Inschriftenkatalog: Stadt Braunschweig von 1529 bis 1671

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 56: Stadt Braunschweig II (2001)

Nr. 475 St. Martini 1555

Beschreibung

Epitaph des Gerhard Pawel und der Anna von Wintheim. Sandstein, farbig gefaßt. Das Epitaph, das sich früher an dem Pfeiler gegenüber dem Kanzelaufgang befand und 1898 an die Wand des südlichen Seitenschiffs versetzt wurde, besteht aus einem hochrechteckigen, von zwei Hermen begrenzten Mittelteil, der oben rundbogig abgeschlossen ist, einem dreiteiligen Aufsatz sowie einer querrechteckigen Sockelzone unterhalb des Mittelteils und einer Kartusche als unterem Abschluß. In der Mitte des Aufsatzes in einer Bogennische ein Relief, das den auferstehenden Christus zeigt, links und rechts davon in zwei mit Giebeln abgeschlossenen Feldern je ein von einem Putto gehaltener Wappenschild. Darunter in den Zwickeln des Rundbogens Reliefs der Köpfe Luthers und Melanchthons. Die Köpfe sind durch ein vielfach gewundenes Schriftband mit der Inschrift A verbunden, das oberhalb des Rundbogens verläuft. Im Rundbogen die Inschrift B. Im Innenfeld des Mittelteils oben ein plastisches Kruzifix mit dem Titulus C in einer halbkreisförmigen Sonne über dem Kreuz. Links und rechts des Kreuzes eine Darstellung des verstorbenen Ehepaars in Halbfigur. Beide lehnen sich auf eine Brüstung, auf der die Inschrift D angebracht ist. In den Sockeln der den Mittelteil begrenzenden Hermen je ein Feld, darin links eine kluge Jungfrau mit einer brennenden Öllampe, rechts eine törichte Jungfrau mit einer erloschenen Öllampe. In der querrechteckigen Sockelzone unter dem Mittelteil links und rechts jeweils eine männliche Büste, dazwischen die Inschrift E. Auf der Kartusche darunter das Brustbild eines bärtigen Mannes mit einem Schriftband, darauf die Inschrift F; in den Händen des Mannes ein Schriftband mit der Inschrift G. Über der linken Schulter des Mannes zwei Knabenfiguren, die linke hält ein Kreuz, der rechte Knabe küßt die Hand des linken; über der rechten Schulter zwei Männer, von denen der obere von einem Ungeheuer in Hundegestalt verschlungen wird und der untere mit einer Hand in den Mund des oberen greift. Alle Inschriften sind erhaben ausgeführt und mit goldener Farbe hervorgehoben.

Maße: H.: ca. 400 cm; B.: 138 cm; Bu.: 5 cm (A), 4 cm (B, C, E, G), 6 cm (D), 3 cm (F).

Schriftart(en): Kapitalis.

Jutta Brüdern, Braunschweig [1/4]

  1. A

    POSVIT OS MEVM QVASI GLADIVM ACVTVM IN VMBRA MANVS SVAE PRO/TEXIT . ME / POSVIT ME SICVT SAGITTA(M) ELECTAM IN PHARETRA SVA OCCVLTAVIT ME ESA 49. 2 1)

  2. B

    ATTRITVS EST PROPTER SCELERA NOSTRA ESA LIII a) 2)

  3. C

    I(ESVS) N(AZARENVS) R(EX) I(VDAEORVM) 3)

  4. D

    GERHARDO · PAVLO · PRVDENTI · AC · IN:/TEGERRIMO · VIRO · MORIB(VS)Q(VE) · OR:/NATO · QVI · OB · GRAVES · CAVSSAS TRANQ:/VILLIORIS·Q(VE) · VITAE · DESIDERIVM · EX ··/ CIVILIB(VS) · NEGOTIIS · IN · QVIB(VS) · SVMMA · CVM · LAV/DE · 40 · AN(NOS) · CONSVL · VERSATVS · MAGIS:/TRATV · ABDICATO · CVM · SE · EXTRICASS:/ET · AC · 12 · AN(NOS) · IN · SENILI · OTIO · PLACIDAM / PIAMQ(VE) · VITAM · DVXISSET · SECVNDO · / MENSE · POST · VXORIS · SVAE · ANNAE · A · / WINTHEM · MATRONAE · HONESTISS(IMAE) · MOR:/TEM · SIMVL · IN · CHR(IST)O · PIE · OBDORMIVIT · / AETATIS · SVAE · 85 · 14 : FEBRV(ARII) · ILLA · VERO · AETATIS / SVAE · 62 · 24 · DECEMB(RIS) · ANNO · D(OMI)NI · 1554

