Inschriftenkatalog: Stadt Essen

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 81: Stadt Essen (2011)

Nr. 127 Ruhr Museum 1571–1612

Beschreibung

Königskette der Essener Schützengilde.1) Messing, versilbert, gegossen, getrieben, graviert. An einer schweren Gliederkette ist ein achtseitiger Tartschenschild befestigt, auf dessen Vorderseite sich eine gegossene Figur des von Pfeilen durchbohrten heiligen Sebastian befindet. Die Rückseite ist mit gravierten Hausmarken bedeckt, die meist von Initialen und Jahreszahlen begleitet werden (I., Wiedergabe in Reihen von oben links nach unten rechts).2) Am Schild hängt ein Schützenvogel, dessen Rückseite ebenfalls mit Hausmarken, Initialen und Jahreszahlen graviert ist, außerdem ist eine Gewichtsangabe (II. C) vermerkt (II., Wiedergabe von links nach rechts). An diesem sog. Papagei sind elf Schilde befestigt, auf deren Vorderseite Hausmarken, meist mit Initialen, graviert sind. Auf den Rückseiten der Schilde befinden sich die zugehörigen Namen mit Jahreszahlen (III.). Die überzähligen Metallglieder weisen darauf hin, dass ursprünglich mehr Schilde vorhanden waren.3)

Maße: H. 7,6–8,6 cm; B. 4,5–5,9 cm; Bu. 0,2–0,6 cm (Sebastiansschild); H. 8,7 cm; B. 12,3 cm; Bu. 0,1–0,8 cm (Schützenvogel); H. 2,6–3,8 cm; B. 2–3 cm; Bu. 0,1–0,4 cm (Schilde).

Schriftart(en): Kapitalis.

AWK NRW, Arbeitsstelle Inschriften [1/2]

I. Schild

  1. A

    · I · // · K / 1 ·5 ·9 ·74)

  2. B

    5 // 8 6 // 15)

  3. C

    15 R V H 816)

  4. D

    GA7)

  5. E

    15868)

  6. F

    I B // G ST9)

  7. G

    H · V · D · G · / 159010)

  8. H

    M // H11)

  9. I

    G S / 8 // 312)

  10. J

    F A / 15 // 7813)

  11. K

    L // B14)

  12. L

    L // B14) 86

  13. M

    D(IERICH) 1575 M(ITTWEG)15)

  14. N

    C // A / 159616)

  15. O

    Ea)// S 17)

  16. P

    15 // 71b)

II. Schützenvogel

  1. A

    H Dc) // 9118)

  2. B

    I // [K]d) / 159019)

  3. C

    III: LOT

  4. D

    ASL20) 9//2

  5. E

    R // B / 159821)

  6. F

    I // K / 9422)

  7. G

    H T Ne)

  8. H

    H // Nf) / ·1 ·5 ·9 ·[.]23)

  9. I

    CA / 160024)

III. Schilde

  1. A1

    I(AN) K(VT)25)

  2. A2

    I(AN) · KVT / · ANNO 1662g)

  3. B1

    I(OHAN) // B(ARTSCHERER)26)

  4. B2

    IOHAN / BART/SCHER/ER · A(NN)O · / 1612h)

  5. C

    FILIPVS VA(N) / SEVENER / AN(NO) 160127)

  6. D

    WENBER · / GROTTE / ANNO 160528)

  7. E1

    FREDRICH · PAVS / SCVTZ // KONNI/CH / ANNO / 160429)

  8. E2

    VNND / SCVTZEN/MESTER

  9. F1

    I(OHAN) // W(ITKEN)30)

  10. F2

    IOHAN / WITK/EN · A(NN)Oi) · 1611 ·

  11. G

    HARMAN / AN · DER / HEIDEN · 1610313)

  12. H1

    I(OHAN) K(ELLENBERCH)32)

