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DI 66: Lkr. Göttingen (2006)

Nr. 82 Reinhausen, ev.-luth. Kirche St. Christophorus 1498

Beschreibung

Triptychon. Holz, geschnitzt und farbig gefaßt, mit Gemälden. Im 18. Jahrhundert wurde der Altar anläßlich der Errichtung eines Kanzelaltars in verschiedene Teile zerlegt, die einzeln in der Kirche angebracht wurden, und 1885 in seiner heutigen Form wieder zusammengefügt.1) Der ursprüngliche Mittelteil des Schreins ist verloren, an seiner Stelle befindet sich heute ein barocker Kruzifixus vor einem erneuerten Kreuz, unter dem Kreuz die 1885 zur Vervollständigung des Altars angefertigten Figuren der Maria und des Johannes.2) Anstelle der Kreuzigungsgruppe befand sich ursprünglich sicherlich eine geschnitzte Mariendarstellung, da die Rahmeninschriften den Altar eindeutig als Marienaltar ausweisen. Links im Schrein in Nischen oben Katharina, unten Magdalena, rechts oben Barbara, unten Cyriacus. Die Figuren stehen auf Sockeln, die mit gemalten Inschriften in Schwarz auf Silber versehen sind (A). Zwischen den Figuren und der Kreuzigungsdarstellung stehen vor den begrenzenden Leisten vier Engel auf Postamenten.

Die Altarflügel sind beidseitig bemalt. Auf den Innenseiten links oben die Verkündigung, der Engel mit Schriftband, darauf die Inschrift B mit schwarzen Buchstaben und roter Initiale auf weißem Grund, unten die Geburt Christi, über der Darstellung drei Engel mit einem Notenblatt, darauf – für den Betrachter auf dem Kopf stehend – die Inschrift C, rechts oben die Heimsuchung, rechts unten die Anbetung durch die Heiligen Drei Könige. Auf den Flügelaußenseiten in zwei Reihen übereinander jeweils drei Apostel mit ihren Attributen,3) die oben auf dem Rahmen bzw. auf einer die beiden Reihen trennenden gemalten Leiste namentlich bezeichnet sind (oben links D, oben rechts E, unten links F, unten rechts G). Zwischen den Namen gemalte Blumen, die sich auch auf den äußeren Rahmenleisten finden. Die Apostel Petrus, Andreas, Jacobus maior, Johannes, Thomas, Jacobus minor, Simon und Judas Thaddäus tragen auch Namensbeischriften auf den Gewandsäumen (H), die in der unteren Reihe des linken Flügels dargestellten Apostel sind ebenso wie der Apostel Matthias in der unteren Reihe rechts nicht durch Gewandsauminschriften gekennzeichnet.

Auf den oberen Rahmenleisten der Innenseite der Flügel und des Mittelteils ist durchlaufend die Inschrift I einpunziert, die im Mittelteil des Schreins ober- und unterhalb der Kreuzigungsgruppe durch ein eingefügtes Ornamentband unterbrochen ist, offenbar weil man bei der Zusammensetzung des Altars 1885 nicht in der Lage war, das hier ausgefallene lange Textstück zu ergänzen. Auf der Innenseite des linken Flügels ist in den Steg zwischen den beiden Darstellungen oben und unten die Inschrift J einpunziert, auf dem rechten Flügel an entsprechender Stelle die Inschrift K. Unten verläuft über die Rahmenleisten der Flügelinnenseiten und des Mittelteils die einpunzierte Inschrift L, die in der Mitte ebenfalls eine große mit einem Ornamentband gefüllte Fehlstelle aufweist. Auf den Außenseiten der Flügel in Weiß auf rotem Grund die gemalte Inschrift M.

Maße: H.: 190 cm; B.: 180 cm (Schrein); Bu.: 2,3 cm (A, B), 0,4 cm (C), 3 cm (D–G, J, K, M), 1,7 cm (H), 2,4 cm (I, L).

