Inschriftenkatalog: Stadt Worms

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 29: Worms (1991)

Nr. 97 Worms-Hochheim, Maria Himmelskron 1318

Beschreibung

Grabplatte? mit Sterbevermerk und Widmungsinschrift für den Klostergründer Dirolf (von Hochheim). Innen an der Nordwand der Vorhalle, früher im Nonnenchor vor der Spitzbogentür der Nordwand, im 15. Jahrhundert bezeugt als „ante altare maius in choro“ liegend.1) Hochrechteckige Platte aus hellgelbem Sandstein mit Umschrift zwischen Linien, oben und unten in zwei kurzen Zeilen fortgesetzt (A). Im vertieften Mittelfeld früher Messingplatte mit Inschrift (B) und bildlicher Darstellung, wohl Figur des Verstorbenen mit blankem Schwert und Wappenschild.2) Bestoßen und teilweise abgetreten, die Buchstaben nicht in vollendeter Kerbe ausgehauen. Wörter mehrmals durch drei Punkte übereinander getrennt.

B nach Schalk und Chronicon Wormatiense.

Maße: H. 272, B. 112, Bu. 8 cm.

Schriftart(en): Gotische Majuskel.

DI 29, Nr.97 - Worms-Hochheim, Maria Himmelskron - 1318

 Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz (Dr. Rüdiger Fuchs) [1/3]

  1. A

    + DYROLFa) · VIR · GNARUS · OPERV(M)b) / FVLGEDINE · CLARVSHEC · LOCA [· PLAN]TAVIT [· P(RO)TEX]IT · [AT]Q(VE) · RIGAVITc) //BIS SEXMILLENISd) · LIBRIS · AN/NISb) · QVADRAGENIS /FORCIOR · ENSe) · IN EO · POCIORQVE · IVDE · MACHABEOf) //HI(N)C CELESTE FORVM SIBI / POSCANTg) VOTA SORORV(M)

  2. B

    MILES HIC INSIGNIS, QVEM LAVDIBVS EXCOLO DIGNISCOELI CORONA BONVM PATREM PROPITIVMQUEh) PATRONVM,MILLE TRECENTENO SEXTO ANNO CVM DVODENOASTRA PETIT DECIMOi) JVLII CAELO RECEPTVSk) AB IMO.MILITIAE ZONA DEHINC DECORANDA CORONA.l)

Übersetzung:

Dirolf, der Taten kundiger Mann und in ihrem Glanz hervorleuchtend, hat diesen Ort gepflanzt, behütet und bewässert mit 12000 Pfund in 40 Jahren. Dadurch erwies er sich stärker und mächtiger als Judas Maccabäus. Von hier aus sollen ihm(!) die Gebete der Schwestern den Himmel erflehen. – Dieser hervorragende Ritter, den ich, Himmelskron, mit würdigem Lob schmücke als guten Vater und gnädigen Beschützer, erstrebte aus seinem Innersten den Himmel und wurde dort aufgenommen an (den) 10. (Kalenden des) Juli 1318. Alsdann werde der Gürtel des Krieges zur schmückenden Krone.

Datum: 22. Juni 1318.

Wappen:
Dirolf von Hochheim (Löwe).2)

Kommentar

In ihrer heutigen Gestalt erwecken die in ihrer Höhe und vertikalen Ausrichtung sehr unregelmäßig gehauenen Buchstaben einen eigentümlichen Eindruck; obwohl sie zum wichtigsten Monument des Klosters am Beginn des 14. Jahrhunderts gehören, wirken sie nicht handwerklich sorgfältig noch überhaupt vollendet. Schattenstriche sind nicht bis zur Kerbe voll durchgehauen; das könnte auf eine Füllung mit Blei oder wahrscheinlicher einer formbaren kontrastierenden Masse hinweisen. Die ungelenke Ausführung läßt freilich auch die Erklärung zu, daß die Buchstaben noch nicht fertig ausgeführt sind und ein abschließender Arbeitsgang, der saubere Konturen erbringen sollte, unterblieb. Trotz gewisser Eigentümlichkeiten, die sich auch durch die Drängung der Buchstaben erklären lassen, etwa im spitzenO, nur kapitalen T, unzialen D und kräftigen Schwellungen, dürfen die schlanken Majuskeln als zeitgenössisch gelten.

