Inschriftenkatalog: Greifswald

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 77: Greifswald (2009)

Nr. 39 St. Marien 1356, E.15.–A.16.Jh.

Beschreibung

Grabplatte für Berta, Ehefrau des Ertmar von Münster (A), und für Mitglieder der Marientidenbruderschaft (B). Kalkstein. Hochrechteckige Platte im fünften Joch des südlichen Seitenschiffs.1) Umlaufend Inschrift A für Berta von Münster. In den Ecken Vierpässe mit den Evangelistensymbolen. Schriftverlust in der Mitte der Langseiten durch Abnutzung der Oberfläche. Im Innenfeld deuten die Reste eines Fußes links unten und einer Bogenarchitektur an der linken Langseite auf eine heute verlorene Personendarstellung hin.2) Am rechten Rand des Innenfeldes entlang Inschrift B für die Marientidenbruderschaft. An der oberen Schmalseite unter einer Krone Nummerierung C. Auf gleicher Höhe in den Ecken des Innenfeldes zwei eingehauene Kreuze. In der Plattenmitte auf dem Kopf stehend ein Kelch in Ritzzeichnung, der von den Ziffern der Nummerierung D flankiert wird. Unter dem Kelchfuß Nummerierung E. Die Inschriften A und B erhaben in vertiefter Zeile, die übrigen sind eingehauen.

Maße: H. 218 cm, Br. 112 cm. Bu. 8 cm (A), 10,5 cm (B).

Schriftart(en): Gotische Minuskel (B), mit Versalien (A).

Jürgen Herold [1/1]

  1. A

    Anno ˑ d(omi)ni ˑ Ṃ ˑ ccc / lvi ˑ in die ˑ martini ˑ ep(iscop)i ˑ obiit ˑ d(omi)na bertha ˑ v[x]o[r] / ẹṛṭmaria) ˑ d[e] ˑ monas/terio hic sepulta c[ - - - ]atb) ˑ in pace ˑ amen

  2. B

    lapis d(omi)nor(um) horar(um) b(ea)te marie v(ir)g(in)is

  3. C

    53

  4. D

    5//3c)

  5. E

    4

Übersetzung:

Im Jahr des Herrn 1356 am Tag des Bischofs Martin (11. November) starb Frau Berta, Ehefrau des Ertmar von Münster, hier begraben. Ihre Seele ruhe in Frieden. Amen. (A)

Stein der Herren von den Horen der heiligen Jungfrau Maria. (B)

Kommentar

Bei Inschrift A zeigt sich das für die zweite Hälfte des 14. Jahrhunderts typische Formenspektrum der gotischen Minuskel. Inschrift B wurde in der Spätform dieser Schriftart, in einer Variante, die vom Ende des 15. bis zum Beginn des 16. Jahrhunderts verwendet wurde (Bokholt-Gruppe, siehe Einleitung, Kap. 8), angebracht.

Die aus der gleichnamigen Stadt in Westfalen eingewanderte Familie von Münster ist seit 1307 in Greifswald nachweisbar. Ertmar, der die Platte für seine 1356 verstorbene Ehefrau Berta anfertigen ließ (A), war vermutlich ein Sohn des Ratsherrn Martin von Münster († 1338).3) 1355 beteiligte Ertmar sich am Verkauf eines Hauses in der Steinbeckerstraße.4) Seine Tochter Margareta wurde die erste Ehefrau des Ratsherrn Arnold Letzenitz. Die ihr gewidmete Grabplatte in der Jacobikirche ist heute verloren (Kat.-Nr. 65).

Die Marientidenbruderschaft (B) besaß mehrere Grabplatten mit gleichlautenden Inschriften.5) Zur selben Zeit wie Inschrift B wird auch der Kelch als Symbol der Priester, aus denen die Bruderschaft gebildet wurde, angebracht worden sein. Da die drei Nummerierungen auf der Mittelachse der durch die Anbringung von Inschrift B schmaler gewordenen freien Fläche des Innenfeldes eingehauen wurden, erweisen sie sich gegenüber B als jünger. Die Marientidenbruderschaft bestand auch nach der Einführung der Reformation in Greifswald (seit 1531) noch eine Zeit lang fort. Deshalb ist davon auszugehen, dass die Nummerierungen – da sie auf den Übergang dieser Platte in den Besitz der Marienkirche verweisen – frühestens um die Mitte des 16. Jahrhunderts eingehauen wurden. Wahrscheinlich wurde zunächst Nummerierung C beiderseits des bereits vorhandenen Kelchs, später Nummerierung D zusammen mit der Marienkrone und zuletzt Nummerierung E angebracht.

Textkritischer Apparat

  1. ẹṛṭmari] erdmani Kirchner.
  2. c[ - - - ]at] Zu ergänzen zu cuius a(n)i(m)a requiescat.
  3. 3] Korrigiert aus 5.

Anmerkungen

  1. Siehe Grundriss St. Marien, Nr. 182. Zur früheren Lage siehe Pyl, Greifswalder Kirchen, nach S. 248, Grundriss St. Marien, Nr. 99.
  2. Zu Grabplatten mit Frauendarstellungen siehe Kat.-Nr. 44.
  3. Pyl, Genealogien 4, S. 77–79 (Nr. 113).
  4. Igel, Bürgerhaus, Dokument 15007.
  5. Siehe Kat.-Nr. 4, 19.

Nachweise

  1. Kirchner, Grabsteine Marienkirche, S. 219 (A).
  2. Pyl, Greifswalder Kirchen, S. 558 (A), 569 (B).

Zitierhinweis:
DI 77, Greifswald, Nr. 39 (Jürgen Herold, Christine Magin), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di077g014k0003908.