Inschriftenkatalog: Stadt Düsseldorf

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 89: Stadt Düsseldorf (2016)

Nr. 133 Kalkum, St. Lambertus 1619

Beschreibung

Epitaph für Johann von Winkelhausen. Marmor, Alabaster, Kalkstein und farbig gefasstes Holz; angebracht an der Südwand des Chores. In einem Rahmen aus schwarzem Marmor befindet sich in dem hochrechteckigen, eingetieften Mittelteil die vollplastische Alabasterfigur eines Kindes, das nach links gewendet auf einem Kissen kniet und mit zum Gebet gefalteten Händen den Blick nach oben zum Gekreuzigten richtet. Die Christusfigur (Holz, mit vergoldetem Lendenschurz) hängt an einem ebenfalls vollplastischen Kreuz aus Kalkstein, das auf einem Kreuzeshügel aus Ala­baster steht, auf dem ein Lamm liegt. Am oberen Ende des Kreuzbalkens auf einem Täfelchen der Kreuztitulus (B). Auf der Rahmenleiste links und rechts der Nische befindet sich eine Ahnenprobe zu beiderseits je vier untereinander angeordneten, erhaben ausgeführten Vollwappen; die Wappen der heraldisch rechten Seite sind linksgewendet, die Wappen der heraldisch linken Seite rechtsgewendet; unter jedem Wappen befindet sich eine Beischrift (C); die Beischriften zu den jeweils untersten Wappen wurden aus Platzgründen auf dem unteren Gesims eingehauen. Im Aufsatz in Form eines Volutengiebels die nebeneinander stehenden, einander zugewendeten Vollwappen der Eltern des Verstorbenen. Im Unterhang mit geschwungenem Rand der vierzeilige Sterbevermerk (A). A und C sind eingehauen, B vor eingetieftem Grund erhaben ausgeführt. Das Epitaph befindet sich in einem sehr guten Erhaltungszustand; 1983 wurden kleinere Restaurierungsarbeiten an der Figur des Kindes durchgeführt.1)

Maße: H. 160 cm; B. 90 cm; Bu. 2,5 cm (A, B), 3 cm (C).

Schriftart(en): Fraktur (A, C), Kapitalis (B).

AWK NRW, Arbeitsstelle Inschriften (Gerda Hellmer) [1/2]

  1. A

    Anno 1619a) den 28 Januarijb) Jst / Der wolEdler Johan von winckelhausec) / Seines alters 4 Jhar 9 monat in / den Hernn Entschlaffen

  2. B

    I N R I2)

  1. C
    winckelhause(n)d) Hoenn 
    kettller bylandt 
    flodorff schenck 
    besten Viermondt 
Wappen:
Winkelhausen3), von der Lippe gen. Hoen4)
Winkelhausenvon der Lippe gen. Hoen
Kettler5)Bylandt6)
Vlodorp7)Schenk von Nideggen8)
Beesten9)Virmond10)

Kommentar

Die Schwellzüge und -schäfte sind nicht ausgeprägt. Beim dem End-s in Seines und alters sind die linken Teile des gebrochenen oberen und unteren Bogens zu einem Schaft verschmolzen, der obere gebrochene Bogen geschlossen. Während das d spitzoval ausgeführt ist, wirkt das o deutlich runder. Die Ausführung der 9 in Zeile 1 und 3 weicht voneinander ab, ebenso sind d und o nicht immer einheitlich ausgeführt. Die unteren Schaftenden sind umgebogen, die oberen wirken fast gespalten, da der rechte Teil des Sporns nach außen verlängert wird. Die oberen Bogenenden zeigen Fahnen. s, f und h haben Unterlängen, bei h ist sie nach links ausgezogen. Das E ist aus s- und c-förmigem Bogen zusammengesetzt, der Mittelteil als Haken am oberen Bogen angesetzt. Über u findet sich ein diakritisches Zeichen in Form eines Bögelchens.