Schriftart(en): Gotische Minuskel mit Versalien (A, B, D–G, M), Minuskel (C), frühhumanistische Kapitalis (H–L).

  1. A

    S(an)c(t)a · katerina · ora · p(ro nobis)4) // S(an)c(t)a · maria · magdalena · // S(an)c(t)a · barbara · virgo // S(an)c(tu)s · ciriacus . mar(tyr)

  2. B

    Ave gracia plena d(omi)n(u)s tecv(m) 5)

  3. C

    gloria i(n) exelsis deo 6)

  4. D

    S · petrus // S · andreas // S · iacob(us) a a)

  5. E

    S · Johannes // S · thomas // S · Jacob(us) b · a)

  6. F

    · S · bartolome(us) // · S · philippus // · S · matheus

  7. G

    · S · Simon // S · Judas tade(us) // S · mathias

  8. H

    S PETRVS // S ANDREAS A(POSTOLVS) // IACOBVS MAIOR APOST(OLVS)

  9. S IOHANNES · EVA(NGELISTA) // S T(O)MAS · APPOST[..] // S IACOB[V]S MIN(OR)

  10. SIMON A[..]OST(OLVS) // S IVDA[S] TADEVS

  11. I

    SALVE · REGINA · MATER · MISERICORDIE · VITA · DVLCED[O]b) // SPES NOSTER [ – – – ]MENTESc) · ET FLENTES d) · // IN · HAC · LACRIMARVM · VALLE · EYAe) · ERGO · ADVOCf) · 7)

  12. J

    TOTA · PVLCRA · ES · AMICA · MEA · ET · Mg) 8)

  13. K

    O · FLORE(N)S · ROSA · MATERh) · DOMINI · i) 9)

  14. L

    AVE · SANCTISSI(M)A · MARIA · MATERh) · DEI · REGINA · CELI // PORTA · PARADISI [ – – – ]j) SINE · PECCATOk) // TV · PEPERISTI · CREATOREM · ET · SALVATOREM · MVNDI · IN QVO l) 10)

  15. M

    · Anno · d(omi)ni · 1498m) · (com)pletumn) · est · hec · tabella // Jno) honore · gloriosep) · marie · virgini(s)q) ·

Übersetzung:

Heilige Katharina, bete für uns. Heilige Maria Magdalena. Heilige Jungfrau Barbara. Heiliger Märtyrer Cyriacus. (A)

Sei gegrüßt, Gnadenreiche, der Herr sei mit dir. (B)

Ehre sei Gott in der Höhe. (C)

Sei gegrüßt, Königin, Mutter der Barmherzigkeit, Leben, Liebreiz, unsere Hoffnung, (zu dir rufen wir verbannten Kinder Evas, zu dir seufzen wir) Klagenden und Weinenden in diesem Tal der Tränen. Wohlan denn, (unsere) Fürsprecherin. (I)

Vollkommen schön bist du, meine Freundin, und (an dir ist kein Makel). (J)

O blühende Rose, Mutter des Herrn. (K)

Sei gegrüßt, heiligste Maria, Mutter Gottes, Königin des Himmels, Pforte des Paradieses, (Herrin der Welt, du bist die einzigartig reine Jungfrau, du hast Jesus) ohne Sünde (empfangen), du hast den Schöpfer und Erretter der Welt geboren, an dem (ich nicht zweifele). (L)

Im Jahr des Herrn 1498 wurde diese Tafel vollendet zur Ehre der ruhmreichen Jungfrau Maria. (M)

