Inschriftenkatalog: Aachen (Dom)

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 31: Aachen (Dom) (1992)

Nr. 26 Dom, Schatzkammer 3. Viertel 12. Jh.1)

Beschreibung

Reliquienkasten des hl. Spes. Holzkern, mit Elfenbein beschlagen. Silbervergoldete Beschläge verbinden die Seiten des rechteckigen, schmucklosen Kastens und diesen mit dem Sockel. Die deutlich vorstehenden, abgeschrägten Boden- und Deckelplatten sind an den Seiten mit einem geometrisch ornamentierten Metallband aus vergoldetem Kupfer beschlagen. Eine Schmalseite trägt die Inschrift zwischen Linien in das Band eingraviert. Auf die Deckelkehlung ist ein metallener Schmuckfries aufgesetzt.

Maße: H. 34, B. 51, T. 32,2, B. (Metallband) 2,6, Bu. 0,9 cm.

Schriftart(en): Romanische Majuskel.

AWK NRW, Arbeitsstelle Inschriften [1/1]

  1. IN ISTA CAPSA CONTINENTVR RELIQVIE ET OSSA SANCTI SPEI / EPISCOPI ET CONFESSORIS CV(M) CETERIS ALIIS RELIQVIIS2)

Übersetzung:

In diesem Schrein sind die Reliquien und Gebeine des hl. Bischofs und Bekenners Spes mit weiteren Reliquien umschlossen.

Kommentar

Die Konturen der Buchstaben sind doppelt eingraviert, der Zwischenraum ist in der jeweiligen Strichrichtung schraffiert. Der Schaft des T verbreitert sich nach unten, um dann spitz zuzulaufen. Das A hat einen gebrochenen Quer- und einen breiten Deckbalken, R eine kurze, geschwungene Cauda. Der obere Querbalken des F ist rüsselartig fast bis auf die Zeile heruntergezogen. Die schmalen Buchstaben, insbesondere das spitzovale, thetaförmige O, weisen auf eine Entstehung der Inschrift im süditalienisch-sizilischen Raum hin.3)

Spes, Bischof von Spoleto, verstarb im 5. Jh. an einem 23. November nach 32jährigem Episkopat.4) Der Reliquienkasten enthält die Gebeine des Heiligen mit Ausnahme des Kopfes sowie drei Stoffe. Ein bei der Öffnung des Schreines 1874 gefundener Beizettel zu den Aachener Reliquien trägt in der Schrift des 9. oder 10. Jh.5) denselben Text wie das Epitaph des Heiligen in der Kirche S. Pietro in Spoleto.6) Wann die Reliquien nach Aachen gelangt sind, ist unsicher.7) Das älteste Reliquienverzeichnis erwähnt sie nicht, doch bezeugt Lampert von Hersfeld ihre Existenz in Aachen im 11. Jh., als König Heinrich IV. „Aquasgrani8) profectus sanctum Speum confessorem ...accepit atque in Hartesburg transtulit.“9) Vermutlich wurden damals nur Partikel der Reliquien abgegeben, denn 1076 wurde in der Marienkirche ein Altar konsekriert, in dem u. a. Spes-Reliquien niedergelegt wurden.10)

Anmerkungen

  1. Datierung nach Grimme, Domschatz. Die ältere Literatur datiert in den Anfang des 13. Jh. (Bock, Pfalzkapelle I, S. 142f.; KDM; Kraus, a. a. O.).
  2. Den Rest der Zeile füllt ein graviertes Rankenornament aus.
  3. Vgl. Kloos, Einführung, S. 129. Einen ähnlichen Schriftcharakter weist ein süditalienisches Kreuzreliquiar vom Anfang des 13. Jh. auf (OE III, H 43 mit Abb. S. 133).
  4. Leclercq in DACL 15,2, ‚Spolètes‘, Sp. 1639f., 1644.
  5. Angabe nach Kessel, S. 116.
  6. Depositio sancte memorie venerabilis Speis aepiscopi die VIIII Kal(endas) Dec(em)b(ris) qui vixit in sacerdotio annis XXXII.“
  7. Vgl. dazu C. d'Angela, Il vescovo Spes e la basilica spoletina dei SS. Apostoli, Atti del 9 congresso internazionale di studi sull’ alto medioevo Bd. II, Spoleto 1983, S. 856ff.
  8. Sic!
  9. Lampert von Hersfeld, Annales ad a. 1072, MGH SS rer. Germ. in usum schol., S. 135f.
  10. Quix, Cod. dipl. Nr. 43, S. 31. Vgl. W. Levison/A. Schulte, Das Verzeichnis der königlichen Tafelgüter von 1064/65 und seine Handschrift, NA 41, 1917, S. 557–577 (569).

Nachweise

  1. Kraus II, Nr. 493.
  2. Kessel, Geschichtliche Mittheilungen, S. 115.
  3. Grimme, Domschatz, Nr. 38.
  4. KDM 10,1, S. 223.

Zitierhinweis:
DI 31, Aachen (Dom), Nr. 26 (Helga Giersiepen), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di031d001k0002604.