  5. E

    CVNRADVS · I(VRIS) · V(TRIVSQVE) ··D(OCTOR)·· ET · GERHARDVS · PAVLI / GERMANI · FRATRES · PIIS · AC · OPTIME · / DE · SE · MERITIS · PARENTIB(VS) EDVCATIONE / FAMA · ET · R(E)BVSb) · HONESTE · PARTIS · AB / IPSIS · DECORATI · IN · RESVRRECTIONIS / AC IPSORVM · MEMORIAM SEMP:/ITERNAM · POSVERE

  6. F

    HEBET BRV(DER)LIKE L(E)VE IN · GOT DES KI(N)DER GI SIT · IS DE LOVE RET IN IV SO LEVE GI REHT , DE(N)KE AN DIN END 4)

  7. G

    ALLES · DAT DV WLT · HEBBEN · FAN DEN LVDEN / DAT DO EN OCK · DAT · IS DAT GESET · V(NDE) D(E) P(RO)PHETEN 5)

Übersetzung:

Der Herr hat meinen Mund gemacht wie ein scharfes Schwert, im Schatten seiner Hand hat er mich beschützt; er hat mich gleichsam zu einem auserwählten Pfeil gemacht (und) hat mich in seinem Köcher verborgen. (A)

Er ist um unserer Sünden willen zerschlagen worden. (B)

Dem Gerhard Pawel, einem klugen und äußerst redlichen Mann, der durch seinen Charakter ausgezeichnet war. Als er sich wegen schwieriger Verhältnisse und dem Wunsch nach einem ruhigeren Leben von den Regierungsgeschäften freigemacht hatte, in denen er in höchst lobenswürdiger Weise 40 Jahre lang als Ratsmitglied geschäftig war, indem er sein Amt niederlegte, und zwölf Jahre in der Muße des Alters ein ruhiges und gottgefälliges Leben geführt hatte, schlief er im zweiten Monat nach dem Tod seiner Frau, der sehr ehrenwerten Dame Anna von Wintheim, ebenso fromm in Christus ein seines Alters 85 (Jahre) am 14. Februar, jene aber ihres Alters 62 (Jahre) am 24. Dezember im Jahr des Herrn 1554. (D)

Der Doktor beider Rechte Konrad und Gerhard, leibliche Brüder aus der Familie Pawel, haben ihren frommen und um sie höchst verdienten Eltern, von denen selbst sie durch die Erziehung, durch einen guten Ruf und ein ehrenhaft erworbenes Vermögen geschmückt sind, (dies) zur ewigen Erinnerung an die Auferstehung und an sie selbst gesetzt. (E)

Wappen:
Pawel6)Wintheim7)

Kommentar

Der Teil des Epitaphs mit dem den Mittelteil oben abschließenden Rundbogen und den beiden Spruchbänder haltenden Figuren in den Zwickeln ähnelt so stark dem entsprechenden Teil an dem Epitaph des Matthias von Veltheim im Halberstädter Dom aus dem Jahr 1553, daß diese beiden Stücke demselben Bildhauer zugewiesen werden können. Die große Ähnlichkeit betrifft auch die Gestaltung der Männerköpfe an beiden Epitaphien. Der bärtige Kopf im unteren Teil des Pawel-Epitaphs ist mit dem Kopf im rechten Bogenzwickel des Veltheim-Epitaphs nahezu identisch. Die von Meier vorgenommene Zuschreibung der Epitaphien an einen Bildhauer namens Jürgen Spinnrad, dessen Selbstporträt Meier in den beiden Köpfen sehen will, ist jedoch mehr als spekulativ und gründet sich lediglich auf chronikalische Aufzeichnungen aus dem Anfang des 18. Jahrhunderts, die schon dem äußeren Anschein nach in den Bereich der Fabel zu gehören scheinen.8) Die Annahme, die damaligen Chronisten hätten Archivmaterial benutzt, das in der Zwischenzeit verlorengegangen sei, ist wenig überzeugend. Besonders problematisch erscheint die von Schmidt und Meier vertretene Ansicht, der Bildhauer habe in dem Bildprogramm des Epitaphs seine eigene religiöse Überzeugung zum Ausdruck gebracht. Daß sich hierin die religiösen Anschauungen der Auftraggeber zeigen, wird von beiden nicht erwogen.