  13. H2

    IOHAN KELLEN/BERCH / ANNO / 1607

  14. I1

    I(ACOP) H(ECKING)33)

  15. I2

    IACOP / HECKING / AN(N)Oj) 1608

  16. J1

    W(IRICH) W(ATERFORT)34)

  17. J2

    WIRICH WATER/FORT /ANNO 1606 /E. M

  18. K1

    W(IRICH) W(ATERFORT)

  19. K2

    WIRICH WA/TERFORk) / ANNO 1609

 
Wappen:
unbekannt,35) Bartscherer,36) Sevenar,37) Waterfort.38)

Kommentar

Die Essener Schützen wurden 1390 erstmals erwähnt, als sie aus Anlass einer Fehde des Stiftsvogts Graf Engelbert III. von der Mark als städtisches Aufgebot gegen den Bischof von Münster, Heidenreich Wolf von Lüdinghausen, zogen.39) Sie waren als religiöse Bruderschaft (Sebastiansgilde) fest im gesellschaftlichen Leben der Stadt verankert. Dennoch schwand anscheinend die Bedeutung der Essener Schützen, so dass die Bruderschaft 1570 durch die Bürgermeister und den Stadtrat auf Drängen einiger Bürger wiederbegründet wurde.40) Aus diesem Anlass wurde die Schützenkette vermutlich hergestellt. Anschließend wurde alljährlich an Pfingsten das Schützenfest, das sog. Vogelschießen, auf dem Schederhof abgehalten. Dabei wurde auf einen hölzernen, auf einer Stange angebrachten ‚Papagei’ geschossen und der Schützenkönig ermittelt. Dieser wurde mit seiner Hausmarke und/oder seinen Initialen auf dem Schild, dem Schützenvogel oder ab 1601 auf einem angehängten Schild verewigt. Die Jahreszahlen, die teilweise als Minderzahl (d. h. ohne Angabe des Jahrhunderts) angegeben sind, zeigen, dass die Kette seit Beginn der 1570er Jahre bis mindestens 1612, vermutlich aber bis 1614 in Gebrauch war. In diesem Jahr wurde für längere Zeit das letzte Schützenfest gefeiert, denn bis 1660 fand es wegen der andauernden kriegerischen Auseinandersetzungen, die die Stadt in Mitleidenschaft zogen, nicht mehr statt.41) Robert Jahn hat bereits bemerkt, dass die Jahreszahl 1662 in Inschrift A2 nicht stimmen kann, da es beim Schützenfest 1661 zu einem tödlichen Unfall kam und das Fest in den folgenden Jahren nicht mehr stattfand.42) Er schlägt stattdessen die Lesung 1602 vor.43)

Die Initialen auf dem großen Schild und dem Schützenvogel lassen sich mit einer Ausnahme bislang nicht auflösen. Der Vergleich mit den Schützenrollen von 1570 und 1606 zeigt zwar Übereinstimmungen mit den Anfangsbuchstaben der aufgelisteten Namen, eine Identifizierung wäre aber spekulativ.44) Einzig Dierich Mittweg kann anhand der Hausmarke sicher zugeordnet werden.45) Die Namen auf den kleinen Schilden finden sich teilweise in der Schützenrolle von 1606 wieder (Jan Kut in der Schreibweise Kuith, Johann Bartscherer, Johann Kellenberch und Jacob Hecking).46) Dort fehlt der Name von Wirich Waterfort, dem Schützenkönig dieses Jahres, möglicherweise wurde die Liste also vor dem Schützenfest angelegt. Jahn teilt weitere biographische Details über die genannten Personen mit:47) Der aus Aldekerk stammende Jan Kut ist von ihm bis 1607 nachgewiesen.48) Philipp von Sevenar ist von 1600 bis 1612 bezeugt und wurde nach Auseinandersetzungen innerhalb des Rates 1600 zum Bürgermeister gewählt. Wegen seiner Zugehörigkeit zur reformierten Konfession wurde er allerdings 1604 aus seinem Amt gedrängt.49) Über Friedrich Paus berichtet Jahn, er sei als Bäcker in der Limbecker Straße ansässig gewesen und von 1604 bis 1633 belegt. Hermann an der Heiden, von Jahn von 1552 bis 1613 nachgewiesen,50) war als stiftischer Gerichtsfrone tätig und tritt in diesem Zusammenhang in einigen Urkunden als Zeuge auf.51)

