Inschriftenkatalog: Stadt Worms

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 29: Worms (1991)

Nr. 477 Worms-Herrnsheim, kath. Pfarrkirche (1553)/1561/(1594)

Beschreibung

Epitaph Georg Kämmerers von Worms gen. von Dalberg und seiner beiden Frauen Anna geb. von Flersheim und Elisabeth geb. Ulner von Dieburg, die Westwand der Grabkapelle einnehmend. Mehrgliedriges Grabmal aus hellgelbem Sandstein mit Anbetungsszene in reicher Renaissancearchitektur. Zehnzeilige Grabinschrift (A) in gerahmter Schiefer(?)tafel als Sockel des Kruzifixes, über dem der segnende Gottvater mit der Taube in einer Wolkenglorie thront, darüber im Rundbogen Spruch (E). Eingerahmt von Wappenpilastern, die oben in wappentragende niedrigere Rundbögen übergehen, kniet die Familie beiderseits der heiligen Dreifaltigkeit, links der Ritter in prunkvoller Rüstung mit fünf Söhnen, davon zwei gerüstet, rechts die beiden Gemahlinnen und sieben Töchter sowie ein Hund. Zu Füßen des Kreuzes liegt ein Totenschädel, rechts daneben ein Stundenglas; dahinter schaut beiderseits eine gerahmte Tafel mit einem Spruch hervor (B). Unter den seitlichen Rundbögen befinden sich ebenfalls in gerahmten Tafeln Sprüche (C,D). Die mittleren Pilaster stehen auf Löwenkopfsockeln und tragen unter geflügelten Puttoköpfen hängend vegetabiles Ornament sowie Gebein links und Stundenglas rechts. Die seitlichen Rundbögen sind mit Lilien und Rankenornament geschmückt. Bis auf die beiden jeweils oberen Wappen waren alle ursprünglich mit Beischriften versehen. Alle Schriften stehen golden ausgemalt auf schwarzem Grund, die unteren Wappen sind nicht vollständig.

Maße: H. ca. 440, B. ca. 390, Bu. 9,5 (A), 8,2 (B), 5,7 (C,D),? cm (E).

Schriftart(en): Kapitalis.

DI 29, Nr.477 - Worms-Herrnsheim, kath. Pfarrkirche - (1553)/1561/(1594)

 Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz (Dr. Rüdiger Fuchs) [1/6]

  1. A

    AN(N)O · 1·561 · DEN · 2 · TAG · IVNII · IST · IN · GOT · SELLIGLICH · VND / CHRISTLICH · VERSCHIDEN · DER · EDELL · VND · ERNVEST · IORG / KEMERER · VO(N) · WORMBSa) · GENANT · VO(N) · DALBERGK SEINES ALTERS / 51 · IAR · LEIGTb) · AVCH · ALHI · BEGRABE(N) · SA(M)PT SEINE(N) · ZWEIE(N) · EHEGEMAL = /HE(N) · VND · ZWOELFF · KINDER(N) · DI · ALLE · ERZEVGT · MIT · DER · EDEEENc) · VND / DVGENTHAFTIGE(N) · FRAWE(N) · ANNA · VO(N) · DALBERGK · GEBORNE VON / FLERSHEIM · DIE · VERSCHIEDE(N) IST VF · SIMONIS ET IVDE OBENT · I(M) IAR / 1·5·53 · VND · DI · EDLE DVGENTHAFTIG · FRAW ELISABET VO(N) DALBERGK / GEBORNE · EWLERIN VO(N) DIPVRGK · I(M) IAR ·1·5· 〈94· DEN 18 MAŸ.〉 VERSCHIDEN / DERE(N) · SELE(N) · ALLEN · GOT · GENEDIG · SEI · VND · EIN · FROELICHE · VRSTENT · VERLIHE · A(MEN) ·

