Inschriftenkatalog: Stadt Düsseldorf

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 89: Stadt Düsseldorf (2016)

Nr. 47† St. Lambertus, † Haus des Scholasters, Stiftsplatz 8 1511

Beschreibung

Holztafel. Wahrscheinlich bemalt.1) Die Gedenktafel zum Tod Herzog Wilhelms II. von Jülich-Berg befand sich im Haus des Scholasters, Stiftsplatz 8 (vor 1972 7a), in einem 1771/72 abgebrochenen Nebengebäude in der Kammer, in der der Herzog verstorben war. Das Aussehen der hochrechteckigen Tafel ist auf einer in der Sammlung Redinghoven enthaltenen Zeichnung überliefert. In dem größeren oberen Teil war das Vollwappen des Herzogs abgebildet, darunter stand der Sterbevermerk mit Fürbitte. Am oberen Rand ein schmales, zinnenförmiges Gesims.

Nach BSBM, Cgm 2213 (Slg. Redinghoven), Bd. 24, fol. 183r.

Schriftart(en): Gotische Minuskel mit Versalien. <sup>2)</sup>

  1. Im Jair vnss herre(n) · M · vc · xia) · vff de(n) sesten dach des May(n)tz / Septe(m)bris · ist gestorue(n) der durchluchtige hoechgeborn furst ind / herre Her Wilhe(lm) hertzoug zo guylge · zo dem Berghe · graeueb) zo Raue(n)ßb(er)g / herre zo hey(n)ssb(er)g ind lewenb(er)g etc. · alhie yn disser camere(n) · yn sy(n)s ca-/pella(n)is hern Joha(n)s nydecke(n)c) va(n)d) boesswilree) canonichs disser kyrche(n) / wonu(n)gen · Got sy der selen gnedichf) ·

Wappen:
Jülich-Berg-Ravensberg

Kommentar

Die bei Redinghoven überlieferte Zeichnung, in der Worttrenner in Form von Rauten und Strichpunkten, verzierte Versalien (in der ersten Zeile sowie G bei Got) und die Gemeinen mit typischen Formen der gotischen Minuskel wiedergegeben sind, erlaubt trotz der bei kopialer Überlieferung gebotenen Vorsicht den Schluss, dass die Inschrift in einer gotischen Minuskel ausgeführt war, die häufiges Bogen-r, Schaft-r mit an der Fahne angesetztem Zierstrich, e mit einem zu einem unten nach rechts umgebogenen Strich reduzierten Balken, Oberlängen an den linken Schaftenden von v und w, gespaltene, teilweise gegabelte Schaftenden bei h, l, t, b, p und k und ein Nebeneinander von doppelstöckigem und kastenförmigem a zeigte.

Herzog Wilhelm II. war nach dem Brand des Schlosses am 23. Dezember 15103) in das Haus seines Kaplans, des Kanonikers und späteren Scholasters Johann Nidecken aus Baesweiler, gezogen und dort am 6. September 1511 nach längerer Krankheit verstorben.4) Er wurde in Altenberg beigesetzt.5) Das Haus befand sich vermutlich bereits zum Zeitpunkt des Todes im Besitz des Herzogs, denn am 15. Mai 1517 verbanden Wilhelms zweite Gemahlin, Sibylle von Brandenburg, sowie sein Schwiegersohn Johann und seine Tochter dieses Haus mit dem Amt des Scholasters. Sie verpflichteten den Dechanten und das Kapitel der Düsseldorfer Stiftskirche, dieses Haus stets an den jeweiligen Stiftsscholaster zu vergeben, der es in einem guten Zustand zu erhalten und bestimmte Zahlungen dafür zu leisten hatte.6)

Auch dieses Haus, das im Bereich des heutigen Hauses Stiftsplatz 8, vor 1972 Stiftsplatz 7a, lag,7) war bei der Explosion des Pulverturms 16348) beschädigt und vor 1646 wieder hergestellt worden.9) 1771/72 wurde das Haus, das etwas zurückliegend im Garten stand, vergrößert und das Nebengebäude, in dem sich das Sterbezimmer des Herzogs befand, abgerissen.10) Dazu passen die Angaben bei Brosius/Mappius, dass die Tafel im ersten Viertel des 18. Jahrhunderts noch vorhanden gewesen sei,11) und bei Bayerle, der 1844 berichtet, dass sich das Sterbezimmer des Herzogs in einem Nebengebäude des Scholasterhauses befunden habe, das „in neuerer Zeit“ bei Umbauarbeiten abgebrochen worden sei.12) Bayerle, der zu diesem Zeitpunkt das Scholasterhaus bewohnte, erwähnt ausdrücklich, dass „das geschichtlich merkwürdige Denkmal“ nicht mehr erhalten sei.13) 1867 wurde das Haus abgerissen, 1868 neu errichtet und schließlich 1972 erneut abgebrochen. Das heute an dieser Stelle gelegene Gebäude wurde 1973 bezugsfertig und erhielt die Adresse Stiftsplatz 8.14)

Der Kanoniker und Scholaster Johann Nidecken ist seit 1504 als Kanoniker, seit 1514 als Scholaster an St. Lambertus belegt. Er verstarb am 17. April 1518.15)

Dass der Herzog im Haus eines Kapitelsmitglieds in der Immunität verstarb, sieht Schleidgen als herausragendes Indiz für eine seit der Mitte des 15. Jahrhunderts „immer enger werdende Verbindung zwischen Stift und Hof“,16) die sich auch in einigen Stiftungen des Herzogs und seiner Gemahlinnen für die Ausstattung der Kirche manifestiert.17)