Die Gewichtsangabe in Inschrift II C bezog sich wohl auf den Silberanteil der Legierung. Ein Lot entsprach im Alten Reich etwa zwischen 14 bis 17 Gramm.52)

Textkritischer Apparat

  1. Vielleicht I statt E.
  2. 1575 Jahn. Ob nur die teilweise zerstörte Marke zwischen den Zahlen oder auch die darüber dünn eingeritzte Marke Nr. 18 zu der Jahreszahl gehört, ist nicht zu entscheiden. Links daneben befindet sich Marke Nr. 19.
  3. Als Tremolierstriche.
  4. Zerstört durch nachträgliche Bohrung.
  5. Retrogrades N. Alle drei Buchstaben sind als Tremolierstriche ausgeführt; dies weist auf die Zusammengehörigkeit hin.
  6. Mit Monogramm als Marke.
  7. Sic! Für 1602. Sternchen als Worttrenner.
  8. Sternchen als Worttrenner.
  9. Kürzung durch hochgestellten Endbuchstaben und Kürzungsstrich.
  10. Ohne Kürzungszeichen.
  11. Sic!

Anmerkungen

  1. Kulturhistorische Sammlungen / Mittelalter und Frühe Neuzeit; Inv.-Nr. KZin 140.
  2. In der Mitte oben sind die Buchstaben AKJ eingeritzt. Die Schrift lässt auf eine Anbringung im 18.–19. Jh. schließen, vielleicht gehört auch die Zahl 18 weiter rechts dazu. Die Marke Nr. 3 ist unterhalb der Buchstaben nur schwach eingeritzt. Unten rechts ist die Marke Nr. 4 graviert.
  3. Einige der Inschriften dieser verlorenen Schilde, allesamt aus dem 19. Jh., werden von Baumann, Schützen, S. 23f., wiedergegeben.
  4. Mit Marke Nr. 2.
  5. Zweimal mit Marke Nr. 7 zwischen der ersten und zweiten und zwischen der dritten und vierten Ziffer. Die Zahlen stehen vermutlich für die Jahreszahl 1586. Zwar wäre es nicht ausgeschlossen, die Zahlen als ‚1568’ zu lesen, die Neugründung der Schützenbruderschaft 1570 spricht aber für die Lesung ‚1586’.
  6. Mit Marke Nr. 8 im Schild.
  7. Die Buchstaben bilden die Marke, vgl. Marke Nr. 9.
  8. Mit Wappen: unbekannt. Vgl. Anm. 35.
  9. Mit Marke Nr. 10.
  10. Mit Marke Nr. 11. Die Schriftrichtung ist um 90° nach rechts gedreht, die Marke vermutlich nicht.
  11. Mit Marke Nr. 12.
  12. Mit Marke Nr. 13.
  13. Mit Marke Nr. 14. Sie ist aus den Buchstaben AH gebildet.
  14. Mit Marke Nr. 15.
  15. Mit Marke Nr. 20.
  16. Mit teilweise verdeckter Marke ähnlich Marke Nr. 16.
  17. Mit Marke Nr. 17.
  18. Mit Marke Nr. 21.
  19. Mit Marke Nr. 2.
  20. Die Buchstaben sind Bestandteil der Marke Nr. 24.
  21. Mit Marke Nr. 25.
  22. Mit Marke Nr. 23.
  23. Mit Marke Nr. 26.
  24. Mit Marke Nr. 16.
  25. Mit Marke Nr. 27.
  26. Mit Wappen: Bartscherer. Vgl. Anm. 36.
  27. Mit Wappen auf der Vorderseite: Sevenar. Vgl. Anm. 37.
