Die Inschriften der Stadt Braunschweig bis 1528

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 35: Stadt Braunschweig I (1993)

Nr. 216 Berlin, Kunstgewerbemuseum (1483)

Beschreibung

Reliquienkreuz; Silberblech auf Holzkern, vergoldet; Schaft und Nodus Bronze, Fuß Kupferblech, vergoldet. Der seitlich verlängerte Vierpaßfuß geht in einen rechteckigen, auf den vier Seiten mit Maßwerkfenstern gravierten Schaft über, in dessen Mitte ein breitgedrückter, sechsteiliger Nodus sitzt. Auf den sechs Rotuli sind die Buchstaben des Namens Jesu graviert (A). Darüber steht das an den Seitenwänden mit Korallen, im Rund der Mitte um den Kruzifixus mit Perlen und Steinen besetzte Kreuz. Oberhalb des silbernen, vergoldeten Corpus ein gewundenes, an den Enden gerolltes Titulus-Schriftband (B). Auf die Dreipaßenden des Kreuzstammes und der Kreuzarme sind runde Medaillons aus dunkelblauem Grubenschmelz auf Silbergrund vergoldet und graviert, mit den Evangelistensymbolen und geschwungenen Schriftbändern (C) aufgesetzt. Auf der Rückseite ist die Kreuzmitte in der Form eines byzantinischen Doppelkreuzes ausgehöhlt. Darin befindet sich ein hölzernes Kreuz in gleicher Form, in das vier Partikel vom Kreuz Christi eingelassen sind1). Die sechs Kreuzenden sind in vergoldete Kapseln gefaßt. Auf den Kreuzarmen und am oberen Kreuzstamm werden unter runden Kristallplatten weitere Reliquien der Passion sichtbar2). Am Fuße des Kreuzstammes deckt ein ovaler Kristall einige Stückchen vom Schweißtuch und den Gewändern Christi3). Das Reliquienkreuz gelangte zusammen mit anderen Stücken des Welfenschatzes 1935 durch Kauf des Preußischen Staates an das damalige Schloßmuseum in Berlin (Kunstgewerbemuseum).

Maße: H.: 74,5 cm; Br.: 42,5 cm; Bu.: 1,0–1,2 cm (A); 0,4 cm (B); 0,3 cm (C).

Schriftart(en): Gotische Minuskel.

  1. A

    ihesvs

  2. B

    i(hesvs) n(azarenvs) r(ex) i(vdaeorvm)4)

  3. C1

    s(anctvs) joha(nn)es ev(angel)i(st)a

  4. C2

    s(anctvs) marcvs

  5. C3

    s(anctvs) lvcas

  6. C4

    s(anctvs) mathevs

Kommentar

Das sog. große Reliquienkreuz wurde nach Aussage des Reliquienverzeichnisses im Jahr 1483 hergestellt, wobei die Passionsreliquien aus anderen Reliquiaren entnommen und in das neue Kreuz versetzt wurden5). Der Herstellungsort ist wahrscheinlich Braunschweig6).

Anmerkungen

  1. Darunter ein Leinensäckchen, in dem sich Splitter vom Kreuz befanden, und ein Pergamentzettel mit der Aufschrift de ligno d(omi)ni; Falke/Schmidt/Swarzenski, S. 216; Kötzsche, S. 57.
  2. Mit der jeweiligen Beschriftung auf Pergamentzettel: de spina corona, de lancea, de columpna domini; Kötzsche, S. 58.
  3. Ebd.; mit der Beschriftung auf Pergamentzettel: de sudario d(omi)ni, de tunica d(omi)ni, de clavo d(omi)ni.
  4. Io. 19,19.
  5. Der zeitliche Widerspruch löst sich dadurch, daß das Verzeichnis zu Michaelis 1482 begonnen wurde, am 2. Februar 1483 (Purificationis Mariae) aber noch nicht abgeschlossen oder abgeschrieben war, wie Reliquienverzeichnis von 1482, S. 6 bemerkt. Möglicherweise steht die Fertigung des Kreuzes mit der Anlage des Reliquienverzeichnisses im Zusammenhang, vgl. Kötzsche, S. 57.
  6. Falke/Schmidt/Swarzenski, S. 217; Kötzsche, S. 57, 80.

Nachweise

  1. Abb.: Falke/Schmidt/Swarzenski, Taf. 106; Kötzsche, Abb. 72, 73.
  2. Lit.: Neumann, Nr. 8; Falke/Schmidt/Swarzenski, S. 216f.; Kötzsche, S. 57f., 80.

Zitierhinweis:
DI 35, Stadt Braunschweig I, Nr. 216 (Andrea Boockmann), in: www.inschriften.net, https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0238-di035g005k0021603.