Inschriftenkatalog: Stadt Braunschweig von 1529 bis 1671

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 56: Stadt Braunschweig II (2001)

Nr. 623(†) St. Katharinen 1589, 1725

Beschreibung

Epitaph des Ludolph Schrader. Sandstein und Alabaster, teilweise farbig gefaßt. Das große, reich verzierte Epitaph, das dreiseitig um einen Pfeiler an der Wand des nördlichen Seitenschiffs herumgebaut ist, wurde im Jahr 1725 renoviert. Bei dieser Gelegenheit wurde die vermutlich beschädigte Inschriftentafel mit der Grabschrift durch eine neue ersetzt. Es ist zu vermuten, daß die Inschrift der unter dem Epitaph angebrachten neuen Tafel (A) bis auf den letzten, 1725 hinzugesetzten Satz (B) mit der Inschrift der alten Tafel übereinstimmte. Die neue Tafel kann daher als eine Art kopialer Überlieferung der Grabschrift von 1589 angesehen werden. Der Text der Inschrift A befand sich auch auf einer nicht erhaltenen Messingtafel, die in die Abdeckung des Schraderschen Grabgewölbes eingelassen war (vgl. Nr. 625).

Den Mittelteil des Epitaphs bildet ein von Säulen eingerahmtes, oben rundbogig abgeschlossenes Relief der Kreuzigung; am Kreuz der Titulus C. Oben in den Bogenzwickeln die Figuren zweier Tugenden. An den Seiten in der mittleren Zone jeweils eine von Säulen umgebene Nische mit der Figur einer Tugend darin. In der oberen Zone ein quadratisches Relief der Auferstehung und Himmelfahrt Christi, links und rechts davon die Figur einer Tugend, darüber in einem Rundbogen zwei liegende Putten. Oben auf dem Rundbogen Christus und Gottvater mit der Weltkugel zu ihren Füßen. Darüber waren früher der Heilige Geist in Gestalt einer Taube sowie zwei schwebende Engel angebracht, die heute fehlen.1) Auf dem Gesims unterhalb der mittleren Zone die freistehenden knienden Figuren des Verstorbenen und seiner Ehefrau. Über das ganze Epitaph verteilt außerdem – heute nicht mehr ganz vollständig erhaltene – Apostelfiguren sowie Figuren einiger Propheten oder Apostel, zahlreiche Engels- und Maskenköpfe und reicher ornamentaler Schmuck. Unterhalb des Epitaphs ist die von Rankenwerk und Blumen umgebene ovale Kartusche mit der Inschrift aus dem Jahr 1725 angebracht.

Maße: H.: ca. 550 cm; B.: 280 cm; Bu.: 4 cm (C).

Schriftart(en): Kapitalis.

Sabine Wehking [1/3]

  1. A†

    ANNO 1589 . 8 . IVL(II) / PIE OBIIT MAGNIF(ICVS) CLARISS(IMVS) EXCELLENTISS(IMVS) / VIRTVTE ET ERVDITIONE PRAESTANS VIR / DOMINVS LVDOLPHVS SCHRADER / IVRIS VTRIVSQVE DOCTOR ET EQVES AVRATVS QVI TEMPORE / VITAE SVAE FVIT CONSILIARIVS DVORVM IMPERATORVM ROMANORVM / NEMPE IMPERATORIS MAXIMILIANI II. ET IMPERATOR(IS) RVDOLPHI II. IT(EM) DVORV(M) / PRINCIPVM ELECTORVM BRANDENBVRG(ENSIVM) NEMPE PRINCIPIS IOACHIMI II ET PRIN/CIPIS IOANNIS GEORGII IT(EM) ET PRINCIPIS IOACHIMI FRIDERICI POSTVLATI ADMINISTRA/TORIS PRIMATVS ET ARCHIEPISCOPATVS MAGDEBVRG(ENSIS) MARCHIONIS BRANDENBVRG(ENSIS) IT(EM) PRIN/CIPIS GEORGII FRIDERICI MARCHIONIS BRANDENBVRG(ENSIS) BORVSSIAE DVCIS IT(EM) PRINCIPIS / IOANNIS MARCHIONIS BRANDENBVRG(ENSIS) ET POST OBITVM SVAE ILLVSTRIS CELSITVDINIS EIVS/DEM VIDVAE PRINCIPISSAE CATHARINAE DVCISSAE BRVNSVIC(ENSIS) ET LVNEBVRG(ENSIS) ET MARCHIONISSAE BRANDENBVRG(ENSIS) / IT(EM) ET PRINCIPIS WILHELMI IVNIORIS DVCIS BRVNSVIC(ENSIS) ET LVNEBVRG(ENSIS) IT(EM) PRINCIPIS IOANNIS ALBERTI DVCIS / MEGAPOLENSIS NEC NON ET MVLTORVM COMITVM ET BARONVM . FVIT ETIAM VLTRA VIGINTI ANNOS / PRAESES ORDINARIVS IVRIDICAE FACVLTATIS IN ILLVSTRI ACADEMIA FRANCOFVRD(ENSI) CIS VIADRVM . / ET VLTRA HOC ALIQVOT ANNOS IVRA CANONICA ET CIVILIA BONONIAE / ET WITTENBERGAE PRIVATIM CVM LAVDE LEGIT .

