Inschriftenkatalog: Stadt Essen

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 81: Stadt Essen (2011)

Nr. 135 Borbeck, St. Dionysius 1598

Beschreibung

Epitaph für die Äbtissin Elisabeth von Manderscheid-Blankenheim. Baumberger Sandstein. Das Obergeschoss der Ädikula besteht aus einem Muschelgiebel mit Roll- und Beschlagwerk und auf Konsolen stehenden Statuetten der Gottesmutter mit Kind sowie links und rechts Verkörperungen zweier Tugenden.1) In der Nischenzone befindet sich ein von zwei korinthischen Säulen gerahmtes Flachrelief. Links ist die Verstorbene als Äbtissin gekleidet in Gebetshaltung zu sehen, über ihrem Kopf befindet sich eine mit Roll- und Beschlagwerk verzierte Kartusche mit Gebet (A). Die Äbtissin ist dem Kruzifix mit Kreuztitulus (B) zugewandt. Über dem Kreuzesstamm ist ein Spruchband mit Initialen, vielleicht einer Devise oder einer Fürbitte (C), gelegt. Im Hintergrund der Szene sind einige Gebäude und eine Parklandschaft zu sehen.2) Die Inschriften A, B und C sind erhaben ausgehauen und mit Goldfarbe gefasst. In der mit Rollwerk, Fruchtgehängen und Masken verzierten Sockelzone befindet sich die schwarz gefasste, halbovale Tafel mit Sterbevermerk und Fürbitte (D); die eingehauene Inschrift ist mit goldener Farbe nachgezogen.

In der 1861 abgebrochenen alten Kirche St. Dionysius hing das Epitaph gegenüber dem Marienaltar, vor dem die Äbtissin bestattet war; in der nach schweren Kriegszerstörungen wieder aufgebauten Kirche von 1863 hängt es an der nördlichen Wand in der Anbetungskapelle.

Maße: Nicht messbar.3)

Schriftart(en): Kapitalis (A, B, C), gotische Minuskel mit Frakturversalien (D).

AWK NRW, Arbeitsstelle Inschriften [1/3]

  1. A

    IN TE DOMINE / CONFIDO NON ERV/BESCAM QVONIA(M) / SPERAVI IN TE4)

  2. B

    I N R I5)

  3. C

    H · G · M · G

  4. D

    Jm Jahr 1598 Sambstag de(n) 2 Maija) ist die / Hochwürdige und Wolgeborne Fürstinne / und Frauwe Elizabeth des Kay(serlichen) frei welt/lichen stifft Essen Abtisin geborne Graffin / zue Manderscheidt und Blanckenheim in / den herrn seliglich entschlaffen ihres al/ters acht und fumffzig iahr der / selen Gott gnedig

Übersetzung:

Auf dich, Gott, vertraue ich, ich werde nicht (vor Scham) erröten, weil ich auf dich hoffe.6) (A)

Kommentar

Die mit breiter Strichstärke erhaben gearbeiteten Inschriften in Kapitalis (A, B, C) sind fast quadratisch proportioniert. Seit der Restaurierung in den 1950er Jahren sind die Buchstaben goldfarbig gefasst und dünn schwarz umrandet. N ist immer retrograd ausgeführt, die Schäfte und der Schrägschaft stoßen spitz zusammen. C, O und Q sind kreisrund, bei S sind die Bogenenden dünn zulaufend, genau wie die Cauda bei R.

Die eingehauene und mit Gold ausgemalte Inschrift D ist in gotischer Minuskel ausgeführt; der Gesamteindruck der Inschrift wird allerdings von den Frakturversalien mitbestimmt. Auch die Bögen besonders bei a und teilweise auch bei u sowie der immer vollkommen ungebrochene untere Bogen des g entsprechen nicht den Formen der gotischen Minuskel. Die Versalien sind unterschiedlich aufwendig ausgeführt:7) Eher schlicht wie z. B. bei G in Gott, H in Hochwürdige und beim Kapitalis-S bei Sambstag; besonders verziert wie z. B. F in Fürstinne, E in Elizabeth sowie J in Jm. G, E, F und I sind in einer einfachen und in einer aufwendigen Variante vorhanden. Besonders der Beginn der Inschrift, der Fürstinnentitel und die Namen sind durch stark verzierte Versalien gekennzeichnet.

