Inschriftenkatalog: Aachen (Dom)

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 31: Aachen (Dom) (1992)

Nr. 28 Dom, Oktogon 1156–11841)

Beschreibung

Kronleuchter Friedrich Barbarossas. Kupfer vergoldet bzw. mit Goldfarbe bemalt2). Auf ein eisernes Gerüst in Form eines flachen Achtpasses sind übereinander zwei Reihen von jeweils acht Kupferstreifen montiert, die zwischen schmalen, mit roter Farbe ausgefüllten Bändern den Text der Inschriften (A) und (B) tragen. Die Konturen der Buchstaben sind eingraviert; die Buchstaben sind mit Braunfirnis, die Wortanfänge mit Rotlack ausgelegt.3) Die einzelnen Verse der metrischen Inschriften sind durch besondere Worttrenner (Kreuze und Sternchen) voneinander getrennt. An die Inschriftenstreifen ist nach außen hin jeweils eine Metallborte mit durchbrochenen ornamentalen Verzierungen angenietet. An den Nasen des Achtpasses befinden sich runde Türmchen, deren Bodenplatten in Gravur Szenen aus dem Leben Christi zeigen: Verkündigung, Geburt, Anbetung der Könige, Kreuzigung (mit Sol und Luna), Frauen am Grab, Himmelfahrt, Pfingsten und eine Maiestas Domini mit den apokalyptischen Buchstaben (O). Dazwischen in der Mitte der Bogensegmente sitzen größere Türmchen, zu denen wechselweise rechteckige oder vierpaßförmige Bodenplatten gehören. Die unterschiedlich gut erhaltenen Platten zeigen gravierte Engel, die Spruchbänder mit den acht Seligpreisungen (F bis N) in den Händen halten. Alle Platten werden seit dem 2. Weltkrieg in der Schatzkammer aufbewahrt. In den Öffnungen der Türmchen befanden sich ursprünglich insgesamt 88 silbergetriebene Figuren, die Ende des 18. Jh. eingeschmolzen wurden. Eine nach unten abgeflachte Kugel verbindet das Tragegestänge mit der Kette. An ihrer Unterseite ist ein Vierpaß mit einer Darstellung des Hl. Michael in Braunfirnis aufgesetzt (dazu Spruchband (D) und Beischrift (C)).

Maße: Dm. 434, Dm. Bodenplatten ca. 20, B. Inschriftenstreifen 9,2, Bu. 6,7 (A, B), 1,2 (C–O) cm.

Schriftart(en): Romanische Majuskel.

Domkapitel Aachen [1/5]

  1. A

    + CELICA · IHERVSALEM · / SIGNATVR · IMAGINE · TALI · /x UISIO · PACIS4) · CERTA · / · QVIETIS · SPES · IBI·NOBIS · /+ ILLEa) · IOHANNESb) · GRACIA · / · CRISTI5) · PRECO · SALVTIS6) · /x QVA(M) · PATRIARCHEc) · QUA(M)Q(VE)d) / · P(RO)PH(ET)E · DENIQ(VE) · VIRTVS · /⋆ LVCIS · APOSTOLICE / · FUNDAVIT · DOGMATE · VITAe) · / + URBEM · SIDEREAf) · LABEN//TEMg) · VIDIT · ABh) · AETTHRA7) · / + AVRO · RIDENTEM · MVNDO · / · GEMMIS · QVE · NITENTEM · / + QVA · NOS · IN · PATRIA · / PRECIBVS · PIA · SISTE · MARIA · /

  2. B

    + CESAR · CATHOLICUS · / ROMANORV(M) · FRIDERIC(VS) /x · SVMVNTi) · MVNERAk) · FORMAMl) · / COGENS · ATTENDERE · CLERV(M) · / + AD TEMPLI · NORMAMm) · SVA / x CVM · SPECIE · NVMERUMn) · /x ISTIVS · OCTOGONEo) / DONV(M) · REGALE · CORONE · /x REX · PIVS · IPSE · PIE / UOVIT · SOLVITQ(VE) · MARIE · /+ ERGO · STELLA · MARIS / · ASTRIS · PREFVLGIDAp) · CLARIS· /+ · SVSCIPE · MVNIFICVM · / · PRECE · DEVOTA · FRIDERICUM · /+ CONREGNATRICEM · SIBI · /IVNGE · SVAM · BEATRICEM · /

