Die Inschriften des Enzkreises

4. Die Quellen der nicht-originalen Überlieferung

Wie bei allen bisher bearbeiteten Bereichen mit vergleichbarer historischer Struktur kann man auch bei dem hier vorgelegten Band nicht auf eine systematische handschriftliche oder gedruckte Quelle mit Inschriftenüberlieferungen zurückgreifen. Ländliche Gebiete ohne nennenswerte kulturelle Schwerpunkte bieten wenig Anreiz für derartige Sammlungen51). Kirchenbücher aus älterer Zeit sind nicht überliefert. Eine Ausnahme bilden auch hier wieder die Schwerpunkte Maulbronn und Tiefenbronn. Hier bewirkten die Pflege historischer Tradition und genealogischer Interessen die Anlage chronikalischer Aufzeichnungen mit wörtlicher Übernahme von inschriftlichen Quellen und spezieller Sammelbände mit Zeichnungen.

a) Monumenta Maulbronnensia. Geschichtliches nebst Abtsliste, Grabmälern und Inschriften. Cod. hist. 2° 311 Württembergische Landesbibliothek Stuttgart. Die Papierhandschrift mit 141 gez. Blättern übernimmt die geschichtlichen Nachrichten aus der Chronik des Caspar Bruschius nach einem Druck von 158252). Die Abtslisten und die Abschriften und Zeichnungen der Inschriftträger wurden von Eberhard Friedrich Jenisch, einem Alumnen der Klosterschule zusammengetragen; Jenisch wurde 1752 als Sohn des Pfarrers von Kayh geboren und trat 1768 von Denkendorf nach Maulbronn über. Die Handschrift entstand 1769.

b) Monumenta monasterii Mulifontani. Ältere Epitaphia welche sich in der Closters-Kirch, dem Paradieß, dem Kreutzgang, dem Flagellatorio und inneren Kirchhof, wie auch im Prelatur-Garten befinden und meistentheils auf dem Boden liegen. Nebst allen denen darauf gehauenen Figuren und Wappen. Cod. hist. 4° 56 Württembergische Landesbibliothek Stuttgart. Die Papierhandschrift mit 252 gez. Seiten ist speziell den Inschriften gewidmet. Sie verzeichnet zunächst die Stifterdenkmäler, danach die Grabsteine der Äbte und Wohltäter und bringt auch alle Grabsteine, auf denen nur die Wappen noch kenntlich waren. Am Schluß auf p. 197 überliefert sie ‚Neuere Epitaphia’ (bis 1753), die Beischriften zu den Wandgemälden in der Klosterkirche, die Inschrift der Stiftertafel, Bau- und Glockeninschriften.

c) Monumenta monasterii Mulifontani. Unter dem gleichen Titel wie die vorhergehende Handschrift ist ein zweiter Sammelband mit 129 Blättern in der Ephoratsregistratur in Maulbronn erhalten (ohne Signatur). Er entspricht in der Anlage dem vorhergehenden, hält die gleiche Reihenfolge ein und ist das Konzept-Exemplar für die jetzt in Stuttgart befindliche Handschrift. Beide Handschriften stammen ebenfalls aus der Feder von Jenisch; das Konzept-Exemplar entstand 1769, die Reinschrift wurde bis 1774 fortgeführt bzw. nachgetragen (Zitiert: Jenisch, Jenisch II)53).

d) Epitaphia im Closter Maulbronn. Cod. hist. 4° 217 Württembergische Landesbibliothek Stuttgart. 18 gez. Blätter. Auf dem vorletzten Blatt nennt sich als Verfasser C. F. Jaeger, der die Handschrift 1767 zusammenstellte. [Druckseite XXII]

f) ‚Usus ordinis fratrum Cisterciensium in Bebenhusen’ Cod. Guelf. 76.8 Aug. der Herzog-August-Bibliothek Wolfenbüttel. In einem Anhang dieser Handschrift, der zwischen 1595 und 1608 zu datieren ist, sind die Inschriften der Grabsteine, der Wandgemälde-Beischriften und der Stiftungstafel überliefert54). Ob es sich um eine in Maulbronn entstandene Abschrift handelt, die dem Codex aus Bebenhausen angebunden wurde, läßt sich nicht klären. Die Handschrift überliefert singulär eine verlorene Inschrift (nr. 43) und hat an einigen Stellen abweichende Lesarten.

g) Der ‚Thesaurus Palatinus’ des Johann Franz Capellini, Reichsfreiherr von Wickenburg gen. Stechinelli, zwischen 1744 und 1751 entstanden und heute im Bestand des Geheimen Hausarchivs im Hauptstaatsarchiv München verwahrt, verzeichnet im zweiten Band einige Abschriften von Maulbronner Grabsteinen, die aber weitgehend den Abschriften in Cod. hist. 2° 311 entsprechen; danach ist anzunehmen, daß Jenisch für seine Sammelhandschrift eine in Maulbronn vorhandene Aufzeichnung benutzt hat, aus der auch Wickenburg seine Texte übernahm, während Jenisch das spezielle Denkmälerbuch weitgehend neu erarbeitete55).

