Inschriftenkatalog: Greifswald

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 77: Greifswald (2009)

Nr. 256 St. Marien 1587, 17.–18.Jh.

Beschreibung

Kanzel. Eichen- und Ahornholz mit Intarsien und teilweise gefassten Schnitzereien. Am zweiten Pfeiler der Nordseite des Mittelschiffs. Die Kanzel besteht aus Portal, Aufgang und Kanzelkorb, Kanzel-Rückwand sowie Schalldeckel und ist reich mit Beschlagwerk, Fruchtgirlanden, Hermenpilastern und Puttenköpfen verziert.1) Sie wurde 1755 und 1946 renoviert bzw. repariert.2) Die Inschriften der Kanzel (A–P) werden im ersten Teil des Artikels ediert. An der Innenseite des Kanzelaufgangs wurden seit dem 17. Jahrhundert, vielleicht auch früher, zahlreiche Graffiti (Q) angebracht. Sie werden im zweiten Teil behandelt.

Die Inschriften an der Kanzel

Auf dem Gebälk des Kanzelportals eine Ädikula mit Intarsien; außen eine Darstellung Mariens mit dem Kind, innen Martin Luther, an einem Tisch sitzend, darüber die Jahreszahl A.

An der Wandung des Kanzelaufgangs sind in Intarsienarbeit von oben nach unten die Evangelisten Matthäus, Markus, Lukas und Johannes mit ihren Symbolen dargestellt, um den Kanzelkorb herum Paulus, Christus als Weltenherrscher, Johannes Bapt. und Petrus. Über den Figuren, unterhalb der Brüstung und von Puttenköpfen unterbrochen Inschrift B am Kanzelaufgang, C um den Kanzelkorb herum. Auf dem Unterhang unterhalb der Darstellungen des Paulus, Christus und Johannes die Wappen der drei Gemeindeprovisoren, unter Paulus das Wappen Corswant mit den Initialen D, unter Christus das Wappen Gruwel, unter Johannes das Wappen Völschow, gehalten von einer weiblichen Figur mit einem Schriftband und der gemalten Inschrift E.

Die Kanzelrückwand wird von drei Seiten eines Pfeilers gebildet, an denen durch Pilaster voneinander getrennte Brustbilder der Reformatoren Johannes Bugenhagen, Martin Luther und Philipp Melanchthon angebracht sind, die jeweils hinter einer Balustrade stehen und ein Buch in den Händen halten; über dem Brustbild die zentrierten Namenstituli F1, G1 und H1, an der Stirnseite der gemalten Balustrade in einem Rahmen die Inschriften F2, G2 und H2. Unten auf dem Pilastersockel links neben dem Bildnis Luthers Inschrift I. Die unregelmäßige Ausführung der Inschriften F–H, besonders deutlich zu erkennen in Inschrift F, weist darauf hin, dass sie nicht mehr im Original erhalten, sondern übermalt sind.

Auf dem aus fünf Seiten eines Achtecks gebildeten Schalldeckel in den Ecken sechs stehende Engelsfiguren. Zwischen ihnen ist auf fünf Kartuschen, die seitlich von Engeln gehalten und mit einem Engelskopf bekrönt werden, Inschrift J angebracht. Unter dem Gesims zeigen die fünf durch Menschen- oder Engelsköpfe voneinander getrennten, gerahmten Felder der Stirnseiten jeweils die Inschriften K–O, die überwiegend in Scriptura continua ausgeführt sind. Rechts am Kanzelkorb, unter dem Pilaster links neben der Darstellung des Paulus, die eingeschnitzte Inschrift P.

Die Inschriften A–C sowie J–O sind erhaben geschnitzt und goldfarben auf blauem Hintergrund gefasst, D erhaben geschnitzt, E–I gemalt. Als Worttrenner vereinzelt Doppelpunkte.

Die Graffiti am Kanzelaufgang

Die Innenseite der Balustrade des Kanzelaufgangs besteht aus mehreren aneinandergefügten Brettern, möglicherweise in Zweitverwendung. Dort sind zahlreiche Initialen und auch vollständige Namen eingeritzt, denen häufig Hausmarken, Handwerkszeichen oder andere Darstellungen, Jahreszahlen und Rahmen hinzugefügt wurden (Q1–Q9). Teilweise ist zu erkennen, dass sich auch im unteren Bereich der Bretter, der heute durch die Kanzelstufen verdeckt wird, Schriftzüge befinden (vgl. Q9). Die unterschiedlich sorgfältig geritzten und geschnitzten Graffiti werden dem Verlauf der Treppe nach oben folgend und von Brett zu Brett fortschreitend wiedergegeben. Dabei werden nur solche Zeichen berücksichtigt, die sich sicher als Buchstaben identifizieren lassen.

