Inschriftenkatalog: Stadt Essen

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 81: Stadt Essen (2011)

Nr. 119 Kettwig, Ev. Kirche am Markt 1562

Hinweis: Die vorliegende Online-Katalognummer ist im Vergleich zum gedruckten Band mit Ergänzungen und Korrekturen versehen. Sie finden diese am Ende des Artikels. [Dorthin springen]

Beschreibung

Glocke des Gießers Wilhelm Hachman. Bronze. Die Uhrglocke hängt außen an der nördlichen Seite des Turmdachs. An der Schulter befindet sich ein stehender Lilienfries mit Perlband und Steg. Darunter verlaufen einzeilig zwischen zwei Stegen und zwei leeren Bändern der Auftraggebervermerk (Amtsträgernennung) (A) und die Glockenrede (Meisterinschrift) (B). Der darunter anschließende Renaissancefries setzt sich abwechselnd aus Voluten im Knorpelstil sowie kleinen Fantasiegestalten (Engel?) zusammen,1) darunter befindet sich ein Steg. Der Wolm ist mit fünf Stegen, der Schlagring mit drei Stegen ausgestattet. An der Flanke ist ein rundes Medaillon mit einer Darstellung der Muttergottes mit dem Jesuskind zu sehen. Das Medaillon war möglicherweise auch mit einer Inschrift in gotischer Minuskel ausgestattet, die aber kaum zu erkennen bzw. zu entziffern ist.

Ergänzt nach Brüggemann.2)

Schriftart(en): Gotische Minuskel.3)

AWK NRW, Arbeitsstelle Inschriften [1/3]

  1. A

    hermanus cremer pastor johan choster rutger in gusenhuis kerrichmeisters

  2. B

    int · iaer · ons · heren · m · vc ·lxii · goet · willem hachmann mya)

Kommentar

Das Mittelband der sehr qualitätvollen Inschrift ist durch eine dünne Linierung begrenzt. c hat ein am umgebrochenen oberen Bogenende angesetztes Zierhäkchen. Der oben nach links und unten nach rechts umgebogene Balken des e reicht oben über den gebrochenen Bogen hinaus. Bei r ist die Fahne als Quadrangel mit unten angesetztem Zierstrich, der nach rechts umgebogen ist, ausgeführt. s ist mit einem langen, schrägen, oben und unten umgebogenen Zierstrich, der das obere und das untere Bogenende verbindet, versehen. Bei v ist der linke Schaft mit Oberlänge ausgestattet, bei w der linke und der mittlere Schaft. Der Rechtsschrägschaft von x ist im unteren Abschnitt auf einen Haarstrich reduziert, der Buchstabe ist mit kurzem Mittelbalken versehen. Die Oberlängen sind gespalten. Die unterschiedlichen, detailreich ausgeführten Worttrenner (Henne, Hahn, zwei verschiedene Rosetten und ein Gesicht sind sichtbar) sind auch von anderen Glocken Wilhelm Hachmans bekannt.4) Das Herstellungsjahr der Glocke wird mit 1565 oder 1562 angegeben.5) Die Buchstaben der römischen Einerziffer sind aber wegen der senkrechten, oben und unten umgebrochenen Schäfte als ii zu erkennen, die im Gegensatz zur Hunderterziffer v am ersten Schaft keine Oberlänge haben und am zweiten Schaft nicht nach links umgebrochen sind. Das Gussjahr 1562 ist daher unzweifelhaft.

Hermann Kremer war von 1552 bis 1601 Pastor der Kettwiger Kirche.6) Während seiner Amtszeit wurde in Kettwig die Reformation im Sinne der reformierten Lehre eingeführt. Dies war möglich, weil der Kirchherr, Herzog Wilhelm IV. von Jülich-Kleve-Berg, der Reformation wohlwollend gegenüberstand. Nach seinem Tod 1598 änderten sich die konfessionellen Verhältnisse im Herzogtum zugunsten der katholischen Seite. Hermann Kremer musste Kettwig verlassen und wurde durch den Werdener Konventualen Johann Grimmolt ersetzt. Der in der Inschrift genannte Johann Choster ist als Zeuge in einer Urkunde vom 6. September 1564 (?) genannt,7) er ist wohl mit Joan Koster identisch, der in den Steuerhebelisten für Kettwig von 1512/13 und 1528 als Besitzer einer Kate aufgeführt ist.8) Rutger in Gusenhuis war als Kirchmeister für die Verwaltung des Kirchenvermögens und -inventars zuständig.9) Zwar sind in den Steuerhebelisten auch Einwohner mit dem Vornamen Rutger aufgeführt, allerdings konnte keiner von ihnen der Angabe gusenhuis zugeordnet werden. Von dem aus Kleve stammenden Gießer Wilhelm Hachman hat sich im Essener Stadtgebiet noch eine Glocke in St. Ludgerus in Werden erhalten,10) eine weitere aus Werden stammende Glocke hängt heute in Rönsahl.11) Außerdem sind die Inschriften zweier von ihm für das Essener Stift gegossener Glocken kopial überliefert.12) Das Formular des Datums findet sich auf den meisten der Glocken und Mörser von Wilhelm und seinem Vater Albert Hachman.13)

Textkritischer Apparat

  1. Brüggemann schreibt m. p., wobei es sich nur um eine Verlesung von my, niederdeutsch für ‚mich’, handeln kann.

Anmerkungen

  1. Vgl. den gleichen Zierfries bei Nr. 130.
  2. Nur ein Teil der Inschrift (iaer ons heren m vc lxii goet will) ist vom Turm aus sichtbar.
  3. Die Glocke ist schlecht zugänglich, deshalb konnten keine Maße ermittelt werden.
  4. Dorgelo, Glockengießer, S. 159.
  5. Brüggemann, Geschichte, S. 123; Feldens, Glocken, S. 117.
  6. Zu ihm vgl. Brüggemann, Geschichte, S. 17f.; ders., Reformation, S. 39–42.
  7. Ev. Pfarramt Kettwig, Archiv, Urkunden, Nr. 38.
  8. Körholz, Bevölkerung, S. 43, 48.
  9. Art. Kirchenmeister, in: DRW 7, Sp. 884f.
  10. Nr. 128.
  11. Nr. 130.
  12. Nr. 116, 117; hier auch weitere biographische Angaben.
  13. Vgl. Dorgelo, Glockengießer, S. 159ff., 164ff.

Nachweise

  1. Brüggemann, Geschichte, S. 123f.
  2. Feldens, Glocken, S. 117.
Addenda & Corrigenda (Stand: 14. März 2017):

Übersetzung: "Im Jahre unseres Herren 1562 hat Wilhelm Hachmann mich gegossen". Hinweis bei Heinrich Tiefenbach, Rez. DI 81, in: Beiträge zur Namenforschung 47 (2012), S. 474.

Zitierhinweis:
DI 81, Stadt Essen, Nr. 119 (Sonja Hermann), in: www.inschriften.net, https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0238-di081d007k0011901.