Inschriftenkatalog: Stadt Baden-Baden und Landkreis Rastatt

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 78: Stadt Baden-Baden und Landkreis Rastatt (2009)

Nr. 210 Baden-Baden-Lichtental, Friedhof 2. Jz. 16. Jh., 16.–18. Jh.

Beschreibung

Relieftafel mit der Auferstehung Christi. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wohl vom Alten Friedhof an der Spitalkirche auf den Neuen, den späteren Hauptfriedhof der Stadt verbracht.1 Dort noch im Oktober 1978 gegenüber vom Eingang der Kapelle am westlichen Abhang zwischen den Grabsteinen des Frantz Kaa (gest. 1794) und der Maria Anna Antonia Leiner (gest. 1715) bezeugt.2 Später in die neu errichtete Kapelle des Lichtentaler Friedhofes überführt und hier in der Vorhalle des südlichen Haupteingangs aufgestellt. Roter Sandstein. Im eingetieften Binnenfeld der hochrechteckigen Platte die Auferstehungsszene in teilweise vollplastisch ausgeführtem Hochrelief, überfangen von einem in die Nische eingefügten Spitzbogen mit dreifacher Kehlung und Stabprofilierung. Christus steht auf dem geschlossenen, schräg ins Bild gestellten Sarkophag, hat die Rechte segnend erhoben und hält in der Linken den Kreuzstab mit der Siegesfahne. Um seinen nur mit dem Lendenschurz bekleideten Leib flattert ein weiter Mantel. Vor der Tumba zwei Wächter, die flüchtend aufspringen. Auf der oberen waagerechten Leiste des nach innen mehrfach abgetreppten Rahmens das eingemeißelte Gebet (A). Links neben dem Haupt des Auferstandenen vier mit einer kalkigen Masse erhaben aufgetragene Buchstaben (B), die möglicherweise zeitgleich zu (A) entstanden und heute nur noch in Umrissen erkennbar sind. Später angebrachte Kritzelinschriften finden sich auf der Deckplatte der Tumba links neben dem rechten Fuß Christi (C, D) sowie etwa 50 cm höher zwischen Kreuzstab und Rahmen (E).

Maße: H. 222, B. 111, Bu. 3,5 (A), 6 (B), 3 (C), 2,5 (D), 3,5 cm (E).

Schriftart(en): Kapitalis.

Heidelberger Akademie der Wissenschaften [1/2]

  1. A

    REX · TREME(N)DE · MAIEṢṬẠṬ[IS · QVI · SALVANDOS · SAL]VASa) · GRATIS · SALVA NOSb) · FO(N)S [·] P̣[IETATIS]3)

  2. B

    IOHG4)

  3. C

    [. .]ICH

  4. D

    WO[.]

  5. E

    WẸG

Übersetzung:

König furchteinflößender Größe, der du aus Wohlwollen die Schutzsuchenden errettest, errette uns, Quelle der Gnade (A).

Versmaß: Drei akatalektische trochäische Dimeter mit zweisilbigem Endreim.5

Kommentar

Die Kerben der unverzierten Buchstaben in (A) wurden gleichbleibend schmal geschlagen. Das D ist offen und sein oberer Bogenabschnitt leicht geschwungen ausgeführt. Die Balken am E sind gleich lang, jedoch äußerst kurz bemessen. Das M erscheint sowohl gerade als auch konisch, der Mittelteil endet aber stets im oberen Zeilendrittel. Das N ist retrograd, das O spitzoval, die Cauda des R geschwungen. Als Worttrenner dienen Quadrangel auf halber Zeilenhöhe.

Einige der genannten Buchstabenformen finden sich in vergleichbarer Ausführung auf der Grabplatte für Dietrich Röder von Rodeck den Jüngeren (gest. 1514).6 Dazu gehören das offene D mit dem leicht geschwungenen oberen Bogenabschnitt, die Verwendung eines geraden und eines konischen M und die gleich langen Balken am E. Starke Ähnlichkeiten in der Gestaltung von M und D zeigt auch ein 1520 gefertigter Schlußstein unbekannter Provenienz.7 Zwar reicht die Anzahl der Buchstaben für eine Werkstattzuweisung nicht aus, doch läßt sich aus ihnen mit einiger Wahrscheinlichkeit dieselbe Entstehungszeit ableiten. Ein weiteres Datierungskriterium ergibt sich aus der Auferstehungsszene in Albrecht Dürers Großer Holzschnitt-Passion von 1510.8 Sie bildet nicht die direkte Vorlage für das Relief, bietet aber einige kompositorische und gestalterische Parallelen, die sich indirekt auf die Vorstellung des Bildhauers ausgewirkt haben müssen. Dazu zählt einerseits der faltenreich flatternde und links vom Wind weit emporgetragene Mantel, andererseits die Wiedergabe des Auferstandenen als segnenden und zugleich auf bzw. nur knapp über dem verschlossenen Sarkophag stehenden Sieger über den Tod. In Anbetracht dieser Analogien läßt sich die Zeitstellung der Platte in etwa auf das zweite Jahrzehnt des 16. Jahrhunderts eingrenzen.

Textkritischer Apparat

  1. Ergänzungen nach dem entsprechenden Tropus, vgl. Anm. 3.
  2. So statt ME im Tropus, vgl. Anm. 3.

Anmerkungen

  1. Vgl. Kdm. Baden-Baden 192. Zur zeitlichen Eingrenzung der Überführung auf den Hauptfriedhof vgl. die Notiz auf dem Photo in RP Karlsruhe (Denkmalpflege), Photoarchiv (wie unten): „in der 2. H. 19 Jh. auf Stadtfriedhof verbracht (…).“
  2. Vgl. RP Karlsruhe (Denkmalpflege), Photoarchiv (wie unten); Kdm. Baden-Baden 191f.
  3. Achte Strophe des Tropus „Ad Christum Iudicem“, von 1570 bis 1972 verbindliche Sequenz in der Totenmesse, vgl. AH, Bd. 54, 269–275 nr. 178; Meßbuch 199. S. a. MGG Sachteil, Bd. 2, Sp. 1240–1242 (Lit.); LThK, Bd. 3, Sp. 219 (3. Aufl.); Clemens Blume, Dies irae, Tropus zum „Libera“, dann Sequenz, in: Cäcilienvereins-Organ 49 (1914) 55–64.
  4. Bedeutung nicht entschlüsselt.
  5. Im dritten Vers paßt lediglich die erste kurze Silbe von PIETATIS nicht in das Versmaß.
  6. Vgl. nr. 179.
  7. Vgl. nr. 207.
  8. Vgl. Schiller, Ikonographie, Bd. 3, 82 (Abb. 237). Zur Ikonographie der Auferstehung allg. s. a. LCI, Bd. 1, Sp. 201–218 (Lit.); Helga Möbius, Passion und Auferstehung in Kultur und Kunst des Mittelalters, Wien 1979, Taf. 134–154; Wolfgang Braunfels, Die Auferstehung (Lukas-Bücherei zur christlichen Ikonographie 3), Düsseldorf 1951, passim; Hubert Schrade, Ikonographie der christlichen Kunst. Die Sinngehalte und Gestaltungsformen, Bd. 1: Die Auferstehung Christi, Leipzig 1932, passim.

Nachweise

  1. Kdm. Baden-Baden 192.
  2. RP Karlsruhe (Denkmalpflege), Photoarchiv, o. Neg.-nr. (Aufn. v. Okt. 1978).

Zitierhinweis:
DI 78, Stadt Baden-Baden und Landkreis Rastatt, Nr. 210 (Ilas Bartusch), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di078h017k0021008.