Inschriftenkatalog: Aachen (Dom)

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 31: Aachen (Dom) (1992)

Nr. 94 Dom, Nikolauskapelle nach 1528/1534

Beschreibung

Epitaph des Johannes Pollart im Altarraum. Kupfer, z. T. vergoldet. Die obere Hälfte der Platte wird von einer figürlichen Darstellung in Anspruch genommen. Unter gotischem Ziermaßwerk steht Maria mit dem Kinde; über ihrem Kopf schweben Engel. Rechts von ihr watet der heilige Christophorus im Wasser, links empfiehlt Johannes der Täufer den vor ihm knienden Verstorbenen der Gottesmutter. Die unterhalb der bildlichen Darstellung befindliche Inschrift (A) wird von Vollwappen unter Renaissancebögen eingerahmt. Das untere Viertel des Epitaphs mit der Inschrift (B) wurde nachträglich angesetzt. Das Textfeld wird hier von zwei gewirtelten Säulen gerahmt. Ein mit Blütenornamenten verzierter, neuer Holzrahmen umgibt das Epitaph. Die Buchstaben sind kräftig erhaben.

Maße: H. 164, B. 86, Bu. 1,6 cm.

Schriftart(en): Gotische Minuskel.

AWK NRW, Arbeitsstelle Inschriften [1/1]

  1. A

    Ada) laude(m) omnipote(n)tis dei Beate Marie celoru(m) regi/ne omniu(m)q(ue) sanctoru(m) ac pro sue et omniu(m) christi fi=/deliu(m) animaru(m) salute Venerabilis dominus Joha(n)/nes pollart huius Insignis ecclesie Canonicus Ju/bileusb) cuius proximo sub lapide corpus recondi=/turc) Missam cotidiana(m)d) a duobus vicissim pres=/bijteris hic ad aram sancti Materni data benedic=/cione sum(m)e misse continuo celebranda(m) instituit / Nec no(n) et divini cultus augendi gratia undecimu(m) / in choro vicarium ordine presbyteru(m) perpetuo / fundavit Rebus ab humanis exemptus1) Anno / cristie) MCCCCCf) 34g) mensis Septembrisg) die 24g) orate pro eo

  2. B

    hic suum celebravit Jubileu(m) An(n)o d(omi)ni MDXIII die nove(m)bris XX // Idem subinde fundator quo maiestatem / altissimi pleniori demereret obsequio · aliud / quoq(ue) in choro huius insignis Regiiq(ue) te(m)pli / sacrificiu(m) eodem temporis articulo i(n)choa(n)dum / a duobus itidem sacellanis vicissim deo opti=/mo maximo2) quotidie im(m)olandu(m) pia largitate sua / dotavit Duodecimum ceteris adiiciens vicarium / divinish) laudibus i(n)terdiu noctuq(ue) concine(n)dis ob/noxiu(m) · Qui et feria sexta ilico post primu(m) psalmu(m) / primi nocturni matutinalis officii missa(m) ibi pas/sioni dominice peculiare(m) i(n)cipiet · utii) latius hec pu/blicisk) credita sunt monume(n)tis · Vale candide lec/tor et piis manibus requie(m) precare se(m)piternam

Übersetzung:

Zum Lobe des allmächtigen Gottes, der seligen Maria, der Himmelskönigin, und aller Heiligen sowie für sein und aller Christgläubigen Seelenheil hat der ehrwürdige Herr Johannes Pollart, Jubilarkanoniker dieser hervorragenden Kirche, dessen Körper unter dem nächsten Stein beigesetzt wird, angeordnet, daß fortwährend von zwei Priestern abwechselnd hier am Altar des heiligen Maternus nach Erteilung des Segens im Hochamt eine tägliche Messe gefeiert werden soll. Darüber hinaus hat er zur Förderung des Gottesdienstes die Stelle eines elften Chorvikars im Priesterrang für alle Zeit gestiftet. Er wurde von den menschlichen Dingen befreit im Jahre des Herrn 1534 am 24. Tag des Monats September. Betet für ihn.

Er feierte sein Jubiläum im Jahre des Herrn 1513 am 20. November. Derselbe hat bald darauf, damit er sich durch größere Verehrung um die Majestät verdient mache, als Stifter in seiner frommen Freigebigkeit noch ein weiteres (Meß-)Opfer dotiert, das im Chor dieser hochberühmten und königlichen Kirche zu demselben Zeitpunkt begonnen und ebenfalls von zwei Kaplänen abwechselnd dem besten, höchsten Gott geopfert werden soll, wobei er zu den übrigen einen zwölften Vikar hinzufügte, der zur Teilnahme an dem Tag und Nacht zu singenden Gotteslob verpflichtet ist. Dieser wird auch am Freitag sogleich nach dem ersten Psalm der ersten Nokturn der Matutin dort die Votivmesse vom Leiden des Herrn beginnen, wie dies ausführlicher urkundlich festgelegt ist.3) Lebe wohl, rechtschaffener Leser, und bitte mit frommen Händen um die ewige Ruhe.