Die Initialen H G M G ließen sich bislang nicht auflösen. Möglicherweise handelt es sich um eine abgekürzte, aber wenig gängige Fürbitte, vielleicht „Herr gib mir Gnade“, die auch als Devise verwendet wurde. Beachtenswert ist, dass die gleichen Initialen auch auf einer Medaille der Essener Äbtissin Katharina von Tecklenburg von 1555 und auf deren Epitaph von 1560 Verwendung fanden.8)

Elisabeth von Manderscheid-Blankenheim war gemeinsam mit ihrer Schwester Elsabeth in Essen präbendiert, 1562 war sie als Pröpstin oberste Hobsschultin des Oberhofs Nünning, 1588 wurde sie zur Äbtissin gewählt.9) Sie ließ das 1584 während des Truchsessischen Krieges von Truppen des Kölner Erzbischofs geplünderte Schloss Borbeck reparieren und verlegte 1592 ihre Residenz ganz nach Borbeck.10) Nach ihrem Tod am 2. Mai 1598 wurde ihr Leichnam am 8. Mai von dem Borbecker Pfarrer Conrad Spaer „mit großem Gefolge“ (magno comitatu) in die Pfarrkirche überführt und dort bestattet.11) In einem Memorienkalender des 17. Jahrhunderts ist eine Messstiftung zu ihrem Todestag vermerkt.12)

Der Borbecker Lokalhistoriker Franz Goebel gibt 1956 ohne Quellenangabe an, dass das Epitaph von Hermann, Graf von Manderscheid-Blankenheim, dem Bruder der Verstorbenen, bei dem Münsteraner Bildhauer Gerdt Kellinger in Auftrag gegeben worden sei. Es ist nicht gelungen, einen weiteren Hinweis auf einen westfälischen Künstler dieses Namens zu finden.13)

Textkritischer Apparat

  1. Ligatur in Form eines y, Unterlänge nicht goldfarbig gefasst.

Anmerkungen

  1. Goebel identifiziert sie als Glaube und Liebe, vgl. Koerner, Elisabeth von Manderscheid-Blankenheim, S. 87; nach Goebel auch Abel, Grabmal, S. 69.
  2. Abel, Grabmal, S. 72, vermutet hier eine Darstellung des von Elisabeth von Manderscheid-Blankenheim teilweise wiederaufgebauten Borbecker Schlosses. Da es keine zeitgenössischen Abbildungen des Schlosses gibt, die zum Vergleich herangezogen werden können, bleibt dies Spekulation.
  3. Es konnten keine Maße ermittelt werden, weil das Epitaph sehr hoch oben an der Wand angebracht ist.
  4. Paraphrase von Teilen von Ps 24 (25),2 und Ps 24 (25),20, bis ERVBESCAM z. B. verwendet im Totenoffizium, in: Rituale Romanum, S. 127f. (neue Seitenzählung).
  5. Io 19,19.
  6. Luther übersetzt den Vers in seiner Bibelausgabe von 1545 so: „Mein Gott, ich hoffe auf dich, lass mich nicht zuschanden werden“.
  7. Zur Typologie der Versalien vgl. Kohn, Versuch, passim.
  8. Vgl. Nr. 118.
  9. Koerner, Elisabeth von Manderscheid-Blankenheim, S. 79–82. Ihre Probation datiert vom 7. Oktober 1556. Seemann, Aebtissinnen, S. 19; Eger, Herrscherinnen, S. 145.
  10. Zur Zerstörung des Schlosses vgl. den kurzen Bericht im PfA St. Dionysius, Essen-Borbeck, Fach 107/53 (Geschichte der Dionysiuspfarre 1360–1963), Kleine Chronik (Fotokopie), S. 1; zum Wiederaufbau und zur Residenz Seemann, Aebtissinnen, S. 19.
  11. Kleine Chronik (wie Anm. 10), S. 1.
  12. Müller, Memorienkalender, S. 167.
  13. Weder bei Doehmann, Bunickmann, passim, noch im Kat. Münster 2005 (Landesmuseum) wird ein Bildhauer dieses Namens genannt; das Testament der Äbtissin von 1596 geht nicht auf die Grablege oder ein Epitaph ein, vgl. HStAD, Stift Essen, Akten, Nr. 57.

Nachweise

  1. Seemann, Aebtissinnen, S. 20 (C, D).
  2. HAStK, Best. 1039 (Farragines Gelenii) 8, fol. 488rv (A, D).
  3. KDM Essen, S. 62 (C, D).
  4. Pesch, Blätter, S. 17 (A, mit Übersetzung, D).
  5. Kahn, Geschichte, S. 58f. (D, mit Übersetzung von A).
  6. Koerner, Elisabeth von Manderscheid-Blankenheim, S. 87 (C, D).

Zitierhinweis:
DI 81, Stadt Essen, Nr. 135 (Sonja Hermann), in: www.inschriften.net, https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0238-di081d007k0013508.