Inschriftenkatalog: Stadt Worms

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 29: Worms (1991)

Nr. 223† Bergkloster, St.Andreas 13. Jh.? o. um 1430

Beschreibung

Bildbeischrift auf dem verlorenen Scheingrabmal des Königspaares Vitalius und Placidia. Ehemals im Chor der Kirche, auf der Epistelseite, von Würdtwein Aufstellung an der Wand veranlaßt. Daher wohl ähnlich wie der Dreijungfrauenstein ursprünglich in der Form eines Hochgrabes.1) Gemäß der Abbildung bei Schannat Figur des Königs mit Zepter und Schwert auf Kissen ruhend dargestellt, an der Kopfleiste Inschrift (A). Die Figur der Placidia weniger deutlich, ebenfalls gekrönt, mit Schleier, an Kopfleiste Inschrift (B). Eine Abfasung ist in den Abbildungen nicht erkennbar. Ausweislich der Abbildungen handelte es sich um zwei schon offenbar beschädigte Denkmäler; daß sie zusammen ein einziges Denkmal bildeten, ist denkbar.

Nach Schannat.

Schriftart(en): Gotische Majuskel, spät.2)

DI 29, Nr.223 - Worms, Bergkloster St. Andreas - 13. Jh.? o. um 1430

 Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz (Thomas G. Tempel) [1/3]

  1. A

    + VITALIVSa) REX ·

  2. B

    + PLACIDIA

Kommentar

Ein vager Ansatz für die Datierung dieses Scheingrabmales ist in der nachempfundenen Schrift bei Schannat zu suchen. Diese ist jedoch anscheinend so wenig detailbezogen, daß neben eindeutigen entwickelten gotischen Majuskeln E und C ohne Abschlußstrich zu stehen kamen. Eine Datierung ins 14. Jahrhundert ist daher möglich,3) jedoch nicht zwingend geboten, so daß man nach dem inhaltlichen Zusammenhang mit dem Dreijungfrauenstein auf um 1430 datieren möchte. Freilich entsprechen die stilisierten Buchstaben denen von Wormser Grabplatten aus der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts ebensowenig. Die Abbildung Schannats gibt also allenfalls die Komposition, nicht hingegen stilgeschichtlich relevante Einzelheiten wieder. Daher ist auch die schon im 13. Jahrhundert zu findende Körperhaltung und Darstellung gelockten Haares kein sicheres Datierungsindiz.

Von denjenigen Berichterstattern, die den oder die beiden Steine noch sahen, wird die lokale und inhaltliche Nähe zum Dreijungfrauenstein betont; Würdtwein hält es für möglich, daß alle in den Barbarenstürmen umkamen. Gemeint sein können eigentlich nur die Kaiserinmutter Galla Placidia (†450) und ihr Sohn Valentinian III. (†455), deren Personen sich mit der Zeit des Hunnensturmes verbinden ließen.4)

Wenn wie vorgeschlagen beide genannten Denkmäler wirklich zeitlich und inhaltlich zusammengehören, ist bei der Suche nach den Gründen ihrer Entstehung nach historisierender Fiktion zu fragen. Lediglich eine Verewigung von Stiftern, für die der Platz im Chor angemessen gewesen wäre, kann die Wahl der Personen und ihre lapidare Benennung nicht ausreichend erklären. Der Rückgriff weit zurück in die Antike und die Verklammerung mit der Ursula-Legende lassen die Deutung als dinglicher Nachweis propagandistisch verwertbarer Aussagen für das hohe Alter und das Ansehen der Kirche zu.5)

Die oben genannten Identifizierungen erfordern nicht die Annahme von spätmittelalterlichen Erneuerungen frühchristlicher Denkmäler.6)

Textkritischer Apparat

  1. YITALIVS wohl falsch in Kupferstichnachbildung bei Schannat.

Anmerkungen

  1. Vgl. vorangehende Nr.; die Inschrift von innen zu lesen.
  2. Nach Abb. bei Schannat.
  3. Kraus u. Gensicke.
  4. W. Enßlin, Placidia (1), in: RE XX,2 (München 1950) Sp. 1910-1931; vgl. auch vorangehende Nr. bei Anm. 12.
  5. Die Datierung des Dreijungfrauensteines ins Ende des 15. Jh.s bei Kranzbühler, Verschwundene Wormser Bauten 81-83, noch bei Gensicke, hat bisher den Weg zu einer Gesamtinterpretation verstellt. Zur Interpretation vgl. auch vorangehende Nr.
  6. Gegen Gensicke Anm. 132 u.a. Staab, Untersuchungen zur Gesellschaft 122 Anm. 513, vgl. auch vorangehende Nr.

Nachweise

  1. Schannat, Hist. ep. Worm. I 161 u. Tafel IV Abb. I, II.
  2. Würdtwein, Monasticon Wormatiense II fol. 170.
  3. Fuchs, Geschichte der Stadt Worms 7.
  4. Kraus, Christliche Inschriften II Anh. II 325 Nr. 23.
  5. Kranzbühler, Worms und die Heldensage 21 u. Taf. I Abb. 2.
  6. Gensicke, Stadtbeschreibung 54 u. Anm. 132.

Zitierhinweis:
DI 29, Worms, Nr. 223† (Rüdiger Fuchs), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di029mz02k0022309.