Inschriftenkatalog: Enzkreis

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 22: Inschriften Enzkreis (1983)

Nr. 78 Maulbronn, Speisesaal des Internats 1450

Beschreibung

Stiftungstafel (Fundationstafel) in Form eines Flügelaltars. Auf den Klappflügeln außen Darstellungen aus der Gründungsgeschichte des Klosters, innen links Muttergottesdarstellung mit dem heiligen Bernhard, Spruchband mit Inschrift (A). Innen rechts die Maulbronner Stifter Bischof Günther von Speyer und Walter von Lomersheim mit Kirchenmodell, über ihnen Spruchband mit Inschrift (B), unten Wappen mit Helmzier. Auf der Haupttafel in zwei Spalten zu jeweils 24 Zeilen kurzer Abriß der Maulbronner Gründungsgeschichte. Holz, schwarzer Grund, Buchstaben gold. Nachweislich stark renoviert, zuerst 1575, dann 1616 (Renovationsvermerk). Ursprünglicher Standort vermutlich im Laienrefektorium, später in der Herrenstube (Konventsstube)1.

Maße: H. 83, B. 146, Bu. 2,5 (A, B), 1,5 (C) cm.

Schriftart(en): Inschriften-Fraktur, Kapitalis (A).

  1. A

    S. BERNARIVSO muter gots enphahe das opfer.

  2. B

    Laß dir diß opffer gnediglichen beuolen sein.

  3. C

    Wir Günther von Gottes gnaden Bischoff Züe Speyr thün khundt/allen Menschen die gegenwertig oder Zukünfftig seyen, das der Ersam/Ritter, vnd geborner freyherr, Alltz Stammes baid vatter vnd muotter,/Herr Walther von Lammersham, Züchtig in Sitten, sehr streng in waffen/bewegt wardt von Göttlichem einsprechen, zue den gezitten alß man/Zahlt 1138. Jar von Christi geburt, Sich und all sein gut, Gott in seinem/Dienst zu opffern, jn ein Gaistlich leben, vmb Seiner seelen ewiges hail/vnd allen Nachkom(m)enden Jn ein beyZaichen, darumb sein andechtige mainung/Zue vollbringen, batt er vleissiglich wainende vnd vlehende den Ersame(n) Gaist=/lichen Vatter, vnd Appt, Herrn Vlrichen des Closters Newenbürg, vmb ein/Conuent, vnd erwarb mitt seim strengen gebett, von jme ein Erbarn/Münch, Herr Dieterich genandt Zu einem fürweser seines Gotts hauß/mitt 12 Mönchen, vndt Etlichen Laybrüdern, Zue bawen ain Apptey, vff seiner/aigen Marckh Eckenweiler, des dorffs bey Lammerschem gelegen, daß Er dar/Zue gaab, mitt allen seinen Zugeherden, vnd Ergab sich mitt gelibten ewigeKeus[ch]=/hait in die gemainschafft der Gaistlichen Brueder, vnd nam an sich den Hay/ligen orden, vnd ward ein LayBruder jres ordens Bey jn, vnd da fiengen/sie an zu Bawen ein Closter. Aber kurtzlich darnach ehe sie etlicha) Jar da wohn=/ten, worden sie mercken, das derselben statt gelegenhait jnen waß sehr vnbe=/quem, vmb gebresten Mancherlei Clösterlicher Zugehörden vnd Notturffe,/Hierumb so kame der obgenatt freyherr Walther von Lamerschem, mitt/Herr Dietrich dem vorgenanten Apt, zu vnß in Rhats weise, kamen vnd/Baten vnß, das wir vmb Gottes Ehre wölten Ir Conuent besehen, also gewerten Wir/Sie Jres fleissigen gebets, vnd gesahen Iren gaistlichen Samlung: vnd funden//b)wir die Statt gantz ungeschickt vnd vneben Clösterlicher gelegenhait/Darumb so geben wir inen umb ires gebets wegen gar ein geschickt vnd ab=/gescheiden Statt, uff vnserm grund vnd boden, Maulbrun(n)en genandt, da/Zu bawen vnd Stifften Jr Closter, die Statt waß gantz wildt, wiest, vngebawet/vnd sehr sorglich von wegen der Mörder, die da Raubten vnd Mordten fiet=/tiglich, denen doch die Brüder getraweten wohl mitt Gottes Hülff Zu/widersteh(en). Vnd als man Zalt von Christi geburtt 1148.c) Jar vollendend) sie/an Maulbrun Zu bawen, Vnd zu den Zeitten deß durchleuchtigsten Ehr=/würdigen Kaysers Herr Friderichs, ward diß Münster geweicht, von dem/Ehrwürdigen Herrn Arnolde Ertzbischoff Zu Trier, in die Ehr Christi vnd/Seiner würdigen gebererin Maria, vnd Sant Niclaß des Heiligen/Bischoffs. Die Kürhweyhung geschah an dem 14 tag Mayen, vnder/Dem Ersamen vatter vnd Herrn, Herrn Dieterich Ersten Abte diser Statt./Anno 1178. Auch ist Zu wissen das der Ersam Ritter Herr Walther,/obgenant Convers dises Closters, der dise Samlung zu erst stifften vnd/Bauwen waß, Mitt Hülf vnd Stewr deß Ehrwirdigen Herrn/Herrn Günthers Bischofs zu Speyr vnd Grafen zu Leiningen/ligt begraben in der Layenbrüder Chor: vnd sein Mitstiffter Herr/Gunther obgenannt ligt begraben in der prüster Chor, vor dem frohnaltar/Der Seelen vnd allen die Jr Stewr hand gethon zu disem Gottshauß vnd/alle gleubigen Seelen Ruhen im frid. Amen. Gemacht vnd geschriben/ist dise Tafel, in dem seligen guldin Jar von Christi geburtt 1450. vnder dem/Ehrwürdige(n) Herrn Bechthold Abt diß Closters, Jn dem 6. Jar der Abtei,e) Zu einer/Ewiger gedechtnis der Ersten Stiffter./ Renouata 1616./

