Inschriftenkatalog: Stadt Worms

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 29: Worms (1991)

Nr. 99 Andreasstift 1319/(1304)/1349

Beschreibung

Grabplatte des Dekans von St. Andreas Philipp (Wackerphyl) und in Wiederverwendung für zwei Angehörige der Familie Wackerphyl, Jakob, Kanoniker an St. Andreas, und Jakob, ebenfalls Dekan an St. Andreas. Südwestliche Platte im Boden des Kreuzgangwestflügels. Hochrechteckige Platte aus rotem Sandstein mit Umschrift zwischen Linien (A) und monumentalem Namenszug längs über die Platte (B); im Spiegel längs in zwei Zeilen untereinander Inschriften der Verwandten, beidemal deutlich mit Linien und Doppellinien abgetrennt. Aus der Richtung des Monumentalnamens zu lesen, befindet sich über jenem die Inschrift zu 1303 (C), darunter die von 1349 (D). Oben und unten für eine spätere Verwendung beschnitten, Bruch geflickt, Rand und Oberfläche stark bestoßen und verwittert. Schwierige Lesungen auf der linken Plattenseite wurden anhand eines alten Fotos geprüft und ergänzt.1)

Maße: H.(erh.) 180, B. 99, Bu. 10,5 (A), 17 (B), 7 cm (C,D).

Schriftart(en): Gotische Majuskel (A-D).

DI 29, Nr.99 - Worms, Andreasstift - 1319/(1304)/1349

 Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz (Dr. Rüdiger Fuchs) [1/2]

  1. A

    [........ / CC]C · XIX · II · ID(US) · IANUARII · O(BIIT) · PHYLIPP(US) [... / .............. / ..IE] · B(EA)TE · ELYZAB(ET)H(AE)a) · DOTAT · ALTA[RE]

  2. B

    PHYLIPPUS · DECAN(US)

  3. C

    [.......]b) CCCo · IIIo · MARCELLINI · (ET)c) PET(RI) · O(BIIT) · JACOB(VS) / [W]ACK(ER)PYL · CAN(ONICVS) · H(VIVS) · ECC(LESI)E · P(ER)VSIId) · I(N) · RO(MAN)A · CVRIAe)

  4. D

    [.......]b) CCCo · XLIXo · SCOLASTICEf) · UI(RGINIS) · O(BIIT) · JACOB[(US) / W]ACKIRPHYL · DECAN(US) · HVI(VS) · ECCLESIE

Übersetzung:

... 1319 an den zweiten Iden des Januar starb Philipp ..., (der fromm) der heiligen Elisabeth einen Altar stiftete. – Philipp Dekan. – ... 1303 auf Marcellinus und Petrus starb Jakob Wackerphyl, Kanoniker dieser Kirche, in Perugia an der römischen Kurie. – ... 1349 auf Scholastica starb Jakob Wackerphyl, Dekan dieser Kirche.

Datum: 12. Januar 1319; 2. Juni 1303; 10 Februar 1349.

Kommentar

Die Grabplatte für drei Personen zeichnet sich durch mehrere Besonderheiten aus. Zusätzlich zur Umschrift für Philipp, Dekan an St. Andreas, der wohl mit jenem 1298 und 1299 urkundlich genannten und bei Schannat als Philipp von Flomborn bezeichneten identisch ist,2) wurde ein monumentaler Namenszug mit identischen Schriftformen angebracht, der vielleicht als Markierung gedacht war.3) Die verhältnismäßig große und kräftige Schrift verdankt ihre Schlankheit der notwendigen Zeilendrängung; der Text verewigt den Verstorbenen über die üblichen Mitteilungen von Grabinschriften hinaus auch als Stifter des Elisabethaltars. Die schlanke Proportion führt zu geraden Innenlinien der stark geschwellten Bögen. Die identischen Schriftformen der beiden inneren zeilenweise angeordneten Inschriften sind breiter, unterscheiden sich aber sonst von der ersten nur geringfügig durch große Dreiecke der L, höherliegende Bogenschwellung der N, ausgeprägtere Sporen und Krümmung von Schwellungen. Davon abgesehen müssen sie auch eindeutig nach der Anbringung der Inschriften A und B konzipiert worden sein, da die Kürzung des monumentalen DECAN(US) in das Wort CVRIA zwischen I und A hineinragt, das durch ein größeres Spatium ungestört belassen wurde.

