Inschriftenkatalog: Stadt Worms

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 29: Worms (1991)

Nr. 440† Martinsstift 1548

Beschreibung

Gedenkinschrift für den Speyerer Bischof Philipp von Flersheim und Angehörige sowie Stifterinschrift. In der Katharinenkapelle des nördlichen Seitenschiffs. Links neben dem Altar mehrteiliges Glasfenster mit vielzeiliger Inschrift (A), darüber drei Wappen begleitet von Heiligen, nämlich neben dem Speyerer Wappen der hl. Nikolaus, einem Bettler Geld gebend, neben dem Flersheimer Wappen die hl. Katharina. In einer weiteren Zone stehen Bischof Philipp und zwei Geistliche in ihren Trachten, flankiert von den Aposteln Petrus und Paulus; zu Häupten des Bischofs Spruchinschrift (B). Dem Bischof gegenüber Darstellung seines Vaters in Ritterfigur in goldenem Küraß sowie zweier weiterer Ritter, angeblich Söhne, mit goldenen Schwertern; über ihnen Spruchinschrift (C). In einer weiteren Zone Leichnam in weißer Leinwand unter den Figuren von Johannes Evangelista, Maria, Johannes d. Täufer mit dem Lamm, also die Grablegung Christi, Mose mit den Gesetzestafeln und eherne Schlange in der Wüste vor einer Landschaft mit Zelten und Flüssen; auf der anderen Seite Kruzifix mit Spruchinschrift auf dem Kreuzfuß (D); im Hintergrund Jesusalem in seiner Umgebung unter zwei von vier Engeln gehaltenen Spruchtafeln (E,F). In der Giebelzone in Wolkenglorie Gottvater und Taube des hl. Geistes inmitten von Cherubim, rechts das Wappen Flersheim, links das Wappen Kranch von Kirchheim. Auf dem eisernen Gitter vor dem Glasfenster Stifterinschrift (G) in einem leoninisch gereimten Distichon und vier Wappen.

Nach Hertzog.

Schriftart(en): Kapitalis (A).1)

  1. A

    DEO OPTIMO MAXIMO EIUSDEMQUE DEI GRATIA PHILIPPUS EPISCOPUS SPIRENSIS AC PRAEPOSITUS WEISSENBURGENSIS CHARISSIMIS PROGENITORIBUS ATQUE AGNATIS SUIS A FLERSHEIM, FRIDERICO AVO, MARGRETHAE A RANDECK EIUS CONTHORALI AVIAE, A QUIBUS HOC SACERDOTIUM, QUOD IUS PATRONATUS DICITUR, IN MEMORIAM DIVAE CATHERINAEa) ACCESSIT, HANSONI PARENTI ITIDEM ET PATRUIS FRIDERICO CAROLI BURGUNDIAE DUCIS, CUM QUO IN CONFLICTU APUD NANSE OCCUBUIT IN LOTHARINGIA, GERMANICO, UT VOCANT, BELLIS MILITIBUS, RUPERTO S. TREVIRENSIS ECCLESIAE CANONICO CAPITULARI AC BECHTOLFTO, QUEM A DEXTRIS HUMILI LOCO, SICUTI HINC EMIGRATURUS PRAEORDINAVERITb), TUMULATUM CERNIS, O LECTOR, HUIUS SACRAE AEDIS QUONDAM CUSTODI ATQUE CANONICO, VIRO ADMODUM PIO, NON TAM A PRINCIPUM CONSILIIS QUAM RERUM ECCLESIASTICARUM SAGACISSIMUS, QUI QUIDEM HAUD PARUM PRO NEPOTE AD SUMMI HONORIS FASTIGIUM ASSEQUENDUM SOLLICITUS, AB EODEM ANNO AB HINC LV IN HAC ECCLESIA CANONICUS DESIGNATUS MEMORIAM CONSTITUIT PERENNEM, MAGNA PROINDE CLEMENTIS DEI GRATIARUM DONA OMNIQUOQUE GRATITUDINE REPENDENDA, AVUS NEMPE XC, PARENS LXXX, BECHTOLFTUS LXX ET HINC NEPOS PHILIPPUS NOSTER HOCc) M.D.XLVIII SUAE AETATIS LXVI TRANSEGERUNT ANNOS, ITA UT NEC QUISQUAM EORUM TOTO HOC CURRICULO PODAGRA, CALCULO AUT EIUSMODI INFECTOd) MORBO OCCUBUERIT.LAVS DEO.

