Inschriftenkatalog: Aachen (Stadt)

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 32: Stadt Aachen (1993)

Nr. 10† Fischmarkt 3 (Grashaus) um 1267

Beschreibung

Fassadeninschrift, unter dem Gurtgesims eingehauen und mit roter Farbe ausgefüllt. Älteres Erdgeschoß aus regelmäßigen Sandsteinquadern, jüngeres Obergeschoß aus Backstein. Rundbogendurchgang im Untergeschoß, zwei weitere Rundbögen sind zugemauert. Im oberen Fassadenteil über drei vermauerten Spitzbogenfenstern eine Reihe von sieben Blendarkaden. In deren Nischen Sandsteinfiguren, die auf figural gestalteten Sockeln stehen. Drei der 1,16 m hohen Figuren im Bischofsgewand mit Mitra, die übrigen vier in Rüstung mit kurzem Mantel, umgegürtetem Schwert und einem leeren Wappenschild in der Linken. Die Originalfiguren wurden Ende des 19. Jh. durch Kopien ersetzt und ins Museum verbracht. Sie gingen im Zweiten Weltkrieg verloren. Die Inschrift wurde 1656 beim Stadtbrand zerstört, danach aber wiederhergestellt. Im 19. Jh. befand sich das Gebäude und mit ihm die Inschrift wiederum in einem desolaten Zustand. Seine Restaurierung in den Jahren 1886 bis 1889 war von heftigen Diskussionen über Datierung und Anlage des ursprünglichen Baus1) begleitet. Die Inschrift, deren Rekonstruktion im Zuge der Fassadenrenovierung versucht wurde, erstreckt sich über die gesamte Breite der Fassade.

Ergänzung des Textes 1888 durch Pick.2)

Maße: B. 1245, Bu. ca. 10 cm.

Schriftart(en): Gotische Majuskel.

  1. [V]RB[S · A]QVENSIS · VRBS · REGALIS ·REGN[I SEDES PRINCIPA]LIS ·a)PRIMA · REGVM · CV[RIA]b)3)

    [.........] FECIT · MAGISTER · HE[..........]c)NTE · R[.]GE · RIC[....]d)

Übersetzung:

Stadt Aachen, königliche Stadt, Hauptsitz des Reiches, erste Kurie der Könige.

Versmaß: Stabat-mater-Strophe.

Kommentar

Die Lücken des ersten Teils konnten zweifelsfrei ergänzt werden, da der Text einerseits von à Beeck mitgeteilt wird und andererseits als Sequenz des Karlsoffiziums vielfach in diesem Wortlaut überliefert ist. Die Grashausinschrift bietet nicht nur die erste inschriftlich ausgeführte Fassung, sondern zudem einen besonders frühen Beleg des Textes, dem nur die Überlieferung im Graduale des Arnoldus zeitlich vorangeht.4) Die Ergänzung der Prosainschrift erweist sich als weitaus problematischer. Die Lücke am Beginn des Textes erstreckte sich über 1, 132 m der Fassade. Theisen hat errechnet, daß bei einer durchschnittlichen Breite von 9,4 cm pro Buchstabe zwölf zerstörte Buchstaben anzunehmen sind.5) Die ersten drei bildeten das Ende des Wortes curia, auf das bis zum Beginn des Wortes fecit also neun Buchstaben folgen müßten. Theisen selbst schlug für die Lücke hanc aulam, hanc aedem oder hanc ipsam vor. Rhoen wies darauf hin, daß nicht der gesamte Bau, sondern nur das Obergeschoß als Werk des Baumeisters zu betrachten sei und somit hoc opus die treffendere Ergänzung darstelle.6) Pick wählte für die Ergänzung schließlich die Version hanc domum. Für die folgende Lücke wurde die Zahl von 33 ursprünglich vorhandenen Buchstaben erschlossen, die zunächst den Namen des als magister bezeichneten Erbauers überliefert haben müssen. Die bei der Restaurierung gewählte Ergänzung zu Heinricus ist zwar nicht unwahrscheinlich, jedoch nicht zwingend, zumal ein Magister Heinricus sich quellenmäßig nicht nachweisen läßt. Theisen zog Heribertus in Erwägung, sprach sich wegen der relativen Seltenheit dieses Namens aber auch für Heinricus aus. Möglich ist jedoch auch Hermannus. Für die Ergänzung des restlichen Textes wurde die in Zusammenhang mit dem Inschriftentext bei à Beeck überlieferte Mitteilung herangezogen, daß „versus aedificio publico antiquato praetorio ad forum piscarium sito, anno Domini 1267. Regnante rege Ricardo incisus“. Tatsächlich ist es nicht unwahrscheinlich, daß à Beeck Jahreszahl und Herrscherangabe dem Text der Inschrift entnommen hat. Für Richard von Cornwall lassen sich keine besonders engen Beziehungen zu Aachen nachweisen7), so daß à Beeck für seine Erwähnung vermutlich einen besonderen Anlaß hatte, den ihm vielleicht seine inschriftliche Vorlage geboten hat. Der im 19. Jh. noch vorhandene Buchstabenbestand belegt, daß spätestens im Zuge der Wiederherstellung nach dem Stadtbrand zumindest die Herrscherangabe inschriftlich ausgeführt wurde. Die von Theisen und anderen vorgeschlagene Ergänzung zu regnante rege Ricardo am Ende der Inschrift ist also plausibel. Für die verbleibende Lücke ist mit der Angabe des ebenfalls bei à Beeck überlieferten Baudatums zu rechnen. In welcher Form die Datierung angegeben war, läßt sich nicht mit ausreichender Sicherheit nachvollziehen. Die für die Wiederherstellung gewählte Form anno domini mo cco lxviio ist sicher eine, nicht aber die einzige Möglichkeit.