Die Inschrift für den angeblich 1303 verstorbenen Kanoniker Jakob Wackerphyl wurde also zusammen mit der des gleichnamigen Dekans 1349 angebracht und erinnert – so die hypothetische Lesung – an ein auswärtig beim Aufenthalt am päpstlichen Hof zu Perugia verstorbenes Familienmitglied. Die Lesung P(ER)USIT I(N) ROM(AN)A CURIA für „verbrannte im Römerhof“ ist nicht haltbar, da PERUSII als gängiger Lokativ in Papsturkunden nachweisbar ist und Papst Benedikt IX. mit selbigem Ausstellungsort am 1. und 4. Juni 1304! urkundete,4) die „curia Romana“ sich also in Perugia befand und der Verstorbene ebenfalls dort weilte. Daß man sich ein halbes Jahrhundert später um ein Jahr im Todesdatum irrte, kann nicht stören. Ein Dekan Jakob ist zwischen 1330 und 1345 urkundlich genannt.5)

Eine verhältnismäßig rasche Wiederverwendung legt freilich urkundlich nicht nachweisbar Verwandtschaft der drei Verstorbenen nahe, wenngleich dafür auch Kollegialität maßgeblich gewesen sein kann. Die Grabplatte wurde zusammen mit derjenigen für Johannes Franck 1761 nochmals verwandt für die Gedenkinschrift Bischof Burchards.6) Obwohl das wegen der Verankerung im Boden nicht nachgeprüft werden konnte, muß diese Identifizierung als sicher gelten, da beide mittelalterlichen Inschriften unter derselben Inventarnummer geführt werden, ihre Negativnummern M 10346a bzw. M 10346b sind, die Beschneidung der Platte Philipps auf die ungefähre Länge der anderen vorgenommen wurde und eine Proportionalrechnung für die Breiten eine Übereinstimmung mit einer alten Abbildung der Gedenktafel ergibt.

Textkritischer Apparat

  1. ELISABETH Mus.Inv., sonst nur Buchstabenreste ohne Zusammenhang; nach B unsicher gelesen wegen geflicktem Riß.
  2. Die Gestaltung des Beginnes ist unklar; eine Querzeile vom Raumbedarf anscheinend erforderlich.
  3. Tironische Note mit Nodus.
  4. Sic.
  5. Zwischen I und A Kürzungszeichen der Inschrift B; ob noch Text folgt ist ungewiß.
  6. Danach wohl ein zusätzliches E getilgt.

Anmerkungen

  1. StA Worms Neg.Nr. M 10346b.
  2. Boos, UB I 322 Nr. 486 u. 338 Nr. 504; Schannat, Hist. ep. Worm. I 134, bis 1304.
  3. Vgl. oben S. XCVIIf.
  4. Potthast 25437f., freundlicher Hinweis von Herrn Harald Drös, Heidelberg. Unter dem Kanzleipersonal der Kurie ließ sich der Verstorbene nicht nachweisen, vgl. G.F. Nüske, Untersuchungen über das Personal der päpstlichen Kanzlei, 1254-1304, in: Archiv für Diplomatik 20 (1974) 39-240 u. 21 (1975) 249-431.
  5. Boos, UB II 166 Nr. 235, 247 Nr. 351, 249 Nr. 354.
  6. Vgl. Nr. 225. Zitat der Inschrift von 1761 bei (Weckerling), Baugeschichte der Andreaskirche 49, verbesserte Übersetzung bei Böcher, St.-Andreas-Stift 8f.; in der Inschrift werden die Aufbauarbeiten nach dem Stadtbrand 1689 mit einem Hymnus an den Gründer Bischof Burchard verbunden; ihr Text stammt wohl aus der Feder des Kantors Peter Alexander Contzen. Von der betreffenden Seite existiert ein reproduziertes Foto aus dem Paulusmuseum, StA Worms Neg.Nr. M 7468.

Nachweise

  1. Mus.Inv. MG Nr. 92.

Zitierhinweis:
DI 29, Worms, Nr. 99 (Rüdiger Fuchs), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di029mz02k0009909.