Die Inschriften der Stadt Braunschweig bis 1528

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 35: Stadt Braunschweig I (1993)

Nr. 409† Burgplatz 2a um 1528

Beschreibung

Hausinschrift. Das zwischen 1524 und 1528 erbaute, neun Fach breite, dreigeschossig mit einem Zwischengeschoß angelegte Huneborstelsche Haus wurde 1901 an seinem alten Standort Sack 5 (ass. 2672) abgebrochen und 1902 mit den beiden reichverzierten Speichergeschossen und dem hohen Dach mit Windelukenerker am Burgplatz wieder aufgestellt. Der eineinhalbgeschossige Unterbau entstand neu, ebenso der geschnitzte Portalbogen mit Einfahrt und Eingang und der darüber angebrachten Inschrift von 19021). Wegen seiner Nutzung durch die Handwerkskammer erhielt das Haus den Namen ‚Gildehaus‘. Nach kriegsbedingter Abnahme und Auslagerung der Schnitzereien 1944 wurde das Haus 1956 in der jetzigen Form wieder aufgebaut. Die heute nicht mehr vorhandene Inschrift wurde in der kurzen Phase zwischen der letzten Renovierung 1890 und dem Abbruch des Hauses 1901 sichtbar gemacht und ist nur auf einer Photographie von 1891 erhalten2). Die in Pflanzenornamentik einbezogenen Schriftbänder befanden sich auf fünf der neun Füllbretter unterhalb des zweiten Speichergeschosses. Sie begannen auf dem äußeren linken Füllbrett unterhalb der geschnitzten Eckfigur eines sitzenden, Dudelsack spielenden Affen und setzten sich, jeweils unterbrochen durch ein nur ornamental bemaltes Füllbrett, bis in das äußere rechte Fach fort. Die farbige Gestaltung der Inschrift ist nicht zu rekonstruieren. An den Hausenden oberhalb des ersten Speichergeschosses links und rechts je ein Wappen.

Inschrift nach Spies.

Schriftart(en): Gotische Minuskel.

  1. Ick · ape /sta · vn(n)a) · gape /de · wyle · ick / maeth · staen /machstu · wyder · ghaen

Übersetzung:

Ich Affe stehe und gaffe. Während ich (hier) stehen bleiben muß, darfst du weitergehen.

Wappen:
Friedrich Huneborstel (links), Anna Grove3).

Kommentar

Friedrich Huneborstel, verheiratet mit Anna Grove, war der Erbauer des Hauses. Er war Kramer von Beruf (1514) und als Ratsherr (1530), Gerichtsherr (1532–1538) und Kämmerer (1538–1551) im Stadtteil Sack bezeugt, in dem sein Haus schräg gegenüber dem Sack-Rathaus stand4). Affe und Esel mit Blasinstrumenten, Spiegeln oder Brillen als Sinnbilder törichten Verhaltens begegnen im geschnitzten Bildprogramm an Braunschweiger Fachwerkhäusern seit dem Ende des 15. Jahrhunderts, besonders aber in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts5). Die Inschrift stellte eine Beziehung zum Betrachter des Schnitzwerks her und bezog ihn in die durch Tierdarstellungen charakterisierte Narrheit ein. Die ältere Datierung des Hauses auf 1536 stützte sich auf datierte, mit ähnlichem Schnitzwerk versehene Fachwerkbauten in und um Braunschweig6). P. J. Meier schrieb mehrere Darstellungen dieser Art dem Bildhauer und Bildschnitzer Simon Stappen zu7), dessen Tätigkeit in Braunschweig jedoch nur an zwei Objekten archivalisch nachzuweisen ist, die gerade nicht in bildnerischer Arbeit an Häusern bestanden8).

Textkritischer Apparat

  1. Auf den Kopf gestelltes n mit Kürzungsstrich.

Anmerkungen

  1. Vgl. Gerd Spies, Das Gildehaus in Braunschweig. Der Fachwerkbau des Patriziers F. Huneborstel, Braunschweig 1983, S. 13–19, 35.
  2. Ebd., Abb. 7, S. 45.
  3. Ebd., Abb. 83f., S. 88f.
  4. Vgl. ebd., S. 12, S. 14f.; Spieß, 1970, S. 137.
  5. Gördelingerstraße 38: Fricke, 1975, Taf. 97a, b; Fallersleber Straße 15: Fricke, 1971, S. 46.
  6. Spies (wie Anm. 1), S. 22f.; Fricke, 1975, S. 151f., nimmt bereits eher 1526 an.
  7. P. J. Meier, 1936, S. 6–10.
  8. Spies (wie Anm. 1), S. 24.

Nachweise

  1. Abb.: Spies (wie Anm. 1), Abb. 7, S. 45.
  2. Lit.: Wie Anm. 1, 6, 7; L[udwig] Winter, Führer durch das Gildehaus in Braunschweig, Braunschweig 1903.

Zitierhinweis:
DI 35, Stadt Braunschweig I, Nr. 409† (Andrea Boockmann), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di035g005k0040905.