Inschriftenkatalog: Aachen (Stadt)

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 32: Stadt Aachen (1993)

Nr. 6 Burtscheid, St. Johann Baptist Anf. 13. Jh. / nach 1220

Beschreibung

Rahmen einer byzantinischen Nikolaus-Ikone vom Ende des 12. Jh.1) Aachener Werkstatt. Silber vergoldet. Auf dem Rahmen gestanzte Rautenornamente, auf der unteren Leiste in zwei getriebenen Darstellungen mit jeweils zwei Szenen die Legende vom wundertätigen Nikolausbild: Ein Jude vertraut seine Habe dem Schutz eines Nikolausbildes an. Als sie dennoch gestohlen wird, schlägt er das Heiligenbild mit einem Knüppel. Nikolaus jedoch erscheint den Dieben und bewegt sie zur Rückgabe des gestohlenen Gutes. Der Jude bekennt sich daraufhin zum Christentum.2) In den Ecken des Rahmens quadratische Felder mit Amethysten und Bergkristallen. Über den unteren Eckfeldern unter rundbogigen Baldachinen getriebene Brustbilder des hl. Benedikt und des hl. Gregor im Halbprofil mit den ebenfalls getriebenen Umschriften (C) und (D). Der Rahmen wird außen durch eine, innen durch zwei umlaufende, genietete Silberleisten begrenzt. Die innerste Leiste ist, abgesehen von einem neuzeitlichen Restaurierungsvermerk3), unbeschriftet. Inschrift (A) auf der mittleren Leiste umlaufend, in der Mitte oben beginnend. (B) auf der äußeren Leiste, beginnend in der rechten unteren Ecke. Die untere Zeile von (B) ist kopfständig, die obere Textleiste wurde durch eine unbeschriftete ersetzt. Beide Inschriften in Niello. Die beschnittenen und ungeschickt montierten Inschriftenstreifen wurden wahrscheinlich im nachhinein angebracht.4) Durch das Beschneiden wurden mehrere Buchstaben ganz oder teilweise zerstört. Da der Text genau auf die recht seltene Darstellung abgestimmt ist, muß man aber wohl eher mit einer nachträglichen, nicht ganz gelungenen Anfertigung der Streifen speziell für das Nikolausbild rechnen als mit einer Zweitverwendung. Auf der Mitte der vier Rahmenseiten Rundmedaillons mit den Evangelistensymbolen in Niellotechnik. Die Medaillons wurden nachträglich aufgesetzt und verdecken Teile der Inschriften. Die Ikone selbst zeigt ein stark übermaltes Brustbild des hl. Nikolaus in Frontstellung mit einem Buch in der linken Hand, die Rechte zum griechischen Segen erhoben. Links und rechts neben seinem Kopf eine griechische Inschrift.5) Restaurierungen 1706 und 1854.

Maße: H. 35,5 (Rahmen), 4 (Reliefs), B. 26,5 (Rahmen), 3,3 (Reliefs), 0,6 (Leisten), Bu. 0,5 (A, B), 0,3 (C, D) cm.

Schriftart(en): Gotische Majuskel.

AWK NRW, Arbeitsstelle Inschriften [1/5]

  1. A

    VIRTV/TVMa) · PLEN[.]b) NICOLA[.]c) · S/[.]LENDEV[.]d) [..]ONA P(ER) Q(VA)Se) NOSTRAf) DEO PLACEAT DEVO/CIO SVM[..]g)

  2. B

    + CREDIT[A]h) [..]LVNT(VR)i) S(ED) + / CVNCTA DEHI[N]Ck) REFERVNT(VR) + /[..........] / + SUBLATA RE[F]ERRE +

  3. C

    S(AN)C(TV)S GREGORI(VS) AB/ASl)

  4. D

    ABASl) S(AN)C(TV)S BENEDICTm)

Übersetzung:

Das Bild des Nikolaus erstrahlt voller Wundertaten, durch welche unsere Verehrung dem höchsten Gott gefallen möge. Die anvertraute (Habe) wird fortgetragen, aber danach wird alles wieder zurückgebracht...

Versmaß: Leoninische Hexameter (A, B).

Kommentar

In den Inschriften (A) und (B) waren die Worte ursprünglich durch schwarze Punkte voneinander getrennt, die aber bei der Neubefestigung mit kleinen Silberstiften weitgehend verschwanden und nur hinter einigen Wörtern noch erhalten sind.6) Auf der Basis philologischer Überlegungen gelang Könsgen die Wiederherstellung der durch die Art der Montierung verstümmelten Inschrift (A)7): „virtutum plena Nicolai splendet icona8) / per quas nostra Deo placeat devocio summo“. Die metrische Form der Inschrift (A) läßt erwarten, daß auch (B) aus leoninischen Hexametern bestand. Der Rahmen wird in der Literatur einhellig in den Beginn des 13. Jh. datiert. Die Darstellungen des hl. Benedikt und des hl. Gregor, des ersten Burtscheider Abtes, lassen darauf schließen, daß er vor der Umwandlung vom Benediktiner- in ein Zisterzienserinnenkloster, also vor 1220, montiert wurde. Dementsprechend sind auch die Beischriften (C) und (D) dem frühen 13. Jh. zuzuordnen. Die Datierung der Inschriftenleisten muß jedoch davon unabhängig erfolgen, zumal ihre ursprüngliche Zugehörigkeit zum Rahmen fraglich ist. E, H, M und N werden unzial verwendet, wobei der vordere Teil des M stets geschlossen ist. Das E hat bereits einen Abschlußstrich. Der Vergleich mit anderen gravierten bzw. in Niello gearbeiteten Inschriften ähnlicher Provenienz zeigt, daß die systematische Verwendung des geschlossenen unzialen E im allgemeinen nicht vor 1220 einsetzt.9) Man wird daher mit aller Vorsicht auch die Rahmeninschriften nach 1220 ansetzen dürfen. Ein Vergleich der Schrift mit dem um 1230/40 datierten, ebenfalls in Niellotechnik ausgeführten Burtscheider Vortragekreuz läßt nur in beschränktem Maße Übereinstimmungen erkennen. So zeigt die Nikolausinschrift keine Neigung zur Variation der Buchstabenformen, während für das Vortragekreuz aus einem größeren Formenrepertoire geschöpft und etwa neben dem kapitalen auch das unziale D und T benutzt wurde.

