Inschriftenkatalog: Aachen (Dom)

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 31: Aachen (Dom) (1992)

Nr. 42† Dom, Vorhalle 1367 oder später

Beschreibung

Tumbenplatte (?) vom Grab des Gerhard Chorus in der nordöstlichen Ecke der Vorhalle. In die etwa 50–60 cm über dem Fußbodenniveau liegende Deckplatte aus Blaustein1) war eine Tafel aus Kupfer2) oder Messing3) mit der Inschrift eingelegt. 1788 wurde die Tumba bei Arbeiten am Fußboden der Vorhalle zerstört. Bereits zuvor war die Metallplatte mit der Inschrift verkauft worden.4) 1843 wurden bei Grabungen an der Grabstelle Gebeine aufgefunden, die als vermutliche Überreste des Gerhard Chorus in einem Bleibehälter dort erneut beigesetzt wurden.5) 1914 wurde eine neue Bronzeplatte mit demselben Text über der Grabstätte an der Wand der Vorhalle angebracht.

Wortlaut nach à Beeck.

  1. Gerardus Chorus, miles virtute sonorus,magnanimus multum, scelus hic non liquit inultum,in populo magnus, in clero mitis ut agnus.Urbem dilexit et gentem splendide rexit,quem Deus a poena liberet barathrique gehenna.

Übersetzung:

Gerhard Chorus, aufgrund seiner Tugend ein Ritter mit klangvollem Namen,

sehr hochherzig, ließ dieser kein Vergehen ungestraft,

[war] im Volke mächtig, im Klerus sanft wie ein Lamm.

Er liebte die Stadt und regierte die Gemeinde glänzend;

Gott möge ihn von der Strafe und der Hölle des Abgrundes befreien.

Versmaß: Leoninische Hexameter.

Kommentar

Die Inschrift nennt weder das Todesdatum, noch bezeichnet sie die Grabstätte. Es ist daher nicht auszuschließen, daß à Beeck und Noppius nicht den vollen Text der Grabschrift überliefern. Möglicherweise handelt es sich aber auch nicht um deren ursprüngliche Form, sondern um das Ergebnis einer nachträglichen Umgestaltung der Grabstätte. Zwei weitere mit Metall belegte steinerne Grabplatten sind aus dem 15. Jh. erhalten6), zudem wurden seit dem Aufblühen der Aachener Messingindustrie mehrere metallene Epitaphien hergestellt.7) Es ist also denkbar, daß auch die Inschriftenplatte für Chorus erst im 15. Jh. nachgefertigt wurde.

Gerhard Chorus bekleidete in den Jahren 1326/27, 1338/39, 1342/43, 1346/47 und 1351/52 das Bürgermeisteramt.8) 1332 und 1337 ist er als Meier und Vogt, seit 1357 als Schöffe belegt.9) 1332 wird Chorus erstmals als miles bezeichnet.10) Der dritte Vers der Grabschrift spielt wohl auf die Verdienste des Verstorbenen um eine Einigung zwischen Stadt und Klerus an, die infolge der Auseinandersetzung zwischen Kaiser und Papst zerstritten waren.11) Eine direkte Beteiligung des Gerhard Chorus an der Planung und Durchführung der großen Aachener Bauprojekte des 14. Jh.12), wie sie in der Literatur im allgemeinen vermutet wird, ist quellenmäßig nicht belegt.13) 1367 starb Chorus, das Burtscheider Totenbuch nennt ihn am 20. April.14)

Bereits Lersch wies auf Parallelen zwischen der Chorus-Grabschrift und einem Vers auf den Münsteraner Bischof Ludwig II. (†1357) hin, der allerdings nicht inschriftlich ausgeführt war.15) Die Übereinstimmungen lassen noch nicht auf eine Abhängigkeit der Texte voneinander, sondern eher auf den formelhaften Charakter der Verse schließen.

Anmerkungen

  1. Noppius, S. 21, spricht von einem „grossen blawen Grabstein“.
  2. à Beeck, p. 48; Noppius, S. 21.
  3. StA Meyer, Hs. 259,f. 16v: „auf welchen ehedem eine messingene Platte eingegossen, und hierinnen diese Reime ausgegraben waren“. Ob Meyer selbst die Platte noch gesehen hat, ist nicht bekannt. Zum Zeitpunkt der Niederschrift seines Manuskripts war sie offenbar nicht mehr vorhanden.
  4. Buchkremer, Baugeschichte, S. 271.
  5. Birmanns, a. a. O., S. 64f.
  6. Vgl. Nr. 61 (1433), DI Aachen/Stadt, Nr. 38 (1481).
  7. Vgl. Nr. 72 (1487), 107 (1559), 108 (1560), 109 (1560).
  8. Birmanns, a. a. O., S. 28–30.
  9. Birmanns, a. a. O., S. 28 u. 32; von Coels, Schöffen, S. 105.
  10. Birmanns, a. a. O., S. 23.
  11. Vgl. dazu Birmanns, a. a. O., S. 24–26.
  12. Im 14. Jh. entstanden der zweite Ring der Stadtmauer und das gotische Rathaus, zudem wurde der Bau des gotischen Chores der Marienkirche begonnen.
  13. Birmanns, a. a. O., S. 53–57.
  14. F. X. Bosbach, Das älteste Burtscheider Nekrologium, ZAGV 20, 1898, S. 90–178 (121).
  15. „Clerum dilexit et miliciam bene rexitHic passus multa, que non permisit inulta.“ Der Vers ist in einer Chronik der Bischöfe von Münster überliefert (Die Münsterischen Chroniken des Mittelalters, hrsg. v. J. Ficker (Die Geschichtsquellen des Bisthums Münster I), Münster 1851, S. 50). Lersch, a.a.O.

Nachweise

  1. à Beeck, p. 48.
  2. Noppius, S. 21.
  3. StA, Meyer, Hs. 259,f. 16v.
  4. B. M. Lersch, Die Grabschrift des Gerhard Chorus, AAV 3, 1890, S. 15.
  5. Faymonville, Dom, S. 163.
  6. KDM 10,1, S. 151.
  7. M. Birmanns, Ritter Gerhard Chorus, Bürgermeister von Aachen, Aachen 1913, S. 62.

Zitierhinweis:
DI 31, Aachen (Dom), Nr. 42† (Helga Giersiepen), in: www.inschriften.net, https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0238-di031d001k0004208.