Inschriftenkatalog: Greifswald

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 77: Greifswald (2009)

Nr. 64 St. Marien 1388, 1.H.16.Jh., 1612

Beschreibung

Grabplatte für Hermann, Johannes und Dietrich Warschow (A) sowie für Joachim (B) und Jürgen Engelbrecht (C). Kalkstein. Von der ehemals hochrechteckigen Platte sind zwei Fragmente im fünften Joch des nördlichen Seitenschiffs erhalten, das größere mit den beiden oberen Ecken an der Ostwand vor dem Halbpfeiler, ein kleineres mit der linken unteren Ecke in der Mitte zwischen dem vierten Pfeiler und der Nordwand.1) Die rechte untere Ecke ist verloren. Zwischen einfachen Linien umlaufend Inschrift A. In den Ecken Medaillons mit den Evangelistensymbolen. Durch den Verlust der rechten unteren Ecke und eines Teils der linken Langseite fehlen die entsprechenden Abschnitte der Inschrift. In der Mitte des Innenfeldes Spuren eines anscheinend zu A gehörigen, nicht mehr identifizierbaren Vollwappens. Am oberen Rand des Innenfeldes Inschrift B für Joachim Engelbrecht. Darunter ein hierzu gehöriger Schild mit einer Hausmarke (H15). Unter dem Schild Inschrift C für Jürgen Engelbrecht. Im Zentrum der Platte Nummerierung D. Die Inschriften A und B erhaben in vertiefter Zeile, C und D eingehauen.

Inschrift A ergänzt nach Pyl.

Maße: H. 204 cm, 244 cm, 146 cm, Br. 153 cm. Bu. 6 cm (A), 7,5 cm (B), 4,5 cm (C).

Schriftart(en): Gotische Minuskel (B), mit Versalien (A), Kapitalis mit Versalien (C).

Jürgen Herold [1/2]

  1. A

    Anno ˑ d(omi)ni ˑ M ˑ ccc ˑ lxxxviii ˑ quarta ˑ die ˑ me(n)s(is) / octobris ˑ o(biit) d(omi)n(u)s ˑ herman(us) warscow ˑ p(re)sb(ite)r ˑ pleban(us) ˑ i(n) wyck i(n)sule rugye ˑ an(n)o [domini M ccc lxxxii in vigilia assumpcionis] marie ˑ o(biit) ˑ ioh(ann)es ˑ warscow / (et) ˑ anno ˑ reuo[luto ipsa die beati augustini obiit thide]ricus ˑ warscow ˑ frater ˑ p(re)dict(orum) ˑ orate ˑ deu(m) p(ro) ei(s)

  2. B

    her iochym engelbrecht

  3. C

    IVRGEN ENGELBRECHT VNDE / SINEN ERVEN ANNO 1612 / DEN 6 ˑ OCTOB(RIS)

  4. D

    K / 14

Übersetzung:

Im Jahr des Herrn 1388 am 4. Oktober starb Herr Hermann Warschow, Priester, Pfarrer in Wiek auf der Insel Rügen. Im Jahr des Herrn 1382 am Tag vor Mariä Himmelfahrt (14. August) starb Johannes Warschow, und im folgenden Jahr am Tag des heiligen Augustinus (28. August 1383) starb Dietrich Warschow, Bruder der Vorgenannten. Betet zu Gott für sie. (A)

Wappen:
Engelbrecht II

Kommentar

Hermann, Johannes und Dietrich Warschow (A) waren Söhne von Albert Warschow († 1379), der in Greifswald zahlreiche Häuser und Buden besaß. Johannes erbte das Eckhaus am Markt zum Schuhhagen, das sein Vater zuvor bewohnt hatte, sowie zwei Häuser in der Knopfstraße. Dietrich erhielt ebenfalls ein Haus am Markt sowie weitere in der Hunnenstraße, am Mühlentor und bei der Jacobikirche. Hermann wurde Geistlicher und starb 1388 als Pfarrer von Wiek (Ldkr. Vorpommern-Rügen). Die drei erhielten ein gemeinsames Grab in der Marienkirche, für das diese Grabplatte nach Hermanns Tod angefertigt wurde. Sie hatten noch zwei weitere Brüder. Gerhard († 1413) war ebenfalls Geistlicher sowie Magister und Lizentiat der Medizin. Er starb als Pfarrer von Gingst (Ldkr. Vorpommern-Rügen) und wurde in der Eldenaer Klosterkirche bestattet (Kat.-Nr. 104). Dort wurde vermutlich auch der jüngste Bruder Peter († 1402) begraben, dessen Grabplatte heute in der Pfarrkirche zu Neuenkirchen (Ldkr. Vorpommern-Greifswald) aufgestellt ist (Kat.-Nr. 96).2)

In der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts kam die Platte der drei Brüder Warschow in den Besitz von Joachim Engelbrecht (B), Sohn des Ratsherrn Wilken Engelbrecht († 1501/2). Joachim wurde 1503 in den Rat gewählt, versah von 1528 bis 1540 das Amt des Kämmerers und starb 1543/44. Er war mit Gertrud Segeberg, Tochter des Ratsherrn Hinrich Segeberg († 1497), verheiratet, die als Mitgift ein Haus am Markt in die Ehe brachte. Joachim besaß außerdem ein Haus in der Fisch- und fünf Buden in der Stremlowerstraße. Er hatte zwei Söhne, von denen Pyl den späteren Ratsherrn Joachim Engelbrecht († 1573) für den in Inschrift B genannten Besitzer der Grabplatte hielt.3) Die Ausführung der Inschrift in der für die erste Hälfte des 16. Jahrhunderts typischen Spätform der gotischen Minuskel als bloße Namensinschrift ohne Jahreszahl verweist jedoch auf den Vater, ebenso die weitere Besitzgeschichte. 1612 kam die Platte an den Kaufmann Jürgen (Georg) Engelbrecht (C), Enkel Joachims († 1543/44) von dessen anderem Sohn, dem Ratsherrn und Bürgermeister Johannes Engelbrecht († 1598), verheiratet mit Gertrud Gröneberg, Tochter des Ratsherrn Johannes Gröneberg. Jürgen wurde 1551 geboren, heiratete Emerentia Bünsow und starb 1631.4) Im 18. Jahrhundert ging die Platte in den Besitz der Marienkirche über (D).

Anmerkungen

  1. Siehe Grundriss St. Marien, Nr. 155. Zur früheren Lage siehe Pyl, Greifswalder Kirchen, nach S. 248, Grundriss St. Marien, Nr. 127.
  2. Pyl, Eldena, S. 142–146.
  3. Pyl, Greifswalder Kirchen, S. 427.
  4. Pyl, Genealogien 5, S. 309 (Nr. 328), S. 321f. (Nr. 434), S. 372 (Nr. 417); Gesterding, Erste Fortsetzung, S. 211f. (Nr. 2), S. 212 (Nr. 6), S. 214 (Nr. 36).

Nachweise

  1. Kirchner, Grabsteine Marienkirche, S. 217 (A).
  2. Pyl, Eldena, S. 145 (A).
  3. Pyl, Greifswalder Kirchen, S. 427 (B, C).

Zitierhinweis:
DI 77, Greifswald, Nr. 64 (Jürgen Herold, Christine Magin), in: www.inschriften.net, https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0238-di077g014k0006404.