Maße: H. ca. 500 cm. Bu. 6,2 cm (B), 6 cm (C), 1,1 cm (D), 0,15 cm (E), 1,8–2,3 cm (F–H), 1,5 cm (I), ca. 3 cm (J–O), 1,3 cm (P), 1–5,5 cm (Q), Zi. 7 cm (A).

Schriftart(en): Kapitalis (B–H, J–Q), Minuskel (I).

  1. A

    1587

  2. B

    LA//BIA SACERDOTIS CVS//TODIENT SCIENTIAM // ET LEGEM REQVIRENT // EX ORE EIVS3) MALAGH//IE // 2

  3. C

    REGES ˑ ERVNT // NVTRITII ˑ TVI ˑ // ET ˑ REGINAE ˑ NV//TR//ICES ˑ TVAE4) ESAIAE 49

  4. D

    I C

  5. E

    HOM[O] ˑ EST ˑ SICVT ˑ FLOS [CAM]P[I]5)

  6. F1

    D(OCTOR) ˑ IOHANNES BVGENHAGIVS / POMERANVS

  7. F2

    ANTE OCVLOS ERRANT EXTREMIa)/ SIGNA DIEI : / MVNDVS SECVRVS NON TAME(N) / ISTA VIDET6)

  8. G1

    D(OCTOR) MARTINVS LVTHERVS

  9. G2

    TEMPVS ADEST, STABIS CVM / IVDICIS ANTE TRIBVNAL / TV MALA FACTA BONIS / CORRIGE, TEMPVS ADEST7)

  10. H1

    PHILIPPVS MELANTHONb)

  11. H2

    VENTVM AD SVPREMAc) EST MVN/DVS DAT SIGNA RVINAE : / QVEM NON SIGNA MOVENT HVNC / SVA POENA MANET8)

  12. I

    Sac[ - - - ]d)

  13. J

    ˑ VERBVM ˑ // DOMINI // MANET // IN ˑ AETERˑ//NVM9) ˑ ESAI XLe)

  14. K

    GLORIFICANTES ME GLORIFICABO / CONTEMNENTES ME ERVNT IGNOBILES10) // I SA/M 2f)

  15. L

    ESTO FIDELIS VSQVE AD MORTEM / ET DABO TIBI CORONAM VITAE11) APO 2g)

  16. M

    VMBRA ˑ MANVS MEAE PROTE/GAM TE VT PLANTES COELOS12) ESAI / 51h)

  17. N

    EVGE SERVE BONE QVIA SVPER PAVCA / FVISTI ˑ FIDELIS ˑ SVPER ˑ MVLTA / TE ˑ CONSTI/TVAM13) MAT 25i)

  18. O

    BONVM CERTAMEN CERTAVI ˑ REPOSI/TA EST MIHI CORONA VITAE14) 2 TIMO 4j)

  19. P

    I. C. H.

  20. Q1

    IK // HS // IGP

  21. Q2

    StL. R. // 17/16k) / ISF // TZl) // M // Em) // F // EF // IF // IPn) 4 // A // H // EFo) // IW // M // H4 // MR B // I ˑ K ˑ // FR

  22. Q3

    //MH // HMF // LH // N // KM / TS // Z // P // M // IS

  23. Q4

    F // I // H // HM // N // IW // W // IK // AK // SE: // CLˑ // MRˑ // Hˑ // F // MR // I K // ˑJˑNˑEˑ / 17 // ˑFˑTˑ / 16 65 / D F // LH // MK // MˑHˑBˑ / 1726

  24. Q5

    LH.

  25. Q6

    HR // LHF / 1609 // IAS // I S

  26. Q7

    IAHAN FISK // B. K. // H // M HI // IˑB // F H // M K // MP // TI // C H // IT // AK // HR // MKˑ // M L // MK

  27. Q8

    P. // B // M K // H // S. // KAG // IACOBˑ JINSˑTOW

  28. Q9

    MW // P // 1 // M // Wp) // M H // HANS HINTELMANq) // [---]MI / [---]ERENT

Übersetzung:

Die Lippen des Priesters sollen die Lehre hüten, und aus seinem Munde sollen sie das Gesetz erwarten. (B)

Könige werden deine Nährer und Königinnen deine Ammen sein. (C)

Der Mensch ist wie eine Blume auf dem Feld. (E)

Dr. Johannes Bugenhagen, der Pommer. (F1)

Vor den Augen irren die Zeichen des Jüngsten Tages, die sorglose Welt sieht diese dennoch nicht. (F2)

