PET//RVS

  7. G

    PAVLVS

  8. H

    IACO//BVS

  9. I

    BARTHOLOMEVS

  10. J

    I//VDAS

  11. K

    SI//MON

  12. L

    BA//RNABAS

  13. M

    MICHAELb)

  14. N

    GABRIEL

Kommentar

An Schaft-, Balken- und Bogenenden haarstrichartige Sporen, die meistens gerade, manchmal jedoch auch leicht durchgebogen verlaufen und oft weit nach rechts und links über die Buchstabenteile herausragen. Die Bögen weisen bei meist gerader Innenkontur in den mittleren Bogenabschnitten Bogenschwellungen auf. Die Schäfte des A sind meist mit gleichbleibender Strichstärke ausgeführt. Der rechte Schaft weist manchmal eine Linksschrägenverstärkung auf. E findet sich nur im Namen GABRIEL in unzialer Ausführung. Der Bogen des ausschließlich vorkommenden unzialen H, der in der Schaftmitte ansetzt, beginnt und endet spitz zulaufend. Es kommt kapitales M vor, dessen Mittelteil bis fast zur Grundlinie reicht und eine verstärkte Schräghaste aufweist. Einmal findet sich jedoch linksgeschlossenes unziales M, das sehr stark in Richtung der symmetrischen Form tendiert, da der linke Teil zwar geschlossen, der rechte Teil des Bogens jedoch einem Mittelschaft angenähert ist. Es handelt sich vermutlich um einen Webfehler. Das ausschließlich kapitale N weist im Wort IOHANNES zwei eingezogene Schrägschäfte auf. Die leicht geschwungene Cauda des R beginnt, den Bogen berührend, in der Schaftmitte und ist im linken Teil des Teppichs dadurch, daß sie beinahe das untere Schaftende berührt, fast geschlossen. Im rechten Teil des Teppichs dagegen ist die Cauda des R leicht geschwungen und endet nach außen gebogen. Der Buchstabe ist deshalb nach unten offen. T kommt sowohl kapital als auch in zwei unterschiedlichen unzialen Formen vor. Schaft und Balken des unzialen T gehen ineinander über und enden auf der Grundlinie eingerollt bzw. links spitz und verlaufen leicht geschwungen. Der rechte Balkenteil ist etwas unter der Schaftspitze angesetzt, dünner als der linke ausgeführt und endet in einem Knoten. Der Balken der zweiten Version entspricht dem des kapitalen T, ruht jedoch auf einem eingerollten Bogen.

Der Apostelteppich ist nach der Einschätzung von Betty Kurth und ihr folgend Johanna Flemming und anderen in derselben Werkstatt entstanden wie der Abrahamsteppich, wie aus Technik, Material und den Farben der Werke zu schließen ist.4) Wilckens nimmt an, daß der Teppich von rechts nach links gewirkt wurde, weil die Mandorla mit Christus aus dem Mittelpunkt der Komposition etwas nach rechts verschoben wurde, und sie vermutet, daß nach einem Planwechsel die linke Hälfte des Teppichs durch Einschub von Stadtarchitekturelementen gedehnt wurde, um einer Veränderung des Standorts gerecht zu werden.5) Wahrscheinlicher trifft jedoch die Überlegung Flemmings zu, daß der Teppich von links nach rechts entstanden ist und sich stilistisch während der Zeit seiner Herstellung entwickelt hat.6) Für diese These spricht auch ein epigraphisches Detail. So wurde das L, der letzte Buchstabe des Namens des Erzengels Michael, leicht nach oben gestellt, weil so vermieden wurde, daß er in den Regenbogenkreis der Mandorla geriet. Der Name Gabriel wird jedoch auf der rechten Seite in der Höhe, in der das L links abschließt, fortgesetzt.7) Eine umgekehrte Vorgehensweise wird man sich wohl nicht vorstellen können. Man kann also vermuten, daß der Teppich verkürzt und nicht gedehnt werden mußte. In jedem der beiden Fälle könnte dem Planwechsel jedoch eine Veränderung des vorgesehenen Anbringungsortes vorangegangen sein. Ein solcher wäre nach den Überlegungen Wilckens’ und Flemmings die westliche Front der Chorschranke hinter dem Kreuzaltar des ottonischen Domes gewesen.8) Nicht nur ihre durch Grabungen belegte Ausdehnung von 940 cm9) korrespondiert nämlich mit der ehemaligen Gesamtlänge des Apostelteppichs, die ungefähr 930 cm betrug,10) sondern auch das Bildprogramm des Teppichs, die Wiederkunft Christi und das himmlische Jerusalem, paßt zu der Stelle, an denen später der Lettner gerne Darstellungen von „Christus und den Aposteln“ trug.11) Da der ottonische Dom im Jahr 1179 bei der Eroberung der Stadt Halberstadt durch Truppen Heinrichs des Löwen durch Brand stark beschädigt und zumindest in Teilen zerstört worden war,12) ist es vorstellbar, daß bei seiner Wiederherstellung auch die Chorschranke vor dem östlichen Abschluß des Mittelschiffs – z. B. durch ihre Verbreiterung13) – Veränderungen erfuhr, auf die man an dem schon vor 1179 begonnenen Teppich mit einer Planänderung reagierte. Dafür spricht auch die kopiale Erhaltung eines stilistisch wie thematisch zugehörigen Teppichs bzw. Teppichfragments im Halberstädter Dom (vgl. Nr. 15 †).