  28. Mit Marke Nr. 28 auf der Vorderseite.
  29. Mit Marke Nr. 29.
  30. Mit Marke Nr. 30.
  31. Mit Marke Nr. 31.
  32. Mit Marke Nr. 32.
  33. Mit Marke Nr. 33.
  34. Mit Wappen auf der Vorderseite: Waterfort. Vgl. Anm. 38.
  35. Kantenwürfelbalken.
  36. Offene Schere, gekreuzt mit einem senkrecht gestellten Spatel.
  37. Adler (?); Helmzier: Flug über Helmkrone.
  38. Gespalten, vorn ein schwebender waagschnittiger Schragen, hinten eine Adlerklaue.
  39. Jahn, Schützenwesen, S. 27f.; Kat. Essen 2004, S. 140, Nr. 51 (J. Gerchow); zur Fehde vgl. Kohl, GS Münster 7,3, S. 456f.
  40. StadtA Essen, Rep. 100, Nr. 2553, fol. 1r; Jahn, Schützenwesen, S. 40.
  41. Kaufmanns Annotationsbuch, S. 155; Kaufmanns Chronik, S. 333.
  42. Vgl. Kaufmanns Annotationsbuch, S. 188; Kaufmanns Chronik, S. 334.
  43. StadtA Essen, Best. 627 (Nachlass Jahn), Nr. 31, S. 4, anders noch in ders., Schützenwesen, S. 41.
  44. Für die Initialen IK finden sich beispielsweise die Namen Jacob Kramer und Johann Kordes, StadtA Essen, Rep. 100, Nr. 2553, fol. 1v.
  45. StadtA Essen, Rep. 100, Nr. 2553, fol. 1v. Vgl. Marke Nr. 21. Bei dem gleichnamigen Ratsmitglied (1585–1595) kann es sich nur um einen Verwandten handeln, vgl. StadtA Essen, Rep. 100, Nr. 184, fol. 41r–42r. Zur Familie Mittweg vgl. Nr. 157, 166.
  46. StadtA Essen, Rep. 100, Nr. 2553, fol. 4v, 5v, 6r, 3v.
  47. StadtA Essen, Best. 627 (Nachlass Jahn), Nr. 31, S. 4.
  48. Jahn vermerkt auch Kuts Aufnahme in die Kaufleutegilde für 1571, allerdings findet sich der Name Johan Kut bei Burghard, Bücher, S. 100, nur im Jahr 1509.
  49. StadtA Essen, Rep. 100, Nr. 184, fol. 42v; Kaufmanns Chronik, S. 283, 311; Ribbeck, Gymnasium 2, S. 47ff.; Geuer, Stadtrat, S. 77–80.
  50. Ein Hermann von der Heiden wird 1549 in die Kaufleutegilde aufgenommen, vgl. Burghard, Bücher, S. 132. Ob es sich dabei um den späteren Schützenkönig handelt, ist allerdings nicht sicher.
  51. Schaefer/Arens, Urkunden, Nr. 418 (1588 März 14); Nr. 429 (1607 Februar 24); HStAD, Stift Essen, Akten, Nr. 2122 (1605 April 27).
  52. Vgl. Verdenhalven, Meß- und Währungssysteme, passim.

Nachweise

  1. Baumann, Schützen, S. 24 (I. G, K, O; II. C, E, I [jeweils nur die Jahreszahl], III. A2, B2, C, D, E1, F2, G, H2, I2, K2).
  2. StadtA Essen, Best. 627 (Nachlass Jahn), Nr. 31, S. 3 (III. A1–K2).

Zitierhinweis:
DI 81, Stadt Essen, Nr. 127 (Sonja Hermann), in: www.inschriften.net, https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0238-di081d007k0012706.