Weniger gewichtig ist die nicht-originale Überlieferung für die Gemmingensche Herrschaft im Hagen-schieß. Sie verdankt ihr Entstehen den genealogisch-historiographischen Interessen ihrer Angehörigen. Hier ist vor allem die Arbeit des Reinhard von Gemmingen (1576–1635) zu nennen, die unter dem Titel ‚Gemmingischer Stammbaum, das ist: Neun Bücher von dem uralten Adelichen ... Geschlecht derer von Gemmingen’ 1630 oder 1631 abgeschlossen wurde56). Das Original befindet sich im Privatbesitz der Familie von Gemmingen, mehrere Abschriften des 18. und 19. Jahrhunderts besitzen die Württembergische Landesbibliothek in Stuttgart, das Generallandesarchiv in Karlsruhe und die Universitätsbibliothek in Heidelberg57). Die inschriftlichen Quellen sind jeweils bei den einzelnen Linien des Hauses ausgewertet, häufig mit dem originalen Wortlaut zitiert, mitunter auch nur dem Inhalt nach wiedergegeben.

Sehr präzise und wirklichkeitsgetreu hat im 19. Jahrhundert Eduard von Gemmingen in seinem 1861 abgeschlossenen ‚Denkmalheft’ (Band 1) die Inschriften von Tiefenbronn, Mühlhausen und Neuhausen abgezeichnet58). In einem Beiblatt hat der Verfasser die Tiefenbronner Denkmäler ausführlich charakterisiert: ‚Die Grabsteine in der Kirche zu Tiefenbronn sind größtentheils früher auf dem Boden gelegen und von Franz Dietrich v(on) G(emmingen) 1783 bey der Kirchen Restauration an die Wand gestellt worden. Auffallend ist, daß mehrere darunter 2. ja sogar 3. verschiedene Grabmale einer und derselben Person sind und daß viele nicht wörtlich übereinstimmen mit einem nach meiner Aufnahme aufgefundenen alten Verzeichniß von 1704–12. Notorisch ist, daß einige bey der früheren Restauration der Kirche verdorben wurden und die vorhandenen sind theils schlecht, namentlich mit Schreibfehlern gefertigt welche ich grundsätzlich beybehielt und mit anderer Dinte in der Zeichnung verbessern werde, theils sind einige abgewittert und vertreten. An solchen Stellen ist Zeichnung und Schrift von mir unterblieben und wird auch mit anderer Dinte nachgetragen werden, sofern dieß thunlich ist. Auf einige ausgetretene Stellen sind beliebige Stellen aus einem Gesangbuch geschrieben. Diese blieben natürlich auch leer. Andere waren mehrfach übertüncht und neue schwarze Schrift darüber geschmiert, so daß ich um sicher zu gehen überall mit dem Grabstichel untersuchen mußte. Auf nr. 24 fehlen mehrere Wappen. Der Stein ist grober Sandstein, die Wappen sind von Alabaster und die fehlenden herausgefallen und zertrümmert. Da ich eigentlich nicht zeichnen kann, scheute ich anfangs vor der Aufgabe zurück, die Zeichnungen ganz zu liefern und wollte mich nur auf die Inschrift und Angabe der Wappen beschränken. Da ich aber bald einsah, wie unzulänglich diese Arbeit werden müßte entschloß ich mich die Aufgabe zu lösen so gut ich konnte. Für historische Treue garantiere ich; die Schönheit der Ausführung ist am Ende weniger wichtig und die Nachkommen mögen den guten Willen für das Werk ansehen’59).

