Inschriftenkatalog: Aachen (Dom)

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 31: Aachen (Dom) (1992)

Nr. 40 Dom, Schatzkammer vor 1367

Beschreibung

Reliquienostensorium für Reliquien König Stephans von Ungarn. Ungarn oder Wien. Silber vergoldet. Auf dem sechspaßförmigen Fuß wechseln gravierte Pflanzenornamente mit emaillierten Wappen ab. Jeweils einmal ist das Wappen König Ludwigs von Ungarn, die dazugehörige Helmzier sowie das polnische Wappen auf den Fuß aufgesetzt. Darüber ein sechsseitiger Schaft mit durchbrochen gearbeitetem Nodus. Auf den Rotuli die Inschrift auf schwarzem Emailgrund. Das runde Ostensorium aus Bergkristall trägt einen sechsseitigen, geschindelten Turmhelm, der von dem doppelarmigen Patriarchenkreuz überragt wird.

Maße: H. 32,5, Dm. (Fuß) 10,7, Bu. 0,6 cm.

Schriftart(en): Gotische Majuskel.

  1. IHESVS

Wappen:
König Ludwig von Ungarn (in gespaltenem Schild rechts das Wappen von Ungarn, links das der sizilianischen Dynastie der Anjous)
Königreich Polen

Kommentar

Das Ostensorium gehört zu den Schenkungen Ludwigs von Ungarn für die Ungarische Kapelle der Marienkirche. Das Vorkommen des polnischen Wappens hat zu der Annahme geführt, das Reliquiar sei erst nach der Krönung Ludwigs zum polnischen König im Jahre 1370 entstanden.1) Dem widerspricht jedoch der Umstand, daß bereits eine Schenkungsliste aus dem Jahre 1367 drei Reliquienmonstranzen u. a. mit den Stephansreliquien aufführt2) und ein Inventar aus dem Jahre 1381 denselben Bestand verzeichnet.3) Es ist zu vermuten, daß die im Erbfolgevertrag von Visegrád (1339) getroffene Nachfolgeregelung der Grund für die Verwendung des polnischen Wappens ist. Danach sollte die polnische Krone im Falle des Todes König Kasimirs ohne legitimen männlichen Erben an die ungarischen Anjous übergehen.4) In den sechziger Jahren des 14. Jh. mußte Ludwig sein Erbe als gefährdet betrachten, da Kasimir in zunehmendem Maße seinen Enkel Kaźko von Pommern-Stolp favorisierte. Dieser wurde von seinem Großvater adoptiert5) und erhielt vertraglich die Nachfolge Ludwigs auf dem polnischen Thron zugesichert. Vielleicht war es diese Entwicklung, die Ludwig dazu bewog, durch die gleichberechtigte Verwendung des polnischen und des ungarischen Wappens seine Rechtsansprüche zu demonstrieren.6)

Anmerkungen

  1. Bock, Pfalzkapelle II, S. 78f.; Grimme, Domschatz.
  2. Fejér, Cod. dipl. Hung. IX, 4, S. 91.
  3. Ebd. S. 525. Die Urkunde ist auch abgedruckt bei Reumont, ZAGV 3, 1881, S. 122. Die einzige Erweiterung der Schenkung zwischen 1367 und 1381 bestand in zwei wertvoll verzierten Chorkappen (vgl. Nr. 43).
  4. P. W. Knoll, Louis the Great and Casimir of Poland, in: Louis the Great, King of Hungary and Poland, ed. S.B. Vardy/G. Grosschmid/L.S. Domonkos, New York 1986, S. 105–127 (109).
  5. Kloczowski, Louis the Great, S. 130. Das genaue Adoptionsjahr ist nicht pberliefert. 1368, aber auch 1364 oder bereits 1360 kommen in Frage.
  6. Es trifft aber nicht zu, daß „sämtliche noch vorhandenen Pretiosen [der Ungarischen Kapelle] auch den Polnischen Adler tragen“ (St. Szigeti, Ludwig d. Gr. und Aachen, in: Louis the Great, King of Hungary and Poland, ed. S.B. Vardy/G. Grosschmid/L.S. Domonkos, New York 1986, S. 265–282 (275)).

Nachweise

  1. Kessel, Geschichtliche Mittheilungen, S. 98.
  2. Bock, Reliquienschatz, S. 31.
  3. Grimme, Domschatz, Nr. 76.

Zitierhinweis:
DI 31, Aachen (Dom), Nr. 40 (Helga Giersiepen), in: www.inschriften.net, https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0238-di031d001k0004004.