  2. B

    RENOVATVM EST HOC EPITAPHIVM / ET NOVA HAC TABVLA MARMOREA VETERI REIECTA ILLVSTRATV(M) / A BENEFICII SCHRADERIANI PATRONIS / ANNO 1725 .

  3. C

    I(ESVS) · N(AZARENVS) · R(EX) · I(VDAEORVM) 2)

Übersetzung:

Im Jahr 1589 am 8. Juli starb fromm der hochherzige, hochberühmte und überaus vortreffliche, durch Tugend und Bildung ausgezeichnete Mann, Herr Ludolph Schrader, Doktor beider Rechte und Ritter vom Goldenen Sporn, der zu seinen Lebzeiten Ratgeber zweier römischer Kaiser war, nämlich des Kaisers Maximilian II. und des Kaisers Rudolph II., ebenso auch zweier Brandenburgischer Kurfürsten, nämlich des Fürsten Joachim II. und des Fürsten Johann Georg, ebenso auch des Fürsten Joachim Friedrich, des postulierten Administrators des Primats und Archiepiskopats Magdeburg, Markgrafen von Brandenburg, ebenso des Fürsten Georg Friedrich, des brandenburgischen Markgrafen und preußischen Herzogs, ebenso des Fürsten und brandenburgischen Markgrafen Johann und – nach dem Tod seiner berühmten Hoheit – seiner Witwe, der Prinzessin Katharina, Herzogin von Braunschweig und Lüneburg und Markgräfin von Brandenburg, ebenso auch des Fürsten Wilhelm des Jüngeren, Herzog von Braunschweig und Lüneburg, ebenso des Fürsten Johannes Albert, Herzog von Mecklenburg, und darüber hinaus vieler Grafen und Barone. Er war auch über zwanzig Jahre lang ordentlicher Präses der juristischen Fakultät an der berühmten Universität in Frankfurt an der Oder und darüber hinaus las er einige Jahre privat unter (allgemeinem) Lob das kanonische und das zivile Recht in Bologna und Wittenberg. (A)

Dieses Epitaph wurde renoviert und, nachdem die alte verworfen worden war, mit dieser neuen Marmortafel verschönert durch die Verwalter der Schraderschen Stiftung im Jahr 1725. (B)

Kommentar

Bei der Anfertigung der neuen Inschriftentafel wurde möglicherweise die Schreibweise der alten Inschrift getreu übernommen. Darauf läßt zumindest die durchgehende Verwendung von V für vokalisches u schließen, die im 18. Jahrhundert so kaum mehr üblich war.

Der aus Braunschweig stammende Ludolph Schrader immatrikulierte sich im September 1545 an der Universität Wittenberg und zusammen mit seinem Bruder Autor im Wintersemester 1547 an der Universität Leipzig.3) Im Jahr 1555 ging er – ebenfalls mit seinem Bruder – an die Universität Bologna, wo er am 19. Juli 1555 zum Doktor beider Rechte promoviert wurde.4) Noch im selben Jahr wurde er Professor an der Universität Wittenberg. Im Jahr 1558 wurde er von Joachim II. von Brandenburg an die Universität Frankfurt an der Oder berufen, wo er in der Folgezeit als Ordinarius tätig war.5) Daneben fungierte Schrader als juristischer Berater zahlreicher Fürsten, darunter auch Kaiser Maximilian II. Seine Tätigkeit für diesen erweckte das Mißtrauen des Kurfürsten Joachim von Brandenburg, der Schrader Ostern 1584 festnehmen ließ, weil er in dem Verdacht stand, ein österreichischer Spion zu sein. Schrader saß eine gewisse Zeit in Berlin im Gefängnis. Nach seiner Freilassung zog er sich nach Braunschweig zurück, wo er seit 1585 nachzuweisen ist; dort widmete er sich der schriftstellerischen Tätigkeit.6) Verheiratet war Ludolph Schrader mit der aus Frankfurt an der Oder stammenden Katharina Gastmeister, die nach dem Tod ihres Ehemanns der Katharinenkirche auch in dessen Namen einen Kelch stiftete (vgl. Nr. 626). Das Verhältnis der beiden Eheleute zueinander war offensichtlich nicht das beste, denn Ludolph Schrader legte in seinem Testament fest, daß seine Witwe nur ihr in die Ehe eingebrachtes – allerdings beträchtliches – Vermögen erhalten sollte, da sie sich ihm gegenüber nicht angemessen verhalten habe.7) Zugleich enterbte er auch seine beiden Brüder Autor und Heinrich Schrader, mit denen er sich zerstritten hatte, sowie deren Kinder und hinterließ den wesentlichen Teil seines Vermögens den Kindern seiner übrigen Geschwister.