Textkritischer Apparat

  1. EVIRTVTVM KDM, Grimme, Schmitz-Cliever.
  2. Schlußbuchstabe zerstört. RLEN[.] Kraus; R[.]LEN KDM, Grimme, Schmitz-Cliever; PLENV[S] Arens; PLEN[A] Könsgen, Krickelberg-Pütz.
  3. NICOLAUS Kraus; NICOLAC KDM; NICOLA[US] Arens; NICOLAS Grimme, Schmitz-Cliever; NICOLA[I] Könsgen, Krickelberg-Pütz. Das in Teilen der Literatur überlieferte U ist nicht in Niellotechnik ausgeführt, sondern als Umrandung einer Niete nachträglich eingeritzt. Eine Verbindung mit dem nachfolgenden S zur Form NICOLAUS kommt deshalb und wegen des zu großen Abstandes des S zum Rest des Wortes nicht in Frage (vgl. Könsgen S. 300, Krickelberg-Pütz S. 40).
  4. Zweites E durch Niete weitgehend verdeckt, V nachträglich eingeritzt. LENDV Kraus; SLENDV KDM, Grimme, Schmitz-Cliever.
  5. Q(VEM) S(IT) KDM, Grimme, Schmitz-Cliever.
  6. [N]OSTRA KDM.
  7. SVQ Kraus, KDM, Grimme, Schmitz-Cliever. Tatsächlich entspricht die Form des M einem Q mit hochgezogener Cauda. Es handelt sich aber wohl um ein fehlerhaft ausgeführtes M mit geschlossenem vorderen Teil und falsch (nämlich von unten) angesetztem zweiten Bogen.
  8. Arens verändert zu TRADITA.
  9. [AB]L[V]VNT(VR) Kraus; [TO]L[V]NT(VR) KDM; TOLLVNTVR Arens; TOLVNT Grimme, Schmitz-Cliever.
  10. DEH[IN]C Kraus.
  11. Sic! ABBAS KDM.
  12. BENEDICTVS KDM.

Anmerkungen

  1. Datierung nach Krickelberg-Pütz, S. 108. Zu den verschiedenen Datierungsvorschlägen in der Literatur, die zwischen dem 4. und 13. Jh. liegen, vgl. ebd. S. 55 ff.
  2. Vgl. LCI 8, Sp. 52.
  3. RENOVATVM 1706“.
  4. Vgl. Krickelberg-Pütz, S. 40.
  5. O AΓΙΟC ΝΙCΟΛΑΟC.
  6. Hinter placeat, virtutum, Nicolai, icona, cuncta und referentur.
  7. Nikolausikone, S. 301f.
  8. Könsgen wählt in Anlehnung an den Bericht bei Cäsarius von Heisterbach die ausgefallene Schreibweise ycona, die aber durch den Buchstabenbestand nicht gesichert ist. In Anbetracht des Umstandes, daß Cäsarius auch den Namen des Heiligen – abweichend von der Graphie der Inschrift – mit y überliefert, ist eine direkte Übernahme der Schreibung vom Nikolausbild eher unwahrscheinlich. Die übliche Schreibweise icona ist deshalb hier vorzuziehen. Vgl. Caesarii Heisterbacensis monachi Dialogus Miraculorum, ed. J. Strange, Köln 1851, ND 1966, Bd. 2, S. 144.
  9. So findet sich am Trierer Kreuzreliquiar (um 1220) nur sporadisch das E mit Abschlußstrich (OE III H 42), während es am Bertinuskelch (1222) bereits systematisch verwendet wird (OE I C 37). Anders verhält es sich mit emaillierten Inschriften, die bereits seit dem Ende des 12. Jh. das E in geschlossener Form aufweisen. Ein früheres Beispiel für das regelmäßige Auftreten des geschlossenen E in gravierten Inschriften bietet ein süditalienisches Kreuzreliquiar von 1214 (OE III H 43), das aber aufgrund seiner Herkunft kaum mit den mittel- und westeuropäischen Stücken vergleichbar ist.

Nachweise

  1. Kraus II, Nr. 497.
  2. KDM 10,2, S. 259f., 262 mit Fig. 120.
  3. Arens, Mosaikbild, S. 196f. mit Abb.
  4. Grimme, Große Jahrhunderte, Abb. S. 51.
  5. Große Kunst, S. 24–26 u. Tf. 23.
  6. Schmitz-Cliever, AKB 34, 1967, S. 245f.
  7. E. Könsgen, Die Inschrift der Burtscheider Nikolausikone, in: RhVjbll. 44, 1980, S. 300–302 (301f. mit Abb.).
  8. A. Krickelberg-Pütz, Die Mosaikikone des hl. Nikolaus in Aachen-Burtscheid, in: AKB 50, 1982, S. 39f. mit Abb.

Zitierhinweis:
DI 32, Stadt Aachen, Nr. 6 (Helga Giersiepen), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di032d002k0000607.