  3. C

    · S(ANCTVS) · MICHAHELq) ·

  4. D

    NVNC · FACTA · E(ST) · / SAL(VS) · (ET) · VIRT(VS) · 8)

  5. E

    AVE · MARIA ·

  6. F

    + BEATI · PAVP/ERES · SPIRITV9) ·

  7. G

    BEATI · MITES · / Q(VONIA)M · IPSI · POSS/IDEB(VN)T · TERAM · q)10)

  8. H

    · BEATI · QVI · LVGENT · / Q(VONIA)M · IPSI · C(ON)SOLABVNT(VR)11)

  9. I

    BEATI · Q(VI) · ESURIVNT · (ET)r) / · SICIVNT · IVSTICIAM · Q(VONIAM) · I(PSI) · S(ATVRABVNTVR)12)

  10. K

    BEATI · MISERICORDES · QVO(NIAM) · / IPSI · MIS(ERI)C(OR)DIAM · CONSEQ(VE)NT(VR)13)

  11. L

    + BEATI · MVNDO · CORDE · / QONIAMq) · IPSI · D(EV)M · VIDEBVNT14) ·

  12. M

    · BEATI · PACIFICI · QVONIAM / · FILII · DEI · VOCABVNTVR15)

  13. N

    BEATI · QVI · PERSECVTIONE(M) · PACI/VNTVR · P(RO)PT(ER) · IVSTICIAM · Q(VONIAM) · I(PSORVM) · E(ST) · R(EGNVM) · C(AELORVM) · 16)

  14. O

Übersetzung:

Das Himmlische Jerusalem wird durch dieses Bild bezeichnet, die ‚Erscheinung des Friedens‘: Dort ist sichere Hoffnung auf Ruhe für uns. Jener Johannes, ‚Christi Wohlgefallen‘, der Herold des Heils, sah die Stadt, strahlend vor lauterem Gold und von Edelsteinen gleißend, vom gestirnten Himmel herabschweben, [die Stadt,] die die Patriarchen und die die Propheten, schließlich die Macht des apostolischen Lichts gegründet hat durch Lehre [und] Leben. In diese Heimat bringe uns durch deine Fürbitte, gütige Maria!

Der katholische Kaiser, Friedrich, König der Römer, selbst gottesfürchtig, gelobte und stiftete der gottesfürchtigen Maria die königliche Gabe dieser achteckigen [Lichter-]Krone, wobei er den Klerus anwies, sowohl auf die Gestalt als auch auf die Zahl zu merken: Nach dem Vorbilde des Gotteshauses nimmt seine Schenkung ihre Form. Nimm also, Meeresstern, der du den hellen Sternen voraufleuchtest, den Stifter Friedrich in dein frommes Gebet auf; ihm verbinde seine Mitherrscherin Beatrix!17)

Jetzt ist gekommen das Heil und die Macht.

Selig sind die Armen im Geiste.

Selig sind die Sanftmütigen, denn sie werden die Erde besitzen.

Selig sind, die trauern, denn sie werden getröstet werden.

Selig sind, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit, denn sie werden gesättigt werden.

Selig sind die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit erlangen.

Selig sind, die reinen Herzens sind, denn sie werden Gott schauen.

Selig sind die Friedfertigen, denn sie werden Kinder Gottes genannt werden.

Selig sind, die Verfolgung erleiden um der Gerechtigkeit willen, denn ihnen gehört das Himmelreich.

Versmaß: Leoninische Hexameter (A, B).

