Inschriftenkatalog: Aachen (Dom)

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 31: Aachen Dom (1992)

Nr. 10 Wien, Weltliche Schatzkammer 1. Drittel 9. Jh.1)

Beschreibung

Stephansburse. Lindenholzkern, mit Goldblech und vergoldetem Silberblech verkleidet. In den Holzkern sind mehrere Vertiefungen zur Aufbewahrung von (heute größtenteils verlorenen) Reliquien eingearbeitet. Die Vorderseite des Bursenreliquiars ist mit Edelsteinen und Perlen besetzt. Die silbervergoldete Verkleidung der Rückseite stammt aus dem ersten Drittel des 19. Jh. Das Goldblech der schmalen Seitenwände ist mit Rundmedaillons bedeckt, die über ein Model geschlagen wurden. Sie zeigen insgesamt zweimal einen Vogelschützen, viermal einen Fischer, sechsmal einen Reiter. Acht paarweise nebeneinander angeordnete Medaillons (vier auf jeder Schmalseite) tragen die Darstellung einer Rachegöttin mit Pfeil und Bogen und der Beischrift. Eine Kopie der Stephansburse befindet sich im Besitz der Stadt Aachen.

Maße: H. 34, B. 21, T. 7,2, Bu. 0,2 cm.

Schriftart(en): Kapitalis.

  1. MALIS / VIN/DICTA2)

Übersetzung:

Den Schlechten Strafe!

Kommentar

Die Darstellungen auf den Medaillons gehen auf Vorbilder der römischen Antike zurück. Sie werden aber in einen christlichen Zusammenhang eingefügt, so daß man vindicta wohl in christlichem Sinne als ‚Strafe‘, nicht als ‚Rache‘ interpretieren muß.3) Die Buchstaben sind nur schwach erhaben und teilweise stark verdrückt. Der Querstrich des A fehlt. Die Stephansburse, die mit dem Blut des Heiligen getränkte Erde enthalten haben soll, gehörte zu den Reichsinsignien und stand bei Königskrönungen auf dem Marienaltar.4) 1794 wurde sie nach Paderborn geflüchtet, vier Jahre später von dort nach Hildesheim gebracht und gelangte zu Beginn des 19. Jh. nach Wien.5)

Anmerkungen

  1. Die Datierung folgt der neueren Auffassung in der Kunstwissenschaft, die Rosenbergs Datierung in das 3. Viertel des 9. Jh. ablehnt. Vgl. dazu K. H. Usener, Zur Datierung der Stephansbursa, Miscellanea pro arte. Hermann Schnitzler zur Vollendung des 60. Lebensjahres am 13. Januar 1965 (Schriften des Pro Arte Medii Aevi 1), Düsseldorf 1965, S. 37–44; Rosenberg, a. a. O.
  2. Vgl. Sir. 12,4: „Et impiis et peccatoribus reddet vindictam“.
  3. Vgl. Blaise, Vocabulaire, S. 171 Anm. 8, 272.
  4. Schramm/Mütherich, Denkmale I, S. 122.
  5. Schramm, Herrschaftszeichen II, S. 491 Anm. 4.

Nachweise

  1. Bock, Pfalzkapelle I, S. 160.
  2. Beissel, Aachenfahrt, S. 4.
  3. M. Rosenberg, Das Stephansreliquiar im Lichte des Utrechtpsalters, Jb. der Preuß. Kunstsammlungen 43, 1922, S. 181 u. Abb. 11–16.
  4. H. Fillitz, Neue Forschungen zu den Reichskleinodien, ÖZKD 12, 1958, S. 81 Abb. 104f.
  5. Ders., Die Schatzkammer in Wien, Wien/München 1964, S. 52 Nr. 161.
  6. Schramm/Mütherich, Denkmale I, Nr. 24 u. Tf. S. 229.

Zitierhinweis:
DI 31, Aachen Dom, Nr. 10 (Helga Giersiepen), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di031d001k0001006.