Der verstorbene, fast fünfjährige Junge war Mitglied der für die Geschichte von Kalkum und Umgebung bedeutenden Familie der Herren von Winkelhausen, deren Stammsitz der Hof Winkelhausen nördlich von Kalkum war und die um die Mitte des 15. Jahrhunderts die Nachfolge der ausgestorbenen Herren von Kalkum zu Kalkum auf deren Rittersitz, dem späteren Wasserschloss Kalkum, übernahm.11) Die Vorstellung, die Familie habe seit Beginn ihres Kalkumer Besitzes in der Lambertuskirche eine Gruft im Chor der Kirche besessen, hat sich als irrig erwiesen. Nach Becker12) waren die ersten Mitglieder der Familie, die in der Kalkumer Pfarrkirche St. Lambertus beigesetzt worden sind, die Urgroßeltern des 1619 Verstorbenen, Ludger von Winkelhausen und seine Gemahlin Gertrud von Vlodorp, denn Ludger setzte 1556 in seinem Testament fest, dass er dort neben seiner bereits verstorbenen Gemahlin beigesetzt werden solle. Sie fanden ihre letzte Ruhestätte im Eingangsbereich zum Mittelschiff bzw. zu den Seitenschiffen. Ihr 1595 verstorbener Sohn Johann wurde als erstes Familienmitglied in einem Erdgrab auf dem Chor der Kirche bestattet. Dessen Sohn Ludger wiederum und seine Frau Barbara von der Lippe genannt Hoen waren die Eltern des 1619 verstorbenen Kindes. Es wird angenommen, dass der vor 1626 verstorbene Ludger neben seinem Sohn auf dem Chor beigesetzt worden ist. Nach van Spaen befand sich zudem die Grabstätte der 1596 noch im Kindesalter verstorbenen Anna, einer Schwester des Ludger, in der Kalkumer Kirche.13) Eine Familiengruft bzw. eine Totenkammer wird erstmals nach der Mitte des 17. Jahrhunderts erwähnt; sie wurde 1884 verfüllt.14)

Ludger von Winkelhausen, der nach dem Tod seines Vaters 159515) Kalkum erbte, kann als Amtmann von Mettmann für die Jahre 1600 bis 1610 nachgewiesen werden; er übte zudem über einen unbekannten Zeitraum das Amt des Jülicher Türwärters aus.16) Nach dem Tod seiner ersten Frau Margarethe von Hüls ehelichte er 1611 Barbara von der Lippe genannt Hoen, Tochter von Caspar von der Lippe genannt Hoen und Gertrud von Bylandt.17) Diese heiratete nach Ludgers Tod in zweiter Ehe den klevischen Erbkämmerer und Rat Albrecht von Hüchtenbroich.18) Der verstorbene Johann von Winkelhausen scheint das einzige Kind des Paares gewesen zu sein.19) Nach einer Lokaltradition soll er aus einem Fenster in den Wassergraben von Haus Kalkum gestürzt und ertrunken sein.20) Die Ahnenprobe ist korrekt. Barbara von der Lippe genannt Hoen, deren zweite Ehe kinderlos blieb, stiftete 1627 eine Summe, aus deren Zinsen einem armen Kind aus der Pfarre Kalkum oder einem anderen Ort das Erlernen eines Handwerks ermöglicht werden sollte.21)

Haus Kalkum fiel nach dem erbenlosen Tod des Ludger schließlich an seinen Bruder Wilhelm und dessen Nachkommen.22)

Textkritischer Apparat

  1. 1609 Clemen.
  2. Ligatur in Form eines Y. Diakritisches Zeichen über dem u.
  3. Sic! Diakritisches Zeichen über dem u. Winckelhausen Clemen.
  4. Diakritisches Zeichen über dem u.