  2. B

    Miserere mihi, Domine, miserere mihi.2)

  3. C

    Salva nos et ne des opus tuum in perditionem.

  4. D

    Sicut olim peccatis mortui, nunc in Christo vivificati. 1. Petrus 2.3)

  5. E

    Sicut exaltatus est serpens in Eremo, ita exaltarie) opportuit filium hominis.4)

  6. F

    Exaltare, Domine, in virtute tua; cantabimus et psallemus virtutes tuas.5)

  7. G

    Limpida construxit paruus haec spectra Philippus,Praesul Spirensis en memoranda suis.f)

Übersetzung:

Dem besten und höchsten Gott. Philipp von eben dieses Gottes Gnade Bischof von Speyer und Propst von Weißenburg seinen vielgeliebten Eltern und Verwandten von Flersheim, dem Großvater Friedrich und seiner Gemahlin, der Großmutter Margarethe von Randeck, von denen er das geistliche Recht, das Patronatsrecht genannt wird, angedenkens der vergöttlichten Katharina erlangte, dem Vater Hans ebenso wie den Onkeln Friedrich, Herzog Karls von Burgund, mit dem er in der Schlacht von Nancy in Lothringen gefallen war, Germanicus, wie man sagt, gestandenen Rittern, Ruprecht, der Trierer Kirche Kapitularkanoniker und Bechtolf, den du, o Leser, wie wenn er von hier zu scheiden bestimmt hätte, rechterhand an bescheidenem Platze begraben siehst, einst dieser Kirche Kustos und Kanoniker, einem höchst frommen und nicht nur im Rat der Fürsten als vielmehr in geistlichen Angelegenheiten höchst scharfsinnigen Mann, der gewiß nicht gerade wenig seinen Neffen zur Erlangung der Würde des höchsten Amtes veranlaßt hat, (diesen allen) hat Philipp, der von diesem Jahr an gerechnet vor 55 Jahren in dieser Kirche zum Kanoniker bestimmt worden war, ein ewiges Angedenken gestiftet, ebenso zur Erwiderung der reichen Gnadengaben des sanftmütigen Gottes in voller Dankbarkeit; es lebte nämlich der Großvater fast 90, der Vater 80, Bechtolf 70 und von hier unser Neffe Philipp6) (er selbst) im Jahre 1548 66 Jahre seines Alters, und zwar so, daß keiner von diesen in diesem ganzen Lebenslauf von Gicht, Nierenstein oder irgendeiner anderen Krankheit befallen gestorben war. Gelobt sei Gott.

Erbarme dich meiner, Herr, erbarme dich meiner. – Errette uns, damit du nicht dein Werk dem Verderben preisgebest. – Wie sie ehedem den Sünden abgestorben, sind sie nun in Christo zum Leben erweckt. – So wie die Schlange in der Abgeschiedenheit erhöht wurde, so mußte der Menschensohn erhöht werden. – Erhebe dich, Herr, in deiner Macht, so werden wir singen und deine Stärke preisen. – Die hellen Fenster schuf der geringe Philipp, Bischof von Speyer, den Seinen zum Gedächtnis.

Wappen:
Speyer, Bistum; Flersheim; Weißenburg, Propstei.
Flersheim, Kranch von Kirchheim.
Flersheim, Randeck; Kranch von Kirchheim, Engaß.