Wappen:
Petershem, Pollart

Kommentar

Die Form der Buchstaben ist klar und schnörkellos, auf Kürzungen wurde weitgehend verzichtet. Das Todesdatum wurde nachgetragen; offenbar wurde das Epitaph also bereits zu Lebzeiten des Johannes Pollart angefertigt.4) Die im Text erwähnte Meßstiftung am Maternusaltar, die am 28. Juli 1528 erfolgte, kann dabei als Terminus post quem herangezogen werden. Pollart selbst verfügte testamentarisch, daß eine Tafel an seinem Grab seine Stiftungen vermerken sollte: „Collectis praenominatis in quadam Tabella Sepulchro meo appendenda conscriptis“.5) Dies mag der Grund für den umfangreichen Nachtrag in Form der Inschrift (B) gewesen sein, die einen zweiten in sich abgeschlossenen Text darstellt. Die Mitteilung des Kanonikerjubiläums wurde in kleineren Buchstaben unmittelbar der Inschrift (A) angeschlossen und fand noch auf der ursprünglichen Platte Platz. Aus inhaltlichen Gründen muß man sie jedoch bereits als Beginn der Inschrift (B) verstehen, da die vorausgehende Aufforderung zum Gebet eine typische Schlußformel für Epitaphien darstellt. Die in (B) erwähnte Stiftung bezieht sich wohl auf den Peter- und Paulsaltar.6)

Auch paläographisch hebt sich die Inschrift (B) von (A) ab. Die Buchstaben sind gestreckter, die Rundungen der Versalien durch zwei parallele Schrägstriche verziert. Die sprachliche Form des zweiten Textes bezeugt, daß der Verfasser ein Leser der klassischen Autoren war. Die Anrede candide lector findet sich zweimal bei Ovid7), die Junktur pleniori demereret obsequio ist Quintilian entlehnt.8) Es liegt nahe, in dem humanistisch gebildeten Leonard Priccard den Verfasser des Textes zu vermuten.9) Priccard war einer der beiden Testamentsvollstrecker des Verstorbenen10), woraus man auf ein vertrauensvolles Verhältnis zwischen beiden schließen kann. Zudem trägt der ihm zugeschriebene Text der Inschrift auf der Marienglocke (Nr. 99) ebenfalls ausgeprägte humanistische Züge.

Johannes Pollart wurde 1463 im Alter von knapp 14 Jahren als Kanoniker des Marienstifts zugelassen. Er war eines von mehreren Mitgliedern der Familie Pollart, die im Stiftskapitel nachweisbar sind, darunter sein Bruder Hugo.11) Die im Text erwähnte Grabplatte befindet sich heute vor der Westwand der Kapelle.12)

Textkritischer Apparat

  1. In PSHAL.
  2. jubilarius Bock, PSHAL.
  3. recunditur PSHAL.
  4. cottidianam Bock.
  5. Sic!
  6. et add. PSHAL.
  7. Nachträglich eingefügt.
  8. dominis KDM.
  9. ut KDM.
  10. puplicis Faymonville.

Anmerkungen

  1. Belege für die Verwendung dieser Formel in mittelalterlichen Quellen im Lexicon Latinitatis Nederlandicae III, S. 1883.
  2. Deo optimo maximo, in der Antike zum epigraphischen Formelgut gehörig, wird seit dem 16. Jh. von den Verfassern inschriftlicher Texte rezipiert. Es wird üblicherweise nur (meist in gekürzter Form) als Anrufung verwendet, ist aber in zwei weiteren Aachener Inschriften ebenfalls in den Satz integriert (Nr. 108, DI Aachen/Stadt, Nr. 186).
  3. Zu Belegen für monumentum (publicum) i. S. von ‚Urkunde‘ vgl. Georges 2, Sp. 1001; Heumann/Seckel, S. 350. Der Text nimmt Bezug auf die ausführlichen Darlegungen zu den Stiftungen des Johannes Pollart in den betreffenden Dotationsurkunden und in seinem Testament (DomA IV. 5. Nr. 6, IV. 6. B. Nr. 1–13, II. A. b. 11. Nr. 1I–II).
  4. Ein weiteres Indiz dafür ist die Verwendung des Präsens bei der Angabe des Begräbnisortes (reconditur).
  5. DomA II. A. b. 11. Nr. 1I.
  6. DomA II. A. b. 11. Nr. 1I.
  7. Trist. 1, 11, 35; 4, 10, 132. Ein Beleg für das Mittelalter findet sich bei Smaragdus, Carm. 1, 1, 47. Vgl. Martial, Epigr. VII, 99, 5: lector candidus. In Aachen hat die Anrede in der Folge noch zweimal Eingang in Epitaphientexte des 16. Jh. gefunden. Vgl. Nr. 106 und 109.
  8. Inst. 1, Pr. 3: pleniori obsequio demererer. Bei Quintilian wird obsequium im Sinne von ‚Nachgiebigkeit‘, ‚Gefälligkeit‘ gebraucht.
  9. Zu Priccard vgl. Nr. 99.
  10. DomA IV. 5. Nr. 6.
  11. Offergeld, S. 658f.
  12. Vgl. Nr. 97.

Nachweise

  1. Bock, Baudenkmale I, Nr. 9 und Fig. 9.
  2. Ders., Pfalzkapelle II, S. 123–125 und Fig. LXIV.
  3. PSHAL IX, 1872, S. 353. (Alle nur bis die novembris XX).
  4. Faymonville, Dom, S. 319 und Fig. 148.
  5. KDM 10, 1, S. 152.

Zitierhinweis:
DI 31, Aachen (Dom), Nr. 94 (Helga Giersiepen), in: www.inschriften.net, https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0238-di031d001k0009409.