Gerhard Pawel d. Ä. war seit 1500 Ratsherr der Altstadt, seit 1503 Kleiner Bürgermeister und von 1506 bis 1540 Großer Bürgermeister. Während des Aufstandes des Jahres 1513 mußte er vorübergehend die Stadt verlassen und zog sich nach Hildesheim zurück.9) In erster Ehe war er mit Mette Harling verheiratet, die 1503 starb, in zweiter Ehe mit Anna von Wintheim.10) Die beiden in Inschrift E genannten Söhne stammten aus der zweiten Ehe. Vgl. dazu Nr. 480.

Textkritischer Apparat

  1. LIII] III in L eingestellt.
  2. Möglicherweise wurde die Ausführung des E vergessen.

Anmerkungen

  1. Is. 49,2. Dort abscondit anstelle von OCCVLTAVIT.
  2. Is. 53,5.
  3. Io. 19,19.
  4. ‘Habt brüderliche Liebe in Gott, dessen Kinder ihr seid. Ist der Glaube richtig in euch, so lebt ihr richtig. Denke an dein Ende.’ Nicht als Bibelzitat nachweisbar.
  5. Mt. 7,12.
  6. Wappen Pawel (zwei gekreuzte Krebsscheren). Vgl. Siebmacher/Hefner, Wappenbuch, Bd. 2, Abt. 2, S. 8 u. Tafel 6.
  7. Wappen Wintheim (drei ineinandergreifende Ringe, der obere offen). Vgl. ebd., Bd. 2, Abt. 9, S. 26, Tafel 27.
  8. Schmidt, Martinskirche, S. 104f. Meier, Bildhauer Spinnrad, S. 5–9, u. ders., Kunsthandwerk, S. 11. Völlig indiskutabel sind die Überlegungen Meiers darüber, daß Jürgen Spinnrad – wie in der älteren Chronistik behauptet wird – das Spinnrad zwar nicht erfunden, aber doch technisch wesentlich verbessert habe. Auch die von Meier vorgenommene Zuschreibung weiterer Grabdenkmäler, die alle nicht aus Braunschweig stammen, an denselben Bildhauer, ist mehr als zweifelhaft. Mit den gleichen Argumenten ließe sich ein Großteil der Epitaphien aus derselben Zeit einem einzigen Meister zuschreiben.
  9. Vgl. Spieß, Ratsherren, S. 176.
  10. Vgl. Reidemeister, Genealogien, S. 113.

Nachweise

  1. Photographie: NLD Hannover, o. Nr.
  2. Sammlung Sack, Nr. 138, Bd. 1, Teil 1 (o. P.); Bd. 3, p. 105f.
  3. Schmidt, Martinskirche, S. 104 (A, D, E, F, G).
  4. Meier, Kunsthandwerk, S. 11 (F, G).
  5. Meier, Grabdenkmalkunst, S. 24 (F, G), Abb. ebd.
  6. Meier, Bildhauer Spinnrad, S. 5, Anm. 1, u. S. 6, Anm. 1–4.
  7. Schultz, Grabmale, S. 7.
  8. Abb.: Meier/Steinacker, Kunstdenkmäler, Abb. 39; Dorn, Kirchen, Abb. 88.

Zitierhinweis:
DI 56, Stadt Braunschweig II, Nr. 475 (Sabine Wehking), in: www.inschriften.net, https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0238-di056g009k0047504.