Das Grashaus war das erste Rathaus der Stadt Aachen, das im 14. Jh. in seiner Funktion weitgehend vom gotischen Rathaus abgelöst wurde. Dennoch diente es weiter als gelegentlicher Versammlungsort des Rates, Ort der Urteilsverkündung des Schöffenstuhles und Gefängnis. Seit 1333 im Besitz der Stadt nachgewiesen, wird es in den städtischen Quellen zunächst als domus civium oder burgerhuys bezeichnet, bevor 1385 erstmals der Name der burger Grass belegt ist.8) Seit 1890 beherbergt das Grashaus das Stadtarchiv.

Die in der Forschung vorherrschende Deutung der Figurenreihe an der Fassade als früheste bekannte Darstellung der sieben Kurfürsten9) wurde neuerdings von Wolf überzeugend korrigiert. Er wies nach, daß in den Figuren der König und seine drei ersten geistlichen und weltlichen Wähler zu sehen sind.10) Fraglich erscheint indessen der von Wolf angenommene konkrete Bezug der Darstellung auf König Rudolf und seine Wähler.11) Inschrift und Figurenreihe betonen die Bedeutung Aachens als Krönungsort der deutschen Könige.12) Die Darstellung ergänzt den Text der Inschrift, die ihrerseits – an einem städtischen Gebäude angebracht – als Ausdruck des städtischen Selbstbewußtseins zu verstehen ist. Der Anspruch Aachens, Krönungsort der deutschen Könige zu sein, ist aber von der konkreten historischen Situation des Jahres 1273 unabhängig. So spiegelt der Figurenzyklus zwar den Entwicklungsstand des Königswahlrechts wider, stellt jedoch wohl den König und seine sechs ersten Wähler allgemein dar, nicht diejenigen Personen, die diese Ämter zur Bauzeit des Grashauses gerade bekleideten.

Textkritischer Apparat

  1. Der zweite Vers fehlt bei Bock, Erhaltung, S. 16.
  2. Im Anschluß überliefert Bock als angeblich letzte lesbare Wörter DECIMO ANNO (Erhaltung). Dieser Lesung widerspricht Haagen ausdrücklich unter Verweis auf eine Untersuchung der Inschrift im Jahre 1855 durch Baurat Ark (Geschichte 1, S. 183).
  3. Lücke von ca. 33 Buchstaben.
  4. Die eckigen Klammern markieren den Erhaltungszustand der Inschrift vor der Restaurierung. Nach Haagen sollen 1855 im Anschluß an die Verse aus dem Karlsoffizium die Worte REGE RICARDO [REGN]ANTE erkennbar gewesen sein (Geschichte 1, S. 180–183).

Anmerkungen

  1. Vgl. Theisen, Richard von Cornwallis, S. 81–83; Pick, AAVerg., S. 213ff.; C. Rhoen, Zur Baugeschichte des Grashauses, AAV 2, 1889, S. 81–89; KDM 10, 3, S. 183–187.
  2. EdG 1888.
  3. Sequenz „De s. Karolo Imperatore“ (Analecta Hymnica 55, S. 225).
  4. Vgl. dazu die Einleitung, S. XXX.
  5. Theisen, Richard von Cornwallis, S. 82.
  6. C. Rhoen, Zur Grashausfrage, Aachen 1892, S. 13.
  7. Theisen, Richard von Cornwallis, S. 82.
  8. Laurent, Stadtrechnungen, S. 107, 111, 274, 336, 409.
  9. Erstmals bei C. P. Bock, Erhaltung (1837). Zuletzt bei Hoffmann, a. a. O., S. 28.
  10. Wolf, Königswähler, S. 17–26.
  11. Ebd. S. 24f.
  12. Nach Hoffmanns Ansicht steht die Darstellung der Königswähler in Zusammenhang mit den Aachener Ansprüchen auf den Sitz des Appellationsgerichts, die nur mit kurfürstlicher Zustimmung durchsetzbar erschienen (a. a. O., S. 31).

Nachweise

  1. à Beeck, p. 15.
  2. C. P. Bock, Für die Erhaltung eines Baudenkmals. Aus dem „Wochenblatte für Aachen und Umgebung“ besonders abgedruckt, Aachen 1837, S. 16.
  3. Ders., Rathhaus, S. 110f.
  4. A. di Miranda (= H. Theisen), Richard von Cornwallis und sein Verhältnis zur Krönungsstadt Aachen, AHVN 35, 1880, S. 81–83.
  5. R. Pick, Die Inschrift am neuen Archivgebäude, EdG 1888, Nr. 290, Bl. 2.
  6. Ders., AAVerg., S. 243 Anm. 3.
  7. KDM 10, 3, S. 186.
  8. Kaemmerer, Quellentexte, S. 190.
  9. P. Hoffmann, Die bildlichen Darstellungen des Kurfürstenkollegiums von den Anfängen bis zum Ende des Hl. Römischen Reiches (13.
  10. 18. Jh.) (Bonner Historische Forschungen 47), Bonn 1982, S. 29.
  11. B. Lermen, „Urbs Aquensis, urbs regalis...“ – die Fassade des Aachener „Grashauses“, in: Aachen. Bilder und Gedanken zur Heimat, Aachen 1989, S. 47.
  12. A. Wolf, Von den Königswählern zum Kurfürstenkolleg. Bilddenkmale als unerkannte Dokumente der Verfassungsgeschichte, in: Wahlen und Wählen im Mittelalter, hrsg. von R. Schneider u. H. Zimmermann (Vorträge und Forschungen XXXVII), Sigmaringen 1990, S. 22.

Zitierhinweis:
DI 32, Stadt Aachen, Nr. 10† (Helga Giersiepen), in: www.inschriften.net, https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0238-di032d002k0001001.