Für sein Begräbnis und die Art seiner Bestattung traf Schrader in seinem Testament umfangreiche Regelungen. Ihm sollte danach ein Epitaphium von der besten art im Wert von ungefähr 1000 Talern gesetzt werden. Darauf war eine Inschrift anzubringen, die er noch seinen nahen Verwandten, nicht seiner Ehefrau, aushändigen wollte. Das Grabgewölbe sollte laut Testament mit einer Grabplatte im Wert von 100 bis 150 Talern abgedeckt werden; auf die Grabplatte sollte das Bildnis Schraders gehauen werden. Die Inschrift, die der Bildhauer um die Grabplatte herum zu hauen hatte, wollte Schrader selbst noch vorzeichnen (vgl. Nr. 624). Offenbar hielt man sich bei der Ausführung der Grabdenkmäler genau an die Bestimmungen des Verstorbenen. Aufgrund des Testaments kann man Schrader auch als den Verfasser der nicht eben bescheidenen Inschrift A des Epitaphs ansehen.

Ludolph Schrader legte testamentarisch ein pompöses Begräbnis fest, bei dem alle Schüler der Schulen von St. Katharinen, St. Martini und St. Ägidien zusammen mit den Lehrern seinem Sarg folgen und singen sollten. Auch die gesamte Braunschweiger Geistlichkeit sollte nach seinem letzten Willen gegen eine entsprechende Bezahlung an seinem Begräbnis teilnehmen. Die Kosten für diese prunkvolle Beerdigung sind in der Abrechnung des Testamentsvollstreckers Philipp von Damm, der mit Schraders Tochter Margaretha verheiratet war, aufgeführt.8) Zusammen mit dem anderen Testamentsvollstrecker Dr. Johann Brandis, dem Ehemann von Schraders Tochter Anna, kümmerte sich Philipp von Damm um die Ausführung der Grabdenkmäler. Zu diesem Zweck fuhr er zusammen mit dem Bildhauer Georg Röttger nach Hildesheim zu Brandis, um diesem den Entwurf Röttgers zu unterbreiten. In Hildesheim schlossen die Testamentsvollstrecker zugleich einen Vertrag mit dem Bildhauer Ebert Wolf d. J. über die Ausführung der Grabplatte ab. Wolf fertigte die Platte in seiner Werkstatt in Hildesheim an und ließ sie dann nach Braunschweig transportieren. Offensichtlich war Brandis mit dem Röttgerschen Entwurf für das Epitaph einverstanden, da der Braunschweiger Bildhauer mit der Ausführung beauftragt wurde.9)

Anmerkungen

  1. Vgl. die Abb. bei Meier, Kunsthandwerk, Abb. 58.
  2. Io. 19,19.
  3. Matrikel Wittenberg, Bd. 1, S. 227a; Matrikel Leipzig, Bd. 1, S. 668a.
  4. Matrikel Bologna, S. 508.
  5. Matrikel Frankfurt, Bd. 1, S. 152, 119.
  6. Zur Biographie Schraders vgl. ADB, Bd. 32, S. 433f.
  7. Sta Braunschweig, B I 23, Bd. 9, fol. 210r–223r.
  8. Sta Braunschweig, B IV 11, Nr. 58.
  9. Ebd., fol. 63r/v: folget was auf das Epitaphium unde den grabstein fur uncosten gangen: Item mit M. Jurgen dem Biltschneider nach Hildesheim gefaren unde den abris des Epitaphii dahin gebracht unde mit D. Brandis daraus geredet. auch domals den grabstein Ebert Wolfen verdinget verzeret ... 3 (Taler) 31 (Groschen). Item zahlt Ebert Wolf auf den Stein 6 (Taler). Item zahlt M. Jurgen dem Biltschnitzer do ihm das Epitaphium verdinget zum Gottes pfenninge 1 (Taler). Item zahlt M. Jurgen dem Biltschnitzer auf johannis den ersten termin als 100 (Taler). Item zahlt dem Fuermann So den grabstein von hildesheim anhero gefuret 4 (Taler) 16 (Groschen). Item noch zahlt ich M. Ebert Wolf fur den Leichstein zu hacken und fur seine Muehe 40 (Taler). Item zahlt seinen gesellen drankgeld 1 (Taler).

Nachweise

  1. Sammlung Sack, Nr. 136, Teil 1, p. 8 u. p. 291 (auszugsweise).

Zitierhinweis:
DI 56, Stadt Braunschweig II, Nr. 623(†) (Sabine Wehking), in: www.inschriften.net, https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0238-di056g009k0062305.