Kommentar

Die Worttrenner sowohl in den einpunzierten als auch in den gemalten Inschriften in Form von Quadrangeln mit Zierhäkchen nach oben und unten. Die Ausführung der Inschriften H–L in einer besonderen Form der frühhumanistischen Kapitalis stimmt mit den entsprechenden Inschriften auf den Rahmenleisten des Flügelaltars aus Göttingen-Geismar (heute Städtisches Museum Göttingen) überein, der von Bartold Kastrop signiert ist.11) Die Buchstaben sind in einer breit angelegten Kontur ausgeführt, die typischen Merkmale der frühhumanistischen Kapitalis wie epsilonförmiges E oder retrogrades N finden sich hier noch nicht, lediglich A mit weit überstehendem Deckbalken und gebrochenem Mittelbalken, eingerolltes G und konisches M mit sehr kurzem Mittelteil sowie ein kleiner Nodus nach rechts am I. Die Schräghasten sind keilförmig verbreitert, Haste und Balken des L blattähnlich als geschwungene Schwellform, an den Enden eingekerbt, die Cauda des R tropfenförmig verdickt. Bei der frühhumanistischen Kapitalis auf dem von Kastrop signierten Altar in Hetjershausen (Nr. 116) handelt es sich dagegen um eine weiterentwickelte, elegantere Form mit hohen schlanken Buchstaben und epsilonförmigem E.

Die Inschriften H–M belegen eindeutig, daß es sich bei dem Altar ursprünglich um einen Marienaltar gehandelt hat, in dessen Mittelteil eine Maria in der Mandorla oder eine Marienkrönung stand. Wie die beiden signierten Marienaltäre aus Göttingen-Geismar und Hetjershausen wird auch der Reinhäuser Altar in seinen plastischen Bestandteilen dem Göttinger Bildhauer Bartold Kastrop zugeschrieben, wofür sowohl die bereits beschriebene Ausführung der Inschriften als auch Übereinstimmungen in der Gestaltung der Heiligenfiguren und des Maßwerks sprechen.12) Die Gemälde der Innen- und Außenseiten des Altars schreibt Gmelin zwei verschiedenen Meistern zu, die sich jedoch nicht bestimmen lassen.13) Dem Gemälde der Anbetung durch die Heiligen Drei Könige liegt ein Stich Martin Schongauers zugrunde, der bei der Umsetzung in das Gemälde vereinfacht wurde.14) Der Marienaltar ist in einer nur noch als Abschrift überlieferten Ablaßurkunde von 1499 erwähnt, in der denjenigen ein 40tägiger Ablaß gewährt wurde, die vor der neu geweihten Tafel mit geschnitzen und gemalten Bildern der Jungfrau Maria fünf Pater Noster und fünf Ave Maria beteten.15) Die Weihe des Altars nahm der Generalvikar des Mainzer Erzbischofs und Titularbischof von Sidon Johannes vor.

Textkritischer Apparat

  1. a mit hochgestelltem Häkchen dahinter zur Unterscheidung von dem mit b gekennzeichneten Jacobus minor. Eine entsprechende Kennzeichnung des Jacobus minor auch auf dem von Kastrop gefertigten und signierten Altar in Hetjershausen von 1509 (Nr. 116).
  2. SALVE ... DVLCED[O]] ave. regina. maria. misere./cordie. vita. dvlcis Gmelin.
  3. Zur Ergänzung des Textes vgl. Anm. 7.
  4. ...MENTES ET FLENTES] (dole)ntes et . flentis Gmelin.
  5. EYA] filia Gmelin.
  6. ADVOC] atvoc Gmelin. Zu ergänzen zu ADVOCATA NOSTRA.
  7. M] em Gmelin. Danach Ende der Leiste, zu ergänzen zu MACVLA NON EST IN TE.
  8. MATER] marta Gmelin.
  9. Hinter DOMINI . ein Zeichen in Form eines großen us-Kürzels, wohl stellvertretend für SPECIOSA, danach Ende der Leiste.
  10. Zur Ergänzung des Textes vgl. Anm. 10.
  11. SINE PECCATO] Fehlt Gmelin.
  12. Ende der Leiste, zu ergänzen: EGO NON DVBITO.
  13. Schlingenförmige 4.
  14. (com)pletum] pictum Lücke, Müller, Gmelin. Dem l fehlt die Oberlänge, vermutlich falsch restauriert. Grammatisch korrekt wäre completa.
  15. Jn] Fehlt bei Gmelin.
  16. gloriose] gloriole Gmelin.
  17. Das s fehlt möglicherweise aufgrund falscher Restaurierung.