Die in der Inschrift genannte Herrschaft Heinsberg-Löwenberg war Wilhelm 1472 durch die Eheschließung mit seiner ersten Gemahlin, Elisabeth von Nassau-Saarbrücken, zugefallen.18)

Textkritischer Apparat

  1. M D XI Brosius/Mappius, PfA St. Lambertus, Bayerle, Clemen, Greb.
  2. ue kleiner hochgestellt über die Zeile.
  3. Nijdeitg(en) PfA St. Lambertus.
  4. Es folgt ein getilgter Buchstabe.
  5. Korrigiert aus boesswike. Boeßwicke Brosius/Mappius; Boesswicke PfA St. Lambertus, Bayerle, Clemen, Greb; Boißwicle Redinghoven Bd. 24; Boißwilre Redinghoven Bd. 17, Redinghoven Bd. 44.
  6. Korrigiert aus gnedig.

Anmerkungen

  1. In Brosius/Mappius, Annales Juliae, Bd. 2, S. 79 berichtet Mappius, dass er „Serenissimarum Juliae, Montiumque Ducum, & Comitum Ravenspergensium Prosapiarum insignia suis coloribus in tabula lignea depicta … cum hoc inscriptione“ im Hause des damaligen Scholasters Johann Adam Bardenheuer persönlich gesehen habe. Nach Aders, Geschichte, S. 39, war Bardenheuer 1708 – 1726, vielleicht noch 1733, Scholaster und Thesaurar an St. Lambertus. Das „Monumentum in aula scholasteria“ wird auch LAV NRW R, Hss. N I 6 Nr. V 1a, fol. 4r, genannt.
  2. Die Edition erfolgt nach der Zeichnung, die die Tafel in ihrem Aufbau zeigt und wohl in der Absicht angefertigt wurde, auch die Merkmale der Schrift getreu wiederzugeben.
  3. Zu dem Brand Küffner/Spohr, Düsseldorf, S. 31–35.
  4. Zu Wilhelm Redlich, Wilhelm III.; Hövelmann, Wilhelm IV.
  5. Vgl. dazu Hilger, Grabdenkmäler, S. 201. Der Herzog hatte auch vor dem Schlossbrand gelegentlich bei Aufenthalten in Düsseldorf nicht im Schloss, sondern in Bürgerhäusern genächtigt. Vgl. dazu Kasten, Hofhaltung, S. 178.
  6. Höroldt, Inventar St. Lambertus, Nr. 48.
  7. Vgl. die Karten bei Aders, Geschichte, S. 25, u. Greb, Geschichte, S. 72 u. 78.
  8. Vgl. zur Explosion und den Folgen für die Kirche und weitere Gebäude Kap. 2.1.1 der Einleitung.
  9. Greb, Geschichte, S. 76; ein urkundlicher Beleg bei Höroldt, Inventar St. Lambertus, Nr. 136.
  10. Greb, Geschichte, S. 77.
  11. Brosius/Mappius, Annales Juliae, Bd. 2, S. 79.
  12. Bayerle, Kirchen, S. 28 Anm., das Zitat ebd.
  13. Ebd. Vgl. auch Ferber, Wanderung, Bd. 1, S. 59; Schumacher, Topographie, S. 92. Die Tafel wird, als „monumentum“ bezeichnet und ohne Wiedergabe der Inschrift oder Angaben zum Erhaltungszustand, noch mehrfach in archivalischen Quellen erwähnt, z. B. HAStK, Best. 7030, Nr. 184 (Büllingen), fol. 220v; LAV NRW R, Hss. N I 6 Nr. V 1a, fol. 15r; ebd., Hss. N I 6 Nr. V 1b, fol. 9r–v; PfA St. Lambertus Düsseldorf-Altstadt, Akten 747, foll. 13v–14r.
  14. Greb, Geschichte, S. 78–80.
  15. Aders, Geschichte, S. 39; Höroldt, Inventar St. Lambertus, Nr. 48. Als Scholaster zum Jahr 1514 ist er auch in den Kanonikerlisten in LAV NRW R, Stift Düsseldorf, Rep. u. Hss. 2, fol. 12r, eingetragen.
  16. Schleidgen, UB St. Lambertus, S. XIII.
  17. Vgl. dazu z. B. die Stiftung des Chorgestühls (Nr. 49) und die Angaben ebd. im Kommentar.
  18. Redlich, Wilhelm III., S. 101; Hövelmann, Wilhelm IV., S. 346.

Nachweise

  1. BSBM, Cgm 2213 (Slg. Redinghoven), Bd. 24, fol. 183r.
  2. HAStK, Best. 1039 (Farragines Gelenii), Bd. 10, fol. 268v.
  3. BSBM, Cgm 2213 (Slg. Redinghoven), Bd. 17, fol. 280r (nach Farragines Gelenii).
  4. Ebd., Bd. 44, fol. 183v.
  5. Brosius/Mappius, Annales Juliae, Bd. 2, S. 79.
  6. PfA St. Lambertus Düsseldorf-Altstadt, Akten 747, fol. 79r.
  7. Bayerle, Kirchen, S. 28.
  8. Clemen, KDM Düsseldorf, S. 61.
  9. Greb, Geschichte, S. 74 (nach Bayerle).

Zitierhinweis:
DI 89, Stadt Düsseldorf, Nr. 47† (Ulrike Spengler-Reffgen), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di089d008k0004709.