Da ist die Zeit, da du vor dem Richterstuhl stehen wirst. Bessere du die schlechten Taten durch gute, die Zeit ist da. (G2)

Die Welt ist ans Ende gekommen, sie gibt Zeichen des Verfalls. Wen die Zeichen nicht bewegen, auf den wartet seine Strafe. (H2)

Das Wort des Herrn bleibt in Ewigkeit. (J)

Diejenigen, die mich rühmen, werde ich rühmen; diejenigen, die mich verachten, werden ruhmlos sein. (K)

Sei treu bis zum Tod, und ich werde dir die Krone des Lebens geben. (L)

Mit dem Schatten meiner Hand werde ich dich beschützen, damit du die Himmel bepflanzt. (M)

Recht so, guter Knecht, weil du über weniges treu gewesen bist, will ich dich über vieles setzen. (N)

Ich habe einen guten Kampf gekämpft, die Krone des Lebens ist für mich bereitgelegt. (O)

Versmaß: Elegisches Distichon (F2, G2, H2).

Wappen:
Corswant I15)Gruwel16)Völschow I

Kommentar

Die Ratsherren und Provisoren der Marienkirche Martin Völschow d. Ä. († 1590, Kat.-Nr. 204), Peter Gruwel († 1600, Kat.-Nr. 258) und Kaspar Corswant († 1598, Kat.-Nr. 274) ließen die Kanzel anstelle ihrer mittelalterlichen Vorläuferin errichten. An den mehrere Jahre dauernden Arbeiten waren die Tischler Jost Flege und Joachim Tarncke, die Maler Hans Kramer (Greifswald) und Meister David (Rostock) beteiligt; die Intarsien fertigte der Rostocker Kunsttischler Joachim Mekelenborg.17) Auch die Kirche St. Nikolai soll eine im Jahr 1612 von denselben Meistern angefertigte Kanzel besessen haben.18)

Der Wortlaut der Inschriften B und C entspricht der Vulgata. Auch die Inschriften K–O geben Bibelstellen wieder, der Wortlaut der Inschriften K, M und O weicht jedoch signifikant von dem Vulgatatext ab. Der unbekannte Urheber des Kanzelprogramms scheint auf Texte der Religionspraxis und -unterweisung zurückgegriffen zu haben, auf den Wittenberger Katechismus von 1571 (K) und vielleicht auch auf Gesungenes, nämlich Antiphonen (L, N, O), die in der sich formierenden lutherischen Kirche noch in Gebrauch waren; Belege für neue Vertonungen stammen allerdings erst aus dem frühen 17. Jahrhundert (N). Die Johannes Bugenhagen, Martin Luther und Philipp Melanchthon beigegebenen Distichen F2 (Ante oculos errant ...), G2 (Tempus adest ...) und H2 (Ventum ad supremum est ...) lassen sich in der ‚Orthodoxa enarratio Evangeliorum‘ des Joachim von Beust (1522–1597) nachweisen.19) Da dieses Werk im Jahr 1591, wenige Jahre nach der Entstehung der Kanzel, erstmals gedruckt wurde, ist eine gemeinsame Textvorlage denkbar, bei der es sich um die Liedsammlung des Rostockers Daniel Friderici (erstmals gedruckt 1582 in Greifswald)20) handeln könnte. Die Inschriften befassen sich mit den Aufgaben der Geistlichen und formulieren eschatologische Erwartungen.

Jakob Jinstow und Hans Hintelmann (Q8, Q9) lassen sich in Greifswald nicht nachweisen. Ob der aus Wolgast (Ldkr. Vorpommern-Greifswald) zugezogene Töpfer Hans Fischer, der am 30. September 1676 das Bürgerrecht erhielt und im Jahr 1680 als ehemaliger Besitzer des Hauses Fleischerstr. 20 genannt wird,21) mit IAHAN FISK (Q7) zu identifizieren ist, bleibt unsicher.

Textkritischer Apparat

  1. EXTREMI] Letzer Buchstabe I kaum zu erkennen, bei der Restaurierung übersehen.
  2. Am Ende der Zeile Ranke als Füllornament.
  3. SVPREMA] supremum Beust.
  4. Sac[---]] Nur Wortanfang zu erkennen; sacerdot Haselberg, Pyl; SACCIV(?) Thümmel.
  5. XL] In kleineren Ziffern ausgeführt. Zu ESAI XL vgl. Anm. 9.
  6. I SA/M 2] In halber Buchstabenhöhe am Ende der ersten Zeile.
  7. 2] Stark verkleinert zwischen P und O in APO gestellt.
  8. 51] Am Ende der ersten Zeile.
  9. TE ˑ CONSTI/TVAM MAT 25] In halber Buchstabenhöhe untereinander am Ende der zweiten Zeile.
  10. 2 TIMO 4] Geringere Buchstabenhöhe.
  11. 17/16] Schrägstrich so am Original.
  12. TZ] Z durchkreuzt Schaft des T.
  13. E] Retrograd.
  14. P] Retrograd.
  15. E F] Retrograd.
  16. W] Gestürzt.
  17. HANS HINTELMAN] Name unter dem lockeren Füllholz zwischen Balustrade und Stufe.

