Inschriftenkatalog: Gandersheim

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DIO 2: Kanonissenstift Gandersheim (2011)

Nr. 3 Bad Gandersheim, Stiftskirche 4. V. 10. Jh.

Für eine aktualisierte Fassung dieser Katalognummer, siehe DI96 G1 Nr. 3.

Beschreibung

Reliquienkästchen.1) Holz. Schmales, querrechteckiges Kästchen mit einem Schiebedeckel. Die Inschrift ist in zwei Zeilen mit schwarzer Farbe auf die Außenseite des Kästchens gemalt. Die Bezeichnung der einzelnen Reliquien sind durch Kommata voneinander abgesetzt.

Maße: H.: 7,3 cm; B.: 38 cm; T.: 9 cm; Bu.: 0,3 cm.

Schriftart(en): Karolingische Minuskel mit Versal.

Christine Wulf [1/3]

  1. + Hic sunt reliquie s(an)c(t)or(um) marciani (et)a) s(an)c(t)o primitibob), (et) s(an)c(t)e ceciliaec), / (et) s(an)c(tu)s tiburtiusd)

Übersetzung:

Hier sind die Reliquien der Heiligen Marcianus [...] und des heiligen Primitivus und der heiligen Caecilia und des heiligen Tiburtius.

Kommentar

Die zeitliche Einordnung der in einer Buchschrift ausgeführten Inschrift in das 4. Viertel des 10. Jahrhunderts folgt dem Vorschlag von Hedwig Röckelein. Die Beschriftung wurde also wahrscheinlich in der Amtszeit der Äbtissin Gerberga II. (949–1001) angebracht.2)

Die Inschrift ist sprachlich fehlerhaft formuliert, möglicherweise auch unvollständig, da das zweite Glied der Heiligenbezeichnung, das auf sanctorum folgen müßte, fehlt. Weitere Fehler s. Anm. b und d.

Der Text bietet den ältesten Beleg für die Existenz einer Reliquie des heiligen Primitivus in Gandersheim. Primitivus gehört zur Märtyrergruppe der heiligen Symphorosa von Tivoli und ihrer sieben Söhne. Sein Gedächtnis wurde am 21. Juli gefeiert. Außerhalb Gandersheims sind bisher nur in den Benediktinerklöstern Corvey und dem wesentlich jüngeren Flechtdorf Reliquien dieses Heiligen nachgewiesen. Das verlorene, aber archivalisch noch faßbare Corveyer Reliquiar enthielt auffälligerweise die Überreste genau derjenigen Gruppe von Heiligen, die auch das Gandersheimer Kästchen vereinigt. Im übrigen ist auch in Flechtdorf die Primitivus-Reliquie in der Kombination mit Marcianus und Tiburtius bezeugt. Eine solche Übereinstimmung, die nicht durch den kultischen Zusammenhang der Heiligen bedingt ist, läßt auf Reliquientransfer zwischen den drei Klöstern schließen.3)

Die besonders herausgehobene Position des heiligen Primitivus bezeugt auch die Aufschrift auf einer Schublade des Archivschranks von 1682 (vgl. Nr. 61), die seine Reliquien neben Schuldverschreibungen und Privilegien als repräsentative Objekte der eigenen Geschichte wertet.

Textkritischer Apparat

  1. Alle et tironisch.
  2. s(an)c(t)o primitibo] Statt sancti primitivi.
  3. ceciliae] Am Schluß e-caudata.
  4. s(an)c(tu)s tiburtius] Statt sancti tiburtii.

Anmerkungen

  1. Inv. Nr. 79h. Das Kästchen enthält eine größere Anzahl nicht näher bezeichneter Knochen.
  2. Zu Gerberga II. vgl. Goetting, Kanonissenstift Gandersheim, S. 293f.
  3. Vgl. die eingehende Untersuchung des Primitivus-Kults bei Popp, Schatz der Kanonissen, S. 131–133, hier S. 133.

Nachweise

  1. Brakebusch, Inventar 1892, S. 21.
  2. Popp, Schatz der Kanonissen, S. 131 mit Abb. 41.

Zitierhinweis:
DIO 2, Kanonissenstift Gandersheim, Nr. 3 (Christine Wulf), in: www.inschriften.net, https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0238-dio002g001k0000303.