Kommentar

Die Übersetzung berücksichtigt einige Textumstellungen im 4. bis 7. Vers von (A) und im 2. bis 5. Vers von (B), die durch eine vom Verfasser nicht beabsichtigte An- bzw. Umordnung entstanden sein müssen. Probleme beim Verständnis der Inschrift (A) stellen sich bei der Frage nach dem Bezugswort des mit quam beginnenden Relativsatzes im 4. und 5. Vers. Da der Bezug auf salutis, den die heutige Textreihenfolge erfordert, keine befriedigende Lesung ergibt, schlägt Bayer eine Umstellung der Verse 4 und 5 hinter die Verse 6 und 7 vor und erhält damit einen klar strukturierten, schlüssigen Text: ... ille Iohannes, Gratia Cristi, preco salutis, / urbem siderea labentem vidit ab aetthra, / auro ridentem mundo gemmisque nitentem, / quam patriarche quamque prophete denique virtus / lucis apostolice fundavit dogmate, vita.18) Der Versuch, die originale Reihenfolge der Verse in (B) wiederherzustellen, wird durch metrische und syntaktische Überlegungen bestimmt. Sie erlauben es, in der folgenden Anordnung die ursprüngliche Fassung zu vermuten: Cesar catholicus, Romanorum Fridericus / rex, pius ipse pie vovit solvitque Marie / istius octogone donum regale corone, / cum specie numerum cogens attendere clerum: / ad templi normam sua sumunt munera formam.19)

Die Schrift ist eine romanische Majuskel, die besonders bei den Inschriftenstreifen durch ihren Variantenreichtum auffällt. Das A wird in sieben, T in fünf, M in vier verschiedenen kapitalen und unzialen bzw. pseudounzialen Formen verwendet. Auch für B, D, E, H, N und U finden die kapitale und die unziale Form Anwendung. C wird in (B) zweimal eckig gebraucht. Einige Hasten, Querstriche und Bögen laufen in Schnörkeln und blattähnlichen Ornamenten aus. Verdickungen und Einschnürungen tragen zum lebhaften Charakter der Schrift bei. Obwohl die Inschriften der Bodenplatten demgegenüber sehr viel schlichter wirken, lassen sich doch einige Parallelen nicht übersehen. So weisen (D), (F), (G) und (M) ebenso wie die beiden großen Inschriften auffällige bogenförmige Hastenansätze beim B, D, N, P und R auf. Auch hier findet sich der Wechsel zwischen Kapital- und Unzialbuchstaben. Allerdings kommen die unzialen Formen von D, H, M, N, T und U wie auch eckiges C nur vereinzelt vor. Die größten paläographischen Übereinstimmungen mit den beiden metrischen Inschriften weist die Inschrift (F) auf, deren pseudounziales A ebenfalls vegetabile Verzierungen trägt. Der schriftgeschichtliche Befund legt die Vermutung nahe, daß an den Inschriften der Bodenplatten zwei Hände beteiligt gewesen sind, von denen vielleicht eine dem Künstler zugewiesen werden könnte, der die großen Inschriften ausgeführt hat. Ein solcher Schluß kann jedoch nur unter größtem Vorbehalt gezogen werden. Die beiden metrischen Inschriften zeigen, welch großer Formenbestand dem Künstler zur Verfügung stand, der bei den wesentlich kürzeren Bodenplatteninschriften gar nicht ausgeschöpft werden konnte. Das Ergebnis der paläographischen Untersuchung wird jedoch durch die stilistische Analyse bestätigt, die nach Minkenberg ebenfalls auf zwei (allerdings derselben Werkstatt zugehörige) Hände hindeutet.20) Als möglicher Meister des Leuchters kommt der im Stiftsnekrolog genannte Wibert in Frage, doch bleibt dessen direkte Beteiligung an der Ausführung unsicher.21)

Textkritischer Apparat

  1. IPSE à Beeck, Schervier, aus’m Weerth.
  2. IOANNES Noppius, Quix, Schervier, Cahier, aus’m Weerth, Kitt.
  3. PROPHETAUIT à Beeck, Noppius, Quix, Schervier, Cahier, aus’m Weerth.
  4. QVAM Bock, Kraus, QUAMQUAM Kitt.
  5. VITAM à Beeck, Noppius, Quix, Schervier, Cahier, aus’m Weerth. VITA(M) Kitt. VITE KDM.
  6. SIDERE aus’m Weerth.
  7. LABENTUM Springsfeld.
  8. IN à Beeck, Noppius, Quix, Schervier, Cahier, aus’m Weerth.
  9. SUMANT Cahier.
  10. MUNIA à Beeck, Noppius, Quix, Schervier, Cahier, aus’m Weerth.
  11. FORMAN aus’m Weerth.
  12. NORMAN aus’m Weerth.
  13. MUNERUM à Beeck, Noppius, Schervier, Cahier, aus’m Weerth. Die herangezogenen Editionen bieten die Verse in der als ursprünglich angenommenen Reihenfolge:CVM SPECIE NVMERVM COGENS ATTENDERE CLERVMAD TEMPLI NORMAM SVA SVMVNT MVNERA FORMAM.SVMVNT SVA statt SVA SVMVNT bei Noppius, Schervier, aus’m Weerth.
  14. OCTOGENAE Noppius, Schervier. OCTOGENE Quix, Cahier, aus’m Weerth.
  15. PRAEFUGIDA Springsfeld.
  16. Sic!
  17. Tachygraphisch.