Kommentar

In einem wohl prächtigen Glasfenster ließ Bischof Philipp von Speyer aus dem Hause Flersheim seiner selbst und seiner langlebigen Vorfahren gedenken, von denen sein Onkel Bechtolf in besonderem Maße für das Einschlagen der geistlichen Karriere verantwortlich bezeichnet wird, schon weil er im Kapitel des Martinsstiftes, in dem Bischof Philipps geistliche Laufbahn begann, Kustos war; in den Kanonikerlisten wird Bechtolf 1496 noch genannt, 1508 schon Philipp.7) Geboren um 1482 als Sohn des Hans und der Ottilia Kranch von Kirchheim, begann Philipp 1495 seine Studien in Heidelberg,8) hatte dort 1504 als Speyerer Domkanoniker und Kanoniker an St. Martin das Rektorat inne9) und wurde 1529 zum Bischof von Speyer gewählt.10) Er hatte sich mit der Geschichte seiner Familie und seiner Zeit beschäftigt11) und sowohl in Speyer als auch an St. Martin bedeutende Stiftungen für sein eigenes Seelenheil und das seiner Sippe verfügt. Schon in eben dem Jahre 1548 hatte er eine Passionsmesse auf Freitag nach dem Festtag der Elftausend Jungfrauen (21. Oktober)12) in der Katharinenkapelle gestiftet; noch vor seinem Tod 1552, vermachte er der Präsenz des Speyerer Domstiftes 184 Pfund Heller mit Angaben zur Verwendung und Einsetzung von Testamentsvollstreckern.13)

Textkritischer Apparat

  1. Danach PROSAPIAE Hertzog, vielleicht am falschen Platze, aber von Zorn-Wilck nicht bestätigt.
  2. PRAEORDINAVIT Hertzog, PRAEORDINARAT Zorn-Wilck wohl als Konjugation mit verkürztem Perfektstamm.
  3. Text in beiden Überlieferungen anscheinend nicht fehlerfrei.
  4. INFESTO Zorn-Wilck.
  5. EXALTATI Hertzog.
  6. Sic, wohl für das leoninische Distichon zurechtgeschnitten statt suorum oder suos.

Anmerkungen

  1. Bei Hertzog die letzte, bei Zorn-Wilck die erste und letzte Zeile in kapitaler Auszeichnungsschrift, die wohl die Kapitalisschrift des Originals kennzeichnen sollte; für den langen Text ersparte man sich die Mühe.
  2. Miserere mei, Deus Ps. 56,2.
  3. I Pt. 2,24: ut peccatis mortui, justitiae vivamus.
  4. Io. 3,14: Et sicut Moyses exaltavit serpentem in deserto, ita exaltari oportet filium hominis.
  5. Ps. 20,14.
  6. Von Bechtolf aus gesehen der Neffe, kaum Philipps eigener gleichnamiger 1528 verstorbener Neffe, vgl. Anm. c u. Möller, Stammtafeln NF I Taf. XVII.
  7. Möller; Kanonikerlisten bei Como, Kollegiatstift St. Martin 34f.; Bechtolf starb wohl schon Ende 1496 oder 1497, weil zu Anfang jenes Jahres sein Name in einer Liste von Grabstellen erscheint, an denen Kerzen aufgestellt werden müssen, vgl. Liber animarum S. Martini fol. 5.
  8. Toepke I 417.
  9. Ebd. I 453; I 521, 535f.: Baccalaureat, Licentiat und Doktorat beider Rechte. In Speyer erlangte er 1503 eine Domkapitularpfründe, vgl. F.X. Remling, Geschichte der Bischöfe zu Speyer II. Mainz 1854, 269 Anm. 868, ebd. 268ff. zu weiteren biographischen Angaben, ausführlich Fouquet, Speyerer Domkapitel II 502ff.
  10. Stiefenhöfer, Philipp von Flersheim u. G.F. Obenauer, Bischof und gefürsteter Propst Philipp von Flersheim, in: Mitteilungsblatt zur rheinhessischen Landeskunde 6 (1957) 89ff.
  11. O. Waltz (Hg.), Die Flersheimer Chronik zur Geschichte des XV. und XVI. Jahrhunderts. Leipzig 1874.
  12. Auf Freitag, den 22. Oktober 1529, nämlich den Tag nach dem genannten Festtag, fiel Philipps Bischofswahl in Speyer.
  13. Liber animarum S. Martini fol. 83 zum Anniversar am Donnerstag vor Simon und Juda sowie v. Busch/Glasschröder, Chorregel I 402 zum Anniversar am 14. August 1552 u. mindestens 14 weiteren Stiftungen.

Nachweise

  1. Hertzog, Beschreibung I 2 fol. 348v-350.
  2. Zorn-Wilck 615f. (nur A).

Zitierhinweis:
DI 29, Worms, Nr. 440† (Rüdiger Fuchs), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di029mz02k0044002.