Anmerkungen

  1. Vgl. PfA St. Lambertus Düsseldorf-Kalkum, Nr. 541, Rechnung vom 30.10.1983, hier S. 2, Position 6: An der Kindfigur aus Alabaster wurden folgende Restaurierungsmaßnahmen vorgenommen: „Reinigung der Oberfläche, die ergänzten Hände wurden neu verleimt, beigekittet und mit einigen Gipsausbesserungen beiretuschiert. Oberfläche gewachst und mit Akemi-Steinkitt am Epitaph befestigt.“
  2. Nach Io 19,19.
  3. Fahne I, S. 458; Schleicher, Slg. Oidtman, Bd. 16, S. 578; beide mit abweichender Abbildung des Teerkranzeisens.
  4. Fahne I, S. 160f.; Schleicher, Slg. Oidtman, Bd. 8, S. 438.
  5. Fahne I, S. 222.
  6. Ebd., S. 59; Schleicher, Slg. Oidtman, Bd. 3, S. 228.
  7. Fahne I, S. 102; Schleicher, Slg. Oidtman, Bd. 6, S. 50; Müller-Westphal, Wappen, S. 330.
  8. Fahne I, S. 384; Schleicher, Slg. Oidtman, Bd. 14, S. 68.
  9. Fahne, Westph. Geschlechter, S. 44.
  10. Fahne I, S. 435; Schleicher, Slg. Oidtman, Bd. 5, S. 730.
  11. Zur Geschichte der Familie der Herren von Winkelhausen und deren Besitzungen, insbesondere zur Übernahme des Rittersitzes Kalkum, vgl. Engelbert, Schloß Kalkum. Bedeutung, S. 108–114; vgl. auch Ferber, Rittergüter, S. 119; Schmitz, Land, Bd. 1, S. 206–208. Zur (Bau-)Geschichte von Schloss Kalkum vgl. insgesamt den Sammelband „Schloß Kalkum“, hg. von Walter Bader, Köln 1968; vgl. auch Engelbert, Schloß Kalkum. Beitrag.
  12. Vgl. zu den Beisetzungen der Familie Winkelhausen in der Kalkumer Lambertuskirche zuletzt Becker, Gräber, S. 76–82 mit den Einzelbelegen und v. a. auch in Abgrenzung zu älteren Darstellungen über die Gruft wie z. B. v. Trostorff, Beiträge, Bd. 2, S. 13 u. 34; Engelbert, Schloß Kalkum. Bedeutung, S. 109f.
  13. Vgl. dazu Kap. 6 der Einleitung Anm. 422.
  14. Becker, Gräber, S. 79 u. 81.
  15. Ebd., S. 78. Die Teilung der Güter war im November 1596 noch nicht erfolgt; dazu Inventar des Urkundenarchivs der Fürsten von Hatzfeldt-Wildenburg zu Schönstein/Sieg, Bd. 4, Regesten Nr. 1651–2250: 1574–1607, bearb. von Jost Kloft (Inventare nichtstaatlicher Archive 28), Köln 1984, Nr. 2050. Nach dem Tod der Mutter wird 1613 eine weitere Aufteilung vorgenommen; dazu Kloft, Inventar, Bd. 5, Nr. 2327.
  16. BSBM, Cgm 2213 (Slg. Redinghoven), Bd. 67, fol. 747. Zahlreiche Belege zu ihm und der Familie auch im Archiv der Fürsten von Hatzfeldt-Wildenburg zu Schönstein/Sieg; dazu das Register im Inventar des Urkundenarchivs der Fürsten von Hatzfeldt-Wildenburg zu Schönstein/Sieg, Bd. 6: Orts- und Personenindex, bearb. von Jost Kloft (Inventare nichtstaatlicher Archive 35), Köln 1993, S. 726–732; als Amtmann in Mettmann auch bei Füchtner/Preuss, Inventar, Nr. 903.
  17. Kloft, Inventar, Bd. 5, Nr. 2298. Schleicher, Slg. Oidtman, Bd. 16, S. 582, verzeichnet lediglich seine Verlobung mit M. von Hüls.
  18. Fahne I, S. 161; Schleicher, Slg. Oidtman, Bd. 8, S. 443; Kohl, Gartrop, Bd. 1, Taf. 2. Albrecht von Hüchtenbruck (geb. 1597, gest. 1628) war 1609 Erbkämmerer von Kleve und klevischer Rat, 1610 Herr auf Gartrop, 1616 Drost über Wesel, Duisburg und Land Dinslaken in Schermbeck.
  19. Bei Schleicher, Slg. Oidtman, Bd. 16, S. 582, wird das Ehepaar als kinderlos bezeichnet. In BSBM, Cgm 2213 (Redinghoven), Bd. 67, fol. 747, wird dem Paar ein namentlich nicht genanntes Kind, das im Kindesalter verstorben war (wohl Johann von Winkelhausen), zugeschrieben.
  20. V. Trostorff, Beiträge, Bd. 2, S. 33 (mit falscher Jahreszahl 1419). Die mündliche Tradition, in der Folge dieses Unfalls sei der Wassergraben um Haus Kalkum zugeschüttet worden, ist durch die Untersuchungen zur Baugeschichte widerlegt. Dazu Engelbert, Schloss Kalkum. Beitrag, S. 204 Anm. 22 u. S. 233; Blasberg, Wiederherstellung, S. 192f.
  21. Becker, 1100 Jahre Kalkum, S. 47 (ohne Beleg).
  22. Kloft, Inventar, Bd. 5, Nr. 2522. Vgl. Engelbert, Schloß Kalkum. Bedeutung, S. 110.

Nachweise

  1. Den Haag, Hoge Raad van Adel, Collectie van Spaen, Nr. 74 C, fol. 22v (A, C; keine wort- bzw. buchstabengetreue Wiedergabe).
  2. Clemen, KDM Düsseldorf, S. 146 (A).
  3. Becker, 1100 Jahre Kalkum, S. 100 (A).
  4. Dies., Gräber, S. 80 (A).

Zitierhinweis:
DI 89, Stadt Düsseldorf, Nr. 133 (Ulrike Spengler-Reffgen), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di089d008k0013306.