Die Inschriften der Stadt Braunschweig bis 1528

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 35: Stadt Braunschweig I (1993)

Nr. 270 Dom St. Blasii 15. Jh.

Beschreibung

Glocke Blasius minimus, im Glockenhaus. Sie ist die älteste Glocke des Geläuts. Bei der Erneuerung der Domglocken in den Jahren 1502 und 1506 wurde sie nicht wie die anderen älteren Glocken eingeschmolzen. Die steilen, mit einem geflochtenen Bandmuster verzierten Kronenbügel1) sind heute nicht mehr vorhanden. Die Inschrift befindet sich auf der Schulter zwischen zwei Doppelstegen. Als Anfangszeichen ein nach links springender Löwe, es folgt eine Rosette. Die Initiale ist spiegelverkehrt und schlangenartig gewunden. Als Worttrenner dienen Sonnenrad, Fabeltiere sowie ein Münzabdruck2). Auf der steilgeschweiften Flanke ein Kreuz, dessen Arme von Medaillons mit den Zeichen der vier Evangelisten gebildet werden; in der Kreuzmitte ein Medaillon mit dem Agnus Dei3). Auf der gegenüberliegenden Seite in drei Medaillons die Hll. Thomas Becket, Blasius und Johannes d. T., darüber, in einem fialengeschmückten Wimperg, eine Darstellung der Vera Icon4). Die Inschrift ist nach Auskunft von Karl Friedrich Waack, Hannover, wegen der Aufhängung der Glocke in großer Höhe nicht zu lesen und abzumessen. Sie wird hier nach einer Zeichnung aus der Slg. Sack wiedergegeben.

Inschrift nach Slg. Sack.

Maße: Dm.: 40 cm.

Schriftart(en): Gotische Minuskel mit Versalie.

  1. · S(anc)tea) · blaci · memento · noctrib) ·

Übersetzung:

Hl. Blasius, gedenke unser.

Kommentar

Die Glocke hieß volkstümlich Adämchen. Man hat daraus geschlossen, daß sie bei Stadtverweisung oder Hinausführung von verurteilten Delinquenten geläutet wurde5), analog zur Austreibung Adams aus dem Paradies. Auch der Glockenspruch, die Anrufung des Blasius als eines der Vierzehn Nothelfer, läßt an die Funktion der Glocke als Schand- oder Gerichtsglocke denken. Diese kleinste und älteste Glocke des Domgeläutes ist bis ins 19. Jahrhundert in ihrem Alter weit überschätzt worden6); gern hätte man sie in die Zeit Heinrichs des Löwen datiert7). Die Verwendung der gotischen Minuskel deutet jedoch auf das 15. Jahrhundert als Entstehungszeit.

Textkritischer Apparat

  1. Nach spiegelverkehrtem S die folgenden Buchstaben hochgestellt mit Kürzungsstrich.
  2. s wird als c geschrieben.

Anmerkungen

  1. Vgl. die Abb. bei Pfeifer, 1927/1928, S. 57, Abb. 1.
  2. Sack sah darin kabbalistische Zeichen; diese Auffassung ist seither übernommen worden. Nach Hach, Abb. 137, stellen sich die Worttrenner als übliche Glockenzier des 15. und 16. Jahrhunderts dar.
  3. Hach, Abb. 147, der sie irrtümlicherweise als die siebte der von Heinrich von Kampen in Braunschweig gegossenen Glocken ansah.
  4. Zeichnung Sack, H V, 129, o. S.
  5. Pfeifer, 1927/1928, S. 58; Quast, S. 49.
  6. Sack, 1849, S. 415.
  7. So Schröder/Assmann 2, S. 143.

Nachweise

  1. Abb.: wie Anm. 1, 4.
  2. Lit.: Sack, H V, 129, o. S.; Schiller, 1852, S. 24; wie Anm. 1, 5–7.

Zitierhinweis:
DI 35, Stadt Braunschweig I, Nr. 270 (Andrea Boockmann), in: www.inschriften.net, https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0238-di035g005k0027007.