Wappen:
Leiningen, Lomersheim. (B)

Kommentar

Die Stiftungstafel ist duch die Renovierungen von 15752 und 1616 stark verändert worden. Der Schriftcharakter der Fraktur geht ebenso auf eine dieser Renovierungen zurück wie vermutlich die Beischrift in Kapitalis (A). Dabei bleibt offen, ob nicht vor der Renovation von 1575 schon einmal eine Auffrischung von Schrift und Malerei vorgenommen wurde3. Die nachweislichen Texteingriffe gehen auf widersprüchliche Überlieferungen der Gründungsgeschichte von Maulbronn zurück; der Verfasser des ursprünglichen Textes schöpfte aus Quellen, deren Angaben nicht miteinander in Einklang standen. Einer der späteren Renovatoren war darum bemüht, die Widersprüche zu beseitigen4. Abweichende Lesungen der Stiftungstafel bei Crusius und Besold5 beruhen wahrscheinlich auf einer vor 1575 im Kloster selbst angefertigten Abschrift des Textes6.

Als Standort der Tafel ist in allen Quellen die Herrenstube (Konventsstube) bezeugt. Für die vorreformatorische Zeit, d. h. die ursprüngliche Bestimmung ist es höchst unwahrscheinlich, daß eine deutschsprachige Gründungsinschrift für lateinkundige Mönche angefertigt wurde. Auch die Bilder der Außenflügel lassen eher die Vermutung zu, daß die Stiftungstafel für die Laienmönche gedacht war: die Aufstellung im Laienrefektorium dürfte viel Wahrscheinlichkeit für sich haben. In geschlossenem Zustand (an Werktagen?) war die Tafel ein Hinweis auf das „opus manuum“ der Ordensregel, bei geöffneten Flügeln (an Feiertagen?) kam der Gedanke des „opus Dei“ durch die Andachtsbilder zu Wort, die gewissermaßen eine „lectio Divina“ (für Laienmönche und daher in der Volkssprache) einrahmten7.

Die Formulierung über die Begräbnisstätten der Stifter zeigt sprachlich enge Verwandtschaft mit den verlorenen Gedenkplatten für die beiden Stifter im Paradies8.

Textkritischer Apparat

  1. etlich korrigiert aus ein.
  2. Ab hier Text auf dem rechten Teil der Tafel.
  3. Die Zahl ‚4‘ ist geschnitzt, nicht gemalt, spätere Korrektur.
  4. vollenden offensichtlich korrigiert, zumal der Satzanschluß unstimmig ist. Das an der nächsten Zeile jetzt überflüssig.
  5. Abtei meint hier die Regierungszeit des Abtes Berthold (1445–1462).

Anmerkungen

  1. Die Überlieferungen des Standorts stammen alle aus nachreformatorischer Zeit, sind also für den ursprünglichen Standort ohne Aussagekraft.
  2. Der Renovationsvermerk des Jahres 1575 ist nur handschriftlich überliefert bei Crusius, Annales Suevici II 402: „Auff ein newes ernewert ward den 7. Tag Maij, als man zalt 1575. Jar“ – Ähnlich Jakob Frischlin in einer Handschrift der Württembergischen Landesbibliothek Cod. hist. 2° 432 fol. 6v: „Darnach wider ernewret denn 7. May anno 1575, alls hertzog Ludwig in Würtemberg sein erste hochzeit hiellte“. – Für weitere Überlieferungen des Textes s. auch Gohl, in: Katalog Maulbronn (1978) 29f. und Anm. 31–36.
  3. Der Wortlaut des Renovationsvermerkes bei Crusius und Frischlin läßt zumindestens diese Möglichkeit zu; vgl. auch K. Müller, Gründungsurkunde 44.
  4. Auf diese Bemühungen sind die Eingriffe am Text der Tafel zurückzuführen.
  5. Crusius, Annales Suevici II 401 hat in Spalte a bei der ersten Jahreszahl ‚tausent ein hundert, sieben und viertzig‘; Besold, Documenta rediviva 788 überliefert die erste Jahreszahl als ‚1137‘, die zweite als ‚1138‘; bei ihm auch die Lesart ‚ein‘ statt ‚etlich‘ (heute noch erkennbare Korrektur) und ‚fiengen sie‘ statt, ‚vollenden‘ (Korrektur erkennbar, nicht jedoch frühere Textgestalt).
  6. Vgl. dazu Müller a. a. O. 44. – Möglich ist aber auch, daß Crusius und Besold die ihnen unstimmig erscheinenden Jahreszahlen nach eigenen Vorstellungen revidierten.
  7. Dazu Neumüllers-Klauser, Maulbronner Stifterdenkmäler 41ff.
  8. Vgl. die nrr. 80, 81.

Nachweise

  1. Crusius, Annales Suevici II 401ff.
  2. Besold, Documenta rediviva 788.
  3. Jenisch 116f.
  4. Jenisch II p. 229f.
  5. Wickenburg II 288.
  6. Klunzinger, ArtBeschr. 7.

Zitierhinweis:
DI 22, Inschriften Enzkreis, Nr. 78 (Renate Neumüllers-Klauser), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-d022h008k0007801.