  2. B

    DEN · KINDERN · HER · //d) GABEST · DV · DEINE(N) · SEGENMIT · GNADEN · WOLLEST · // AVCH · VNSER · PFLEGENVND · VNS · BESCHEREN // NACH · DE(M) WILLEN · DEINWAS · VNSER · SELL(N)e) · HEILL // MAG · NVTZ SEIN ·VND · ZV · LETZT · NACH · // DISE(M) · ZEITLICHEN · GEBENMIT · VNSEREN · ELTERN // DAS · EWIG · LEBEN · A(MEN)

  3. C

    DER · DV · AM · CREVTZ · O · IHESV · CHRISTGELITTEN · HAST · VND · GESTORBEN · BISTVMB · VNSER · VND · VNSERER · SVNDEN · WILLENDA · MIT · DEINES · VATTERS · ZORN · ZV · STILLENICH · BIT · HERR · LAS · DI · SELLE · MEIN ·DEINES · LEIDENS · AVCH · TEILHAFT · SEINDARVFF · ICH · DAN · MEIN · HOFFNVNG · STELTDA · ICH · NOCH · LEBT · IN · DISER · WELLT

  4. D

    ERLOSER · MENSCHLICHS · GESCHLECHTS · VF · ERDE(N)DER · NEMANDTS · WIL · VERLORE(N) · LASE · WERDENDVRCH · DEIN · MARTER · LEIDEN · CREVTZ · VND · DOTHERLOESS · VNS · HER · VON · ALLER · NOTHVND · VERLEIHE · VNS · DVRCH · DEIN · BAR(M)HERTZIGKAITDIE · EWIG · FRAEIDb) · VND · SELLIGKAITTSOLCHS · GLAVB · ICH · FEST · ZV · ALLER · FRISTDAN · DV · MEIN · ERLOSER · O · IHESV · CHRIST

  5. E

    HIE · HANGT · AM · CREVTZ · MEIN · GELIEBTER · SON ·AN · DEM · ICH · EIN · WOLGEFALLENS · HAN /WER · IHN · HOERT · VND · SEIN · WORT · GLAVBT ·WIRDT · MEINER · GNADEN NIT · BERAVBT /SONDER · HABEN · EWIGS · LEBEN ·WERDTS · EVCH · VON · SEINET · WEGEN · GEBE(N)f)

Datum: 27. Oktober 1553.

Wappen und Beischriften:
Flersheim1) Kämmerer von Worms gen. v. Dalberg1)
SickingenHelmstatt
GREIFFENCLA[W]KRANCH5)
HOMBERGK2)RACZENHAVSE(N)
HELMSTATRANDECK
SIEN ENSBVRGK6)
MECKENHEIM3) leer7)
BOS V. WALDECK4) LEWENSTEIN4)

Kommentar

Das nachgetragene Todesdatum der Elisabeth geb. Ulner und die Informationsreihenfolge zeigen, daß das Grabdenkmal nach dem Tode Georg Kämmerers geschaffen wurde. Dieser zeitliche Ansatz läßt sich gut mit der Zuschreibung an den Meister des Heppenheim-Grabmales im Wormser Dom, nämlich an Endres Wolff aus Heilbronn, den Schüler Dietrich Schros, vereinbaren.8) Bis auf die letzte weisen alle Inschriften in klarer Kapitalis raumsparende Ligaturen, Inserierungen und Einstellungen auf. Zu dem heute grau gestrichenen Grabmal mit nur geringen Farbresten und wenigen bunten Wappen stehen die goldenen Buchstaben auf schwarzem Grund in kräftigem Kontrast.

