Inschriftenkatalog: Stadt Zeitz

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 52: Stadt Zeitz (2001)

Nr. 57 Schloßkirche Ende 15. Jh.

Beschreibung

Schriftband unter der Figur eines Fuhrmannes (H. 38 cm). Eingehauene Inschrift. Figur und Schriftband sind aus dem südlichen Dienst des westlichen Gurtbogens der Südseite der Kirche herausgearbeitet und über die Empore zugänglich. Die gut erhaltene Figur hält in der linken Hand eine zweispännige Deichselwaage, in der rechten eine Peitsche.1)

Maße: B. 17 cm; H. 13 cm; Bu. 1,5–2 cm.

Schriftart(en): Gotische Minuskel mit Versal der gotischen Majuskel.

DI 52, Nr. 57 - Schloßkirche - Ende 15. Jh.

 BBAW Berlin, Inschriftenprojekt (Thomas Kreil) [1/1]

  1. Ich · heyse · keselib

Kommentar

Der Sage nach handelt es sich bei der Figur um einen Fuhrmann aus Rasberg, der mit solchem Eifer Steine zum Bau der Kirche gefahren haben soll, daß er dabei sein gesamtes Vermögen verbrauchte und ihm nur Deichselwaage und Peitsche blieben. Grund für diesen Eifer soll Buße für den heidnischen Lebenswandel seiner Tochter gewesen sein. Die Sage wird in Varianten mehr oder minder ausführlich erzählt und findet sich in einer Vielzahl Zeitzer Heimatliteratur, von der unten lediglich die Arbeiten zitiert werden, in denen auch die Inschrift genannt ist. Schulz hält als Entstehungszeit von Figur und Inschrift die Mitte des 15.Jahrhunderts für wahrscheinlich. Das war die Zeit der gründlichen Instandsetzung und der Verbreiterung der Kirche und des Baues der über dem Kreuzgang errichteten Empore. Den Daten der Schlußsteine zufolge erstreckte sich diese Bauphase von vor 1444 bis 1497. Schulz hält die Abbildung eines bei den Bauarbeiten beteiligten Fuhrmannes für möglich.2) Die Sage entstand demnach erst später.3)

Anmerkungen

  1. Nach Müller, Der Zeitzer Aristophanes, in: Zeitzer Heimat 2, 1955, S. 14, hat Schloßprediger Friedrich Teller (geboren 1735, gestorben 1816) die Abbildung der Fuhrmannsfigur bis 1815 als Schloßkirchensiegel benutzt.
  2. Vielleicht handelt es sich dabei um eine Künstlerlaune, wie sie Hamann-MacLean definierte: „Von Künstlerlaunen können wir sprechen, wenn ... es sich ikonographisch ... um Ausgefallenes, Einmaliges handelt oder um Lösungen, die im Widerspruch zum Herkommen stehen, gängige formale Logik in Frage stellen oder ironisieren und ... Neugier wecken ...“ (Hamann-MacLean, Künstlerlaunen im Mittelalter, in: Skulptur des Mittelalters, Funktion und Gestalt, hg. Fr. Möbius, Weimar 1987, S. 438). Die eindeutig auf die Figur bezogene Inschrift scheint ein Einzelfall zu sein, der Spekulationen und die Entstehung von Sagen zusätzlich gefördert hat.
  3. Schulz, Der Käselieb im Peter-Pauls-Dom zu Zeitz, in: Zeitzer Heimat H. 3, 1955, S. 82.

Nachweise

  1. Zader/O II, S. 16.
  2. Zader/O/StArZz III, S. 7.
  3. Zader/O/StdtArZz, Buch 3, fol. 496.
  4. Zader/StArZz, S. 7.
  5. Zader/Grubner III, S. 10.
  6. Liebner, Bd. 7, S. 2.
  7. Kdm., S. 47.
  8. Krebs, S. 135.
  9. Zergiebel III, S. 122.
  10. Brinkmann, Peter- und Paulsdom, S. 35.
  11. Zeitzer Sagen. Der Bau der Stiftskirche (Schloßkirche) oder Johann Käselieb, in: Mk. Zeitz Nr. 91, 1928, S. 255.
  12. Schulz, Der Käselieb im Peter-Pauls-Dom zu Zeitz, in: Zeitzer Heimat H. 3, 1955, S. 82.
  13. Schloß Moritzburg und seine Kirche, in: U.H.i.B., Nr. 2, 1927, S. 6.

Zitierhinweis:
DI 52, Stadt Zeitz, Nr. 57 (Martina Voigt), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di052b007k0005705.