Das Zusammenziehen der beiden Inschriften vereinigt zwei ältere Beschreibungen mit dem heutigen Befund; denn das heute sichtbare Feld ist nur grob bearbeitet und weist sechs gleichmäßig verteilte, heute mit Zement verschlossene Dübellöcher auf. In dem nicht als sichtbare Fläche gedachten Mittelfeld muß sich eine Metallplatte mit Darstellung oder/und Inschrift befunden haben;3) der Kirschgartener Chronist beschreibt die Grabstätte Dirolfs dann auch folgendermaßen: Dirolf liegt im Chor vor dem Hochaltar begraben; sein Grab hat zwei Grabinschriften; die erste ist in einen steinernen mit Messing verzierten Sarkophag gehauen und heißt: „Dirolfus vir gnarus...“, die zweite heißt: „Miles hic insignis...“4) In der zweiten Bearbeitung seiner Stadtchronik beschreibt Zorn das Denkmal, teils mit Korrekturen und Nachträgen: „begraben ins Chor gen Hochheim mit einem solchen epitaphio, (marg.) welches in ertz gegossen uff dem boden ligt, und hat ein bloß schwert in der Handt und ein Schilt darin das Nassawisch Wappen. Nit weit davon steet...“ Im Haupttext gehört dazu die Inschrift B; danach folgt: „Um den stein herum steht: Dirolff vir gnarus...“, marginal fortgesetzt.5)

Die Umschrift singt das Lob des Klostergründers Dirolf, der dem Konvent innerhalb von 40 Jahren 12000 Pfund habe zukommen lassen; der Zeitraum von 40 Jahren weist nach der Gründung von 1278 auf das Jahr 1318 und zeigt, daß die Inschrift erst mit dem Tode Dirolfs entstanden sein kann. Die Formulierung „pflanzte und bewässerte“ schließt an 2. Kor. 3,6-8 an; der Vergleich mit dem altestamentlichen Kriegshelden Judas Maccabäus6) läßt sich in dem Eintreten beider für den Glauben verstehen und außerdem auch in der durch die Zahl sinnfälligen Anspielung auf die Sammlung von 12000 Silberdrachmen, die Judas Maccabäus zum Sühnopfer für die Gefallenen dem Tempel sandte, um damit ihre Auferstehung zu fördern.7) Der letzte Satz der Inschrift B ist zwar so nur bei Zorn überliefert, knüpft aber als einziger inhaltlich an diesen Vergleich an und ist dann als Steigerung des Lobes zu verstehen, wenn die Gründungstat die Verdienste des Maccabäers übertrifft.

Die Übersetzung des SIBI weicht von bisherigen entscheidend ab, die es auf die Nonnen bezogen sahen. Daß es hier im mittelalterlichen Latein für richtig EI steht, geht aus der Doppelfunktion des Steines hervor: Er diente sowohl als Grabstein Dirolfs wie auch als Gedenkstein mit der Danksagung der Konventualinnen; unter anderem mit „remedium animarum“ hatte Dirolf die Schenkungen von 1278, 1299 und 1318 begründet und einzelne Dotationen an zum Teil genau beschriebene, ihm und seiner Familie heilsfördernde Leistungen des Konventes gebunden.8)

Beide Inschriften setzen sich aus je fünf leoninischen Hexametern zusammen, was ebenfalls für das Mehr an Text bei Zorn spricht.

Textkritischer Apparat

  1. DYROLFF Schannat, Würdtwein; TVROLF Kdm.
  2. Fehlt Chronicus liber; FVLGENS PROGENIE CLARVS Lateinische Bistumschronik.
  3. PLANTAVIT REXIT SIMUL ILLA RIGAVIT Chronicus liber; PLANTAVIT ... REGIT ATQUE RIGAVIT Zorn-2; die Reste sind kaum deutbar, wenngleich ET REGIT nicht unmöglich erscheint.
  4. SEXTO MILLENIS Zorn-2.
  5. MENS Lateinische Bistumschronik, Würdtwein, Schannat, Kdm., Böcher, Kirchen.
  6. IUDA MACCKABEO Würdtwein emendierend zum klassischen Ablativ; vgl. Böcher, Anfang und Ende Anm. 16. POCIORQVAM IN MACHABEO Lateinische Bistumschronik.
  7. POSCVNT Chronicus liber, Lateinische Bistumschronik, Schannat, Würdtwein, Kdm., Böcher, Kirchen; POPOSCANT Zