Inschriftenkatalog: Greifswald

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 77: Greifswald (2009)

Nr. 162† Greifswald-Eldena, Zisterzienserkloster St. Marien 15.Jh.?

Beschreibung

Grabmal für den Priester Johannes (Bonifacius?) in der Klosterkirche. Standort des Grabmals war der letzten Zeile der Inschrift zufolge der südwestliche Teil der Kirche, tatsächliche inschriftliche Ausführung des Spruchs jedoch nicht gesichert.

Inschrift nach Leichenpredigt in Dreger/Schwarz, Historia.

  1. Hic jacet Herr Johann de Preest Quem salvat gratia Helige Gehst Jlle dedit suum Gräsesta) Et de siligine duo läst He at allthit gern dat best requiescat in pulvere Südwest

Übersetzung:

Hier liegt Herr Johannes, der Priester, den der Heilige Geist durch seine Gnade errettet. Er gab (...) und an Weizen zwei Last. Er aß allezeit gern das Beste, er ruhe im Staub im Südwesten.

Kommentar

Grundlage der kopialen Überlieferung dieser Inschrift ist eine um 1700 von dem Wismarer Superintendenten Johann Gerdes (1653–1723) angefertigte Abschrift. Diese gelangte Pyl zufolge 1713 an Albert Georg Schwarz,1) der sie in seine ‚Historia monasteriorum‘ aufnahm. Verständnisschwierigkeiten bietet seit jeher die dritte Zeile, die Deutungsversuche der älteren Literatur überzeugen nicht.2) Ein Priester namens Johannes (Bonifacius) lässt sich nicht nachweisen. Der Beiname Bonifacius wird im Übrigen nicht in der Inschrift selbst, sondern lediglich von Schwarz vor der Wiedergabe der Inschrift genannt.3) Die Frage, ob es sich um eine rein literarische oder um eine tatsächlich ausgeführte und um 1700 vom Original abgeschriebene Inschrift handelt, ist nicht eindeutig zu beantworten. Für die Authentizität der Inschrift spricht, dass zweisprachige lateinisch-deutsche Dichtungen seit dem hohen Mittelalter zu belegen sind.4) Als inschriftlich ausgeführte Parallele sei auf das niederdeutsch-lateinische Epitaph für Peter Wise (ursprünglich wohl 15. Jahrhundert, später überformt) in der Kirche des Zisterzienserklosters Doberan verwiesen.5) Die Wortformen der aus Eldena überlieferten Inschrift deuten teilweise auf einen mittelalterlichen Sprachstand hin (Helige), der Wortlaut insgesamt ist aber wohl durch den Kopisten normalisiert bzw. modernisiert worden (Südwest). Als Terminus ante quem für die Entstehung der Inschrift wäre das Jahr 1535 anzusetzen, in dem das Kloster aufgelöst wurde. Der Verlust des Originals müsste Ende des 17. oder zu Beginn des 18. Jahrhunderts, also nach der Aufzeichnung der Inschrift durch Johann Gerdes, eingetreten sein.

Textkritischer Apparat

  1. Gräsest] Grä sest Schwarz. Grähest Pyl, gedeutet als ‚das Größte‘. grä fest Biederstedt, vorgeschlagene Bedeutung ‚Grabfest, Begräbnißbewirtung‘.

Anmerkungen

  1. Pyl, Eldena, S. 162f. Die Behauptung ebenda, S. 163, Schwarz habe die Inschrift „in seiner Geschichte des Klosters Eldena“ wiedergegeben, ist nicht zu verifizieren, da zum einen die zugehörige Fußnote fehlt und sich zum anderen im einzigen Werk dieses Autors, das gemeint sein könnte, die Inschrift nicht nachweisen lässt (Albert Georg Schwarz, Historischer Bericht vom Ursprung der Stadt Greifswald [...] so lange sie sich unter ihrem Stiffter dem Abt und Closter zu Eldena befunden, Greifswald [1733]).
  2. Vgl. Anm. a.
  3. Epitaphium venerabilis Presbyteri Johannis Bonifacii in der ehemaligen Eldenaischen Closter-Kirchen; UB Greifswald, MS 390 (Dreger/Schwarz, Historia), Bl. 29r.
  4. Vgl. das in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts zusammengestellte Wienhäuser Liederbuch, hier Nr. 15, 16, 18; ebenso die mehr als zweihundert Jahre älteren, aus dem bairischen Sprachgebiet stammenden Carmina burana, Nr. 184, 185.
  5. Dazu Kühne, Doberan, S. 74; Voss, Doberan, S. 153, dazu Abb. S. 119.

Nachweise

  1. UB Greifswald, MS 390 (Dreger/Schwarz, Historia), Erstes Heft, Bl. 29r (Leichenpredigt).
  2. Biederstedt, Eldena, o. S.
  3. Pyl, Eldena, S. 163.

Zitierhinweis:
DI 77, Greifswald, Nr. 162† (Jürgen Herold, Christine Magin), in: www.inschriften.net, https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0238-di077g014k0016205.