Inschriftenkatalog: Greifswald

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 77: Greifswald (2009)

Nr. 293 St. Marien 1606, 1705

Beschreibung

Grabplatte für Paul Schmatzhagen (A–E) und Klara Behr (A) sowie für Johannes Tideböhl (F). Kalkstein. Hochrechteckige Platte im ersten Joch des südlichen Seitenschiffs.1) Die linke Seite wird zu etwa einem Fünftel ihrer Breite durch das Gestühl verdeckt, weshalb die Inschriften teilweise nicht sichtbar sind. Die untere Kante mit Ausbrüchen. Am oberen Rand Inschrift E für Paul Schmatzhagen. Die obere Zeile mit der Jahresangabe ist durch eine ausgemeißelte Inschrift von den beiden unteren getrennt. In der Plattenmitte der Umriss einer Vertiefung, die einen heute verlorenen Wappenschild aus Metall enthielt. Links davon die Initialen B1, darunter Inschrift C, rechts davon in derselben Anordnung die Initialen B2 und Inschrift D. Die Inschriften beiderseits des Schildumrisses, der zu einer heute verlorenen Inschrift gehörte, berücksichtigen weitgehend dessen Form. Der Raum darüber bis unterhalb von E wird von Inschrift F für Johannes Tideböhl ausgefüllt. Unterhalb der Plattenmitte nebeneinander zwei Vollwappen in ovalen Vertiefungen. Darunter eine Doppelkartusche mit Rollwerk und den Wappenbeischriften A1 für Paul Schmatzhagen und Klara Behr. Über der Verbindung der beiden Kartuschenfelder ein Stundenglas. Die verbleibende Fläche bis zum unteren Plattenrand nimmt eine zweite Kartusche mit Rollwerk und Inschrift A2 für Klara Behr ein. In der rechten oberen Ecke eine Krone als Besitzzeichen der Marienkirche, die teilweise von E überlagert wird, mit einer dreistelligen Nummerierung G darunter. Etwa in der Mitte unterhalb von Inschrift F eine weitere Nummerierung H. Inschrift A erhaben in vertieftem Feld, die übrigen eingehauen.

Inschriften A1, A2, B1, C und E ergänzt nach Pyl.

Maße: H. 257 cm, Br. 140 cm (ca.). Bu. 3,5–5,5 cm (A), 3,5–4,5 cm (B–E), 4,5–6 cm (F).

Schriftart(en): Kapitalis (A–E), mit Versalien (F).

Arbeitsstelle Inschriften Greifswald [1/1]

  1. A1

    [PAW]EL SMATZHAGEN // CLARA BEHR

  2. A2

    [ANNO] 1605 DEN 12 MARTII IST DIE / [EDL]E VND VIELTVGENTSAME CLARA BEHR / [DES] EDLEN GESTRENGEN VND ERENVESTE(N) / [CAS]PER BEHR AVF NVSTROW DVVELSTORF VND / [NIENH]OF ERB(LICH) LIEBE TOCHTER AVCH DES EDLEN GESTRENGE(N) / [VND ERENVESTEN PAWEL] SMATZHAGEN E[LIC]HE HAVSFRAW IN GOD SALICH ENTSLAP[EN]

  3. B1

    [W ˑ G ˑ V ˑ] H ˑ W ˑ G ˑa)

  4. B2

    ˑ W ˑ G ˑ W ˑ W ˑ K ˑ W ˑb)

  5. C

    [VNSER KEINE]R LEBET IHM / [SELBER KEIN]ER STIRBET / [IHM SELBER L]EBEN WIER / [SO LEBEN WI]ER DEM / [HERN STERBEN] WIER SO STERBE(N) / [WIER DEM HER]N RO 142)

  6. D

    MEIN HOFFENVNG TROST / VND ZVVORSICHT ZV DEM / LIEBEN GOD GERICHT IS / DEN EHR VORLEST DIE / SEINE NICHTc)

  7. E

    1606 / [DISER S]TEIN GEHORDT PAWEL SMATZHAGEN VND / SEINEN ERBEN

  8. F

    SEPVLCHRVM / HAEREDITARIVM / JOH(ANNIS) TIDEBÖHL / SENAT(ORIS) GRIJPH(ISWALDENSIS) 1705

  9. G

    13[3]d)

  10. H

    6

Übersetzung:

Erbbegräbnis des Greifswalder Ratsherrn Johannes Tideböhl, 1705. (F)

Wappen:
Schmatzhagen, Behr

Kommentar

Die Inschriften B bis E sind in einer schrägliegenden Kapitalis ausgeführt, für die es aus dem beginnenden 17. Jahrhundert auf Greifswalder Grabplatten keine weiteren Belege gibt.3) Besonders auffällig ist zudem N mit geschwungenem, über die Schäfte hinausgeführtem Schrägbalken. Dieselbe Schriftform findet sich auch auf den Resten eines Epitaphs in der Marienkirche (Kat.-Nr. 295), das bereits früher mit Klara Behr in Verbindung gebracht und ebenso wie die Grabplatte dem Rostocker Bildhauer Rudolf Stockmann zugeschrieben wurde.4) Der paläografische Vergleich bekräftigt nicht nur die Annahme, dass beide Objekte aus derselben Werkstatt stammen, sondern belegt auch eine Rostocker Provenienz, da in den Rostocker Kirchen dieselbe Form der Kapitalis auf gleichzeitig entstandenen Grabplatten mehrfach zu finden ist.5)