Jörg/Georg Kämmerer war der Sohn Wolffs d.J. (†1523) und der Agnes von Sickingen, die beide in Oppenheim bestattet sind; von ihm existierte ebendort ein Totenschild.9) In erster Ehe war er vermählt mit Anna von Flersheim, Tochter Bechtolfs und der Elisabeth von Helmstatt,10) in zweiter Ehe mit Elisabeth Ulner von Dieburg, Tochter Ulrichs und der Margarete Kämmerer von Worms gen. von Dalberg;11) ihre dritte Ehe schloß sie mit Wolff Kämmerer von Worms gen. von Dalberg und wurde in der Kämmerer-Grablege in der Wormser Martinskirche bestattet.12)

Die mehrzeiligen Sprüche der Inschriften B bis E sind in Deutschen Reimen abgefaßt und kreisen um das Thema der Erlösung in Preis Christi, Bitten um Erlösung und Heilsgewißheit. Enge Anlehnung an die Bibel besteht nur in dem Wort Gottes in E, das eine Kontamination aus mehreren neutestamentlichen Zitaten darstellt und in seinem ersten Teil stammen könnte aus Mt. 3,17; Mk. 1,11; Lk. 3,22; 2. Pe. 1,17; die Aufforderung zu hören schließt an bei Mt. 17,5; Mk. 9,7; Lk. 9,35; die Heilsverheißung kommt Joh. 5,24 nahe und befindet sich auch auf dem künstlerisch nahestehenden Heppenheim-Grabmal im Dom.8) Die anderen Sprüche sind in Form von Gebeten an Christus gestaltet und möglicherweise in Kirchenliedern wiederzufinden.

Textkritischer Apparat

  1. Das R korrigiert aus B. Auf Varianten verschiedener Abschreiber wurde verzichtet, da sie lediglich sprachliche Anpassungen an die Gepflogenheiten ihrer Zeit darstellten.
  2. Sic.
  3. Sic. Ein E inseriert, gewünschtes L verhauen.
  4. // = Markierung des Kreuzstammes.
  5. Vielleicht ein eingestelltes L als E geplant.
  6. Auch mit angenommener Kürzung kaum ausreichend Raum; wegen Höhe nicht überprüfbar.

Anmerkungen

  1. Die beiden obersten Wappen gehören jeweils zur Ahnenreihe der anderen Seite.
  2. Puller von Hohenberg.
  3. Richtig wäre LANGENAV, vgl. Möller, Stammtafeln AF III Taf. CXV, die Gattin Friedrichs von Greiffenclau war Alheid von Langenau, erst deren Mutter Christine von Meckenheim. Flersheim bei Armknecht.
  4. Ohne Wappenschild; war nicht vorgesehen.
  5. Kranch von Kirchheim.
  6. Nix gen. Entzberg.
  7. Nach Möller, Stammtafeln NF II Taf. XVII fehlt hier das Wappen Engaß.
  8. Vgl. Nr. 470. Strübing, Dietrich Schro 65 u. Kahle, Mittelrheinische Plastik 82. Nach Armknecht bei Anm. 12 Grabmal nach Art des Bildhauers Hans von Trarbach.
  9. DI XXIII (Oppenheim) Nr. 164.
  10. Möller, Stammtafeln AF II Taf. LXVI u. NF I Taf. XVII; zu einer wahrscheinlichen Grabplatte Annas vgl. Nr. 456.
  11. Ebd. AF I Taf. XXXVII.
  12. Vgl. Nr. 558; dort auch zu Schwierigkeiten mit Datierungen und Kalenderstilen.

Nachweise

  1. Ockhart fol. 140v-141 (nach Helwich, Epit. Dalb. 54f. u. Schannat, Mon. vetera 39f.) (A).
  2. Abriß der herrschaftlichen Epitaphien (A).
  3. Wickenburg II 179-181 (A-D).
  4. Kdm. Worms 69 (A).
  5. Schmitt, Herrnsheimer Dalberg 33f. u. Abb. IX.
  6. Armknecht, Grabmäler der Dalberg 249f. Nr. 6 (A).

Zitierhinweis:
DI 29, Worms, Nr. 477 (Rüdiger Fuchs), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di029mz02k0047709.