Anmerkungen

  1. Die Datierung ergibt sich daraus, daß Beatrix als Mitstifterin genannt wird. Sie wurde 1156 mit Friedrich vermählt und verstarb 1184. Ihre Bezeichnung als conregnatrix bietet keinen hinreichenden Anhaltspunkt für eine genauere Datierung (vgl. dazu Bayer, S. 236f.).
  2. Vgl. dazu Bayer, S. 214 Anm. 3.
  3. Nach Bayer sind die Buchstaben lediglich mit schwarzer Farbe ausgefüllt.
  4. Zu Belegen für die Verwendung von visio pacis als lateinische Bezeichnung für Jerusalem vgl. Bayer, S. 230.
  5. Zu gratia Christi als lateinischer Interpretation des Namens Johannes vgl. ebd. S. 231.
  6. Preco salutis ist als Junktur u. a. bei Alkuin mehrfach belegt. Vgl. MGH Poetae I, S. 200, 211, 266, 315, 333, 339 und Bayer, a. a. O.
  7. Zu Anklängen an Vergil (Aen. 3, 585f.; 10, 454) und Prudentius (cath. 9, 75) vgl. Bayer, S. 231f.
  8. Apc. 12,10.
  9. Mt. 5,3.
  10. Mt. 5,4.
  11. Mt. 5,5.
  12. Mt. 5,6.
  13. Mt. 5,7.
  14. Mt. 5,8.
  15. Mt. 5,9.
  16. Mt. 5,10.
  17. Übersetzung nach Bayer, S. 227.
  18. Bayer, S. 223ff. Vgl. ebd. S. 220f. zur literarischen Auseinandersetzung um die richtige Lesung des Textes.
  19. Bayer, S. 223ff. Vgl. dort S. 229ff. zur Interpretation der metrischen Inschriften.
  20. Minkenberg, a. a. O., S. 88.
  21. Teichmann, Totenbuch, S. 70: „Item Wibertus ... maximam operam et maximum laborem ad opus corone ... adhibuit“.

Nachweise

  1. à Beeck, p. 52.
  2. Noppius, S. 24f.
  3. Quix, Münsterkirche, S. 10.
  4. Schervier, Münsterkirche, S. 7.
  5. Ch. Cahier, Couronne de lumière d'Aix-la-Chapelle, et monuments analogues du moyen âge, in: Ch. Cahier/A. Martin, Mélanges d'archéologie, d'histoire et de littérature 3, Paris 1853, S. 38 Anm. 3.
  6. aus’m Weerth, Kunstdenkmäler 1, 2, S. 99f.
  7. F. Bock, Der Kronleuchter Kaiser Friedrich Barbarossas, Leipzig 1864, S. 27, 31 u. Tf. 8–16.
  8. Kraus II, Nr. 485.
  9. KDM 10,1, S. 139f.
  10. A. Kitt, Der frühromanische Kronleuchter und seine Symbolik, Phil. Diss. mschr. Wien, 1944, S. 1f. - Springsfeld, S. 365f.
  11. C. Bayer, Die beiden großen Inschriften des Barbarossa-Leuchters, in: Celica Iherusalem. Festschrift für Erich Stephany, hg. v. C. Bayer, T. Jülich, M. Kuhl, Köln/Siegburg 1986, S. 213–240 (218ff.).
  12. G. Minkenberg, Der Barbarossaleuchter im Dom zu Aachen, ZAGV 96, 1989, S. 69–102 (74, 76, 84–88).

Zitierhinweis:
DI 31, Aachen (Dom), Nr. 28 (Helga Giersiepen), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di031d001k0002808.