Stilistisch wird der Teppich gerne mit niedersächsischen Handschriften, besonders der Hamerslebener Bibel, oder Werken der Magdeburger Gießkunst aus der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts verglichen.14) Entsprechend diesen Einordnungen wird das Werk hier in das letzte Drittel des 12. Jahrhunderts gesetzt.

Textkritischer Apparat

  1. THOMAS] Zwischen dem H und dem folgenden O ein großer Abstand, ebenso zwischen dem O und dem folgenden Buchstaben. Vielleicht war hier ursprünglich eine greifende Hand vorgesehen.
  2. MICHAEL] L etwas über die Grundlinie gestellt.

Anmerkungen

  1. Siehe dazu Kurth 1926, S. 207 und Bd. II mit Abb. Taf. 8–10 sowie 22 a.
  2. Siehe Uffenbach 1753, S. 147; Büsching 1819, S. 235 f. schildert das Bildthema und bemerkt auch, daß sich auf den Spruchbändern in Händen der Apostel Inschriften mit ihren Namen befinden; Niemann 1824, S. 32; Lucanus 1837, S. 7; Lucanus 1845, S. 47; Kugler 1853, S. 133; Elis 1857, S. 88 nennt auch die Inschriften; Bock 1859–1871 Bd. 3, S. 201; Lucanus 1866, S. 40; Zschiesche 1895, S. 164; Hermes 1896, S. 107; BKD, S. 289 f.; Creutz 1910, S. 49 f.; Schmitz 1922, S. 57–60; Kurth 1926, S. 45–50 und 206 f.; Doering 1927, S. 77 f.; Giesau 1929, S. 41; Jaques 1942, S. 129 mit Abb. 124; Hinz 1964, S. 160–165 mit Abb.; Nickel 1976, S. 48–50; Flemming/Lehmann/ Schubert 1990, S. 160 f., 231 f. mit Abb. 134–138; Findeisen 1996, S. 73 mit Abb. S. 77; Kostbarkeiten 2001, S. 44–47 mit Abb. S. 113 ([Barbara] P[regla]); Janke 2003, S. 78 f. mit Abb.; Der heilige Schatz 2008, Nr. 89 S. 306 f. mit Abb. (Anja Preiß).
  3. Zu Material, Technik, Erhaltung und Restaurierung vgl. Hermes 1896, S. 108 mit Hinweis auf Ausbesserungen durch den ehemaligen Domküster Conrad Matthias Haber; Kurth 1926, S. 206 f.; Meyer 1942/43, S. 65–67; Nickel 1976, S. 48 f.; Happach 1983, S. 384–388; Flemming/Lehmann/Schubert 1990, S. 231.
  4. Kurth 1926; S. 45 f.; Flemming/Lehmann/Schubert 1990, S. 231; Kostbarkeiten 2001, S. 44 ([Barbara] P[regla]).
  5. Wilckens 1967, S. 285.
  6. Flemming/Lehmann/Schubert 1990, S. 231.
  7. Auffallend ist auch, daß an der Gestaltung des R zwei verschiedene Formen wahrnehmbar sind: eine geschlossene im linken Teil des Teppichs und eine stärker geöffnete auf seiner rechten Seite.
  8. Wilckens 1967, S. 287; Flemming/Lehmann/Schubert 1990, S. 231 f.; Kostbarkeiten 2001, S. 46 ([Barbara] P[regla]) denkt neben der Chorschranke auch an die Hauptapsis.
  9. Vgl. dazu Leopold/Schubert 1984, Beilage Nr. 43 f., Fundament 127, das 940 cm mißt.
  10. Wilckens 1967, S. 287 (927 cm); Flemming/Lehmann/Schubert 1990, S. 232 (930 cm).
  11. Vgl. Apc 4,3–8,21 f. bes. 21, 14, wo auf den zwölf Grundsteinen der Mauer des Himmlischen Jerusalem die zwölf Namen der Apostel stehen; Wilckens 1967, S. 287.
  12. Vgl. GEH, S. 108 f.; UBHH Bd. 1, Nr. 287 S. 257 f.
  13. Vgl. Leopold/Schubert 1984, S. 60, 71 mit Beilage Nr. 40, Fundament 127 f.
  14. Kurth 1926, S. 46 f.; Wilckens 1967, S. 288 f.; Flemming/Lehmann/Schubert 1990, S. 231; Kostbarkeiten 2001, S. 44 ([Barbara] P[regla]).

Nachweise

  1. Elis 1857, S. 88.
  2. BKD, S. 289 f.
  3. Kurth 1926, S. 207 und Bd. II mit Abb. Taf. 8–10.
  4. Doering 1927, S. 77.

Zitierhinweis:
DI 75, Halberstadt Dom, Nr. 14 (Hans Fuhrmann), in: www.inschriften.net, https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0238-di075l003k0001403.