Anmerkungen

  1. Vgl. dazu Gmelin, Tafelmalerei, S. 537.
  2. Vgl. Müller, Klosterkirche, S. 9. Die Figuren der Maria und des Johannes sind auf den Sockeln namentlich bezeichnet durch die Tituli S(an)c(t )a . maria . und S(an)c(tu)s . iohannes, die den spätgotischen Tituli entsprechen.
  3. Die Attribute der durch Beischriften und Gewandsauminschriften namentlich gekennzeichneten Apostel Judas Thaddäus (eigentlich eine Säge) und Simon (eigentlich eine Keule) sind vertauscht.
  4. Lit. Text, Allerheiligenlitanei.
  5. Lc. 1,28.
  6. Incipit des Gloria im Ordo missae, nach Lc. 2,14.
  7. Antiphon des Hermannus Contractus: Salve regina misericordiae / vita dulcedo et spes nostra salve / ad te clamamus exsules filii Evae / ad te suspiramus gementes et flentes / in hac lacrimarum valle / eia ergo advocata nostra, vgl. Register Analecta Hymnica, Bd. 1, S. 853, Nr. 23969, u. Dreves, Hymnendichtung, Bd. 2, S. 156.
  8. Ct. 4,7.
  9. Antiphon des Hermannus Contractus: O florens rosa, /domini mater speciosa, vgl. Register Analecta Hymnica, Bd. 1, S. 663, Nr. 18478.
  10. Antiphon: Ave sanctissima Maria / mater Dei regina coeli / porta paradisi domina mundi / tu es singularis virgo pura / tu concepisti Jesum sine peccato / tu peperisti creatorem et salvator mundi / in quo ego non dubito; der Beginn auch auf dem von Kastrop signierten Altar in Hetjershausen Nr. 116. Der Text ist in den einschlägigen liturgischen Nachschlagewerken nicht nachzuweisen. Er wurde jedoch von Heinrich Isaac (ca. 1450–1517) vertont und war in der Zeit um 1500 durchaus verbreitet. Gedr. in: Responsoria noviter cum notis expressis ..., Nürnberg, Johannes Stuchs, 1509, fol. 122r/v; nachgewiesen durch Emma Clare Kemson, The Motets of Henricus Isaac (c. 1450–1517): Transmission, Structure and Function. Diss. Kings College London 1998, Bd. 1, S. 177–183. Für den Nachweis danke ich Herrn Prof. Dr. Martin Staehelin (Göttingen).
  11. Vgl. DI 19 (Stadt Göttingen), Nr. 57 mit Abb. auf Tafel XII.
  12. Vgl. Gmelin, Tafelmalerei, S. 537.
  13. Ebd.
  14. Max Lehrs, Geschichte und kritischer Katalog des deutschen, niederländischen und französischen Kupferstichs im XV. Jahrhundert. Tafelbd. 5, Wien 1925, Tafel 132.
  15. UB Reinhausen, Nr. 406.

Nachweise

  1. Mithoff, Kunstdenkmale, S. 182 (A unvollständig, B, H und K unvollständig).
  2. Lücke, Garte, S. 190 (L).
  3. Schlotter, Reinhausen, S. 33 (B).
  4. Lücke, Klöster, S. 24 (K, L), Abb. Nr. 6.
  5. Fahlbusch, Landkreis, S. 47f. (L).
  6. Gmelin, Tafelmalerei, Nr. 179, S. 536f., Abb. 179.1 (B), 179.5–8 (D–H).
  7. Ulbrich, Reinhausen, S. 25 (K, L).

Zitierhinweis:
DI 66, Lkr. Göttingen, Nr. 82 (Sabine Wehking), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di066g012k0008203.