Anmerkungen

  1. Vgl. die Beschreibung bei Pyl, Greifswalder Kirchen, S. 514–517; Baier, Denkmale, S. 91f., auch Tf. 100, 101.
  2. An der Innenseite der Kanzeltür ist zu lesen: RENOVATUM 1755. J. C. Mellendorff., darunter Renoviert 1946 Tischlerm. H. Kolwitz. Dass eine weitere Teilrestaurierung 1985 stattfand, geht aus einem Schreiben im PfA der Gemeinde St. Marien, Restaurator Joachim-Paul Gürke, Stralsund, vom 11.7.1985 an die Gemeinde hervor.
  3. III Rg. 2,7.
  4. Is. 49,23.
  5. Ps. (H) 102,15 (homo ... sicut flos agri sic florebit).
  6. Zu diesen Versen vgl. den Kommentar.
  7. Zu diesen Versen vgl. den Kommentar.
  8. Zu diesen Versen vgl. den Kommentar.
  9. I Pt. 1,25. In der Inschrift folgt jedoch der Stellennachweis ESAI XL (Verbum autem dei nostri stabit in aeternum).
  10. Wittenberger Catechesis (1571), in: Reu, Katechismus-Unterricht 1.2, S. 119–176, hier S. 131. Vgl. I Sm. 2,30 (sed quicumque glorificaverit me glorificabo eum; qui autem contemnunt me erunt ignobiles).
  11. Apc. 2,10. Auch Antiphon (vgl. Medieval Music Data Base, http://www.lib.latrobe.edu.au, M0929, M0930, Stand 13.3.2009).
  12. Is. 51,16 (in umbra manus meae protexi te ut plantes caelos).
  13. Mt. 25,21 (euge bone serve et fidelis ...). Auch Antiphon (Medieval Music Data Base, http://www.lib.latrobe.edu.au, M4520–M4586), neu vertont z. B. durch Jan Pieterszoon Sweelinck (1562–1621), Cantiones sacrae, gedruckt 1619, Nr. 16.
  14. II Tim. 4,7f. (Bonum certamen certavi, cursum consummavi, fidem servavi, in reliquo reposita est mihi iustitiae corona.). Nach dem Vulgata-Wortlaut auch Antiphon (vgl. Medieval Music Data Base, http://www.lib.latrobe.edu.au, M6156, 6157, 6160, 6161).
  15. Wappen Corswant I: hier begleitet von den Initialen I C.
  16. Wappen Gruwel: hier ohne Balken.
  17. Pyl, Nachträge 1, S. 29f.
  18. So Baier, Denkmale, S. 108.
  19. Vgl. Joachim von Beust, Orthodoxa enarratio Evangeliorum quae diebus dominicis et sanctorum festis in ecclesia Dei explicantur, Leipzig 1592 (benutzter Druck: VD 16, E 4588; Erstdruck von 1591: VD 16, E 4587), einleitende Verse zum 2. Adventssonntag (Ante oculos ...) bzw. zum 25. und 26. Sonntag nach Trinitatis (Ventum ad supremum est ...,Tempus adest ...).
  20. Dieser Hinweis auf Daniel Friderici, Bicinia sacra, Greifswald 1582 sowie Rostock 1623, konnte nicht überprüft werden, da keine Ausgabe einzusehen war. Zu diesem Werk vgl. allgemein Waczkat, Bicinia sacra.
  21. StA Greifswald, Rep. 3 Nr. 28, Bl. 71v; StA Greifswald, Grundstückschronik, Fleischerstr. 20.

Nachweise

  1. Haselberg, Kreis Greifswald, S. 107f. (A, B).
  2. Pyl, Greifswalder Kirchen, S. 516f. (A, D, E).
  3. Thümmel, Inschriften, S. 131–133 (A–C, E–O).

Zitierhinweis:
DI 77, Greifswald, Nr. 256 (Jürgen Herold, Christine Magin), in: www.inschriften.net, https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0238-di077g014k0025602.