Die hier geäußerte Bescheidenheit des Eduard von Gemmingen hinsichtlich seiner Fähigkeiten ist nicht [Druckseite XXIII] ganz berechtigt; künstlerische Ausführung war nicht beabsichtigt und die Genauigkeit der Zeichnungen in der Wiedergabe von Wappen und Inschriften erfüllt alle Ansprüche, die zu erwarten sind. Die Arbeit scheint nicht ganz zu Ende gekommen zu sein, denn der Verfasser bemerkt selbst: ‚Es fehlen noch einige Grabmale aus der Kirche zu Neuhausen, welche zwar aufgenommen, aber noch nicht ins Reine gezeichnet sind. Ferner sind einige zerstreute Steine von Kirchen und Schlößern und von außen, welche von historischem Werth sind’.

Die nicht-originale Überlieferung für das übrige Bearbeitungsgebiet ist auf Zufallsfunde beschränkt. Die Grabsteine der 1785 abgetragenen Kirche von Remchingen waren 1743 anläßlich einer Kirchenvisitation mit ihren Inschriften verzeichnet worden; diese Abschrift blieb erhalten, während die Denkmäler selbst verschollen sind60). Die historiographischen Werke des 17. und 18. Jahrhunderts für die Markgrafschaft Baden bzw. das Herzogtum Württemberg haben nur dann auf Inschriften als Quelle ihrer Darstellung zurückgegriffen, wenn sie in unmittelbarer Beziehung zur Geschichte des regierenden Fürstenhauses standen, dessen Interessen die Darstellung dienlich sein sollte. Das in dieser Sicht ‚randständige’ Gebiet des Enzkreises konnte kaum ergiebige Funde versprechen. Ausnahmen, wie etwa die Aufnahme der Bauinschriften des badischen Kanzlers Martin Achtsynit an der Niefernburg in die Geschichte der badischen Markgrafschaft von Sachs, können diese Beobachtung nur unterstützen61).

  1. Vgl. DI. XX (Großkreis Karlsruhe) und DI. XVI (Mannheim-Sinsheim). Das Verhältnis der erhaltenen Inschriften zu den verlorenen Inschriften ist hier ganz ähnlich, während es in Stadtgebieten in Extremfällen vorkommen kann, daß die nicht-originale Überlieferung prozentual die erhaltenen Denkmäler übersteigt. »
  2. Chronologia monasteriorum Germaniae Praecipuorum ac maxime illustrium. Authore Caspare Bruschio. Denuo edita opera et studio M. Simonis Bornmeisterii. Sulzbach 1682. Die auf Maulbronn bezüglichen Nachrichten p. 330–334. »
  3. Vgl. Katalog Maulbronn (1978) S. 44f. (gelb). Das Konzept-Exemplar wurde von der Witwe des evangelischen Abtes Johann Christoph Weinland 1788 dem evangelischen Seminar geschenkt. »
  4. Vgl. E. Gohl, in: Katalog Maulbronn (1978) S. 41 Anm. 36. »
  5. Zu Wickenburg und seiner Sammlertätigkeit s. DI. XII (Heidelberg) Einleitung S. XVIII. »
  6. Vgl. R. Seigel, Zur Geschichtsschreibung beim schwäbischen Adel in der Zeit des Humanismus, in: Speculum Sueviae. Festschrift für Hansmartin Decker-Hauff zum 65. Geburtstag. Stuttgart 1982, Bd. 1, 93ff. »
  7. Das Original befindet sich im Familienarchiv der Gemmingen auf Schloß Bürg bei Neuenstatt am Kocher; vgl. ZGO. NF. 29 (1914) m 53. Benutzt wurde die Abschrift der Universitätsbibliothek Heidelberg, Heid. Hs. 133 (in zwei Bänden). »
  8. Einen zweiten Band des Denkmalheftes mit Zeichnungen der Denkmäler in Gemmingen (Kreis Heilbronn) hat A. von Oechelhäuser im Jahre 1909 für seine lnventarisation benutzt: KdmBaden VIII 1, 180. Er befand sich damals im Schloß zu Gemmingen. – Das Original des ersten Bandes heute im Generallandesarchiv Karlsruhe Sign. 65/200 007. »
  9. Denkmalheft Gemmingen, eingeheftete Blätter mit Vorbemerkung von Eduard von Gemmingen vor S. 15. – Die zitierte Nr. 24 bezieht sich auf das Epitaph des Johann Conrad von Gemmingen und der Margaretha Anna von Stein (nr. 376 des Katalogs). »
  10. J. Kastner, die Grabsteine der ehemaligen Remchinger Kirche, in: So weit der Turmberg grüßt Jg. 9 (1957) Nr. 2, 13–15. »
  11. Johann Christian Sachs, Einleitung in die Geschichte der Marggravschaft und des marggrävlich altfürstlichen Hauses. Teil 1–4. Carlsruhe 1764–70. »