Mehrere ausgemeißelte oder völlig abgetretene Inschriften sowie die Vertiefung für einen heute verlorenen Wappenschild aus Metall lassen keine Rückschlüsse mehr darauf zu, wer die Besitzer der Platte waren, bevor sie in das Eigentum der Marienkirche überging, wovon die Darstellung einer Marienkrone und die Nummerierungen (G, H) zeugen. Am 16. März 1605 erwarb Paul Schmatzhagen ein Erbbegräbnis „negst am Altarfuße“, vermutlich zusammen mit dieser Platte, da die im Kaufvertrag genannte Nummer 133 der Grabstelle mit derjenigen auf der Platte – soweit erhalten – übereinstimmt (G).6) Paul Schmatzhagen, Sohn von Paul Schmatzhagen d. Ä. und Barbara Ruschen, wurde 1533 geboren. Seine Familie besaß mehrere Güter bei Grimmen (Ldkr. Vorpommern-Rügen).7) Er erwarb 1601 das Greifswalder Bürgerrecht und wurde 1603 im Alter von 71 Jahren in den Rat gewählt. Als einziger Adeliger, der in Greifswald dieses Amt erlangt hatte, legte er es nach wenigen Jahren nieder und zog sich auf sein Landgut zurück.8) Am 30. Dezember 1604 heiratete er die über fünfzig Jahre jüngere Klara Behr, die bereits wenige Wochen später, am 12. März 1605, an den Pocken starb. Vier Tage danach kaufte Paul Schmatzhagen die Grabstelle, Klaras Beisetzung fand jedoch erst am 10. April statt.9) Die Grabplatte wurde anscheinend im Jahr darauf hergerichtet, da die Jahreszahl 1606 von Inschrift E nicht das Erwerbsjahr, sondern nur das der Anbringung der Inschrift bezeichnen kann. Geboren wurde Klara Behr im Jahr 1586 als älteste Tochter von Kaspar Behr (1564–1638) auf Nustrow (Ldkr. Rostock) und Katharina Below († vor Ostern 1633).10) Kaspar Behr besaß etliche Güter in Mecklenburg und Pommern. Er war pommerscher Landrat und Amtshauptmann von Grimmen und Tribsees (Ldkr. Vorpommern-Rügen).11) Nach Klaras Tod ging Paul Schmatzhagen eine weitere Ehe mit einer Tochter Christophs von Jasmund ein, die ebenfalls kinderlos blieb. Er starb 1616. Die Grabplatte ging an seine Nichte Barbara, Tochter seines Bruders Henning, über, die mit dem Landrat Joachim Morder verheiratet war. Deren Tochter Agnesa verkaufte sie 1665 an Regina Fuchs. Über Anton Vollmar kam sie 1705 an Johannes Tideböhl (1659–1728, F), ab 1701 städtischer Sekretär, von 1703 bis 1709 Ratsherr in Greifswald, später Bürgermeister in Wolgast (Ldkr. Vorpommern-Greifswald), der sich 1708 mit Anna Margarete von Schmiterlow vermählte.12)

Textkritischer Apparat

  1. Für ‚Wer Gott vertraut, hat wohl gebaut‘ (Wander, Sprichwörter-Lexikon 2, Sp. 90f., Nr. 2200).
  2. Vielleicht für ‚Was Gott will, wird keiner wenden‘.
  3. Wander, Sprichwörter-Lexikon 2, Sp. 48, Nr. 1096 (‚Gott verlässt die Seinen nicht‘).
  4. Zu dieser ergänzten Nummerierung vgl. den Kommentar.

Anmerkungen

  1. Siehe Grundriss St. Marien, Nr. 238. Zur früheren Lage siehe Pyl, Greifswalder Kirchen, nach S. 248, Grundriss St. Marien, Nr. 51.
  2. Rö. 14,7f.
  3. Eine ähnlich ausgeführte schrägliegende Kapitalis wurde erst wieder für eine Inschrift aus dem Jahr 1621 verwendet, Kat.-Nr. 117B.
  4. Römer, Renaissanceplastik, S. 19.
  5. Beispiele bei Schäfer, Fußboden, Abb. 1–3.
  6. Behr Negendank, Forschungen, S. 73.
  7. Pyl, Greifswalder Kirchen, S. 584.
  8. Pyl, Genealogien 5, S. 384 (Nr. 439); Biederstedt, Bürgervertretungen, S. 30.
  9. Behr Negendank, Forschungen, S. 73. – Paul Schmatzhagen besaß außer dieser Grabstelle auch Anteile an einer weiteren in der Marienkirche, Kat.-Nr. 47.
  10. Behr Negendank, Forschungen, S. 73.
  11. Bohlen-Bohlendorf, Georg Behr, S. 5–15; Behr Negendank, Forschungen, S. 56–72.
  12. Gesterding, Erste Fortsetzung, S. 150 (Nr. 19); Pyl, Greifswalder Kirchen, S. 584; Pyl, Genealogien 5, S. 186 (Nr. 527), S. 314–316 (Nr. 337); Spruth, Notare, Nr. 1141 (Sedina-Archiv, N. F. Bd. 4, 18. Jg., Nr. 4, 1972, S. 113).

Nachweise

  1. Pyl, Greifswalder Kirchen, S. 397 (B–D), 583 (A), 584 (E), 595 (F).

Zitierhinweis:
DI 77, Greifswald, Nr. 293 (Jürgen Herold, Christine Magin), in: www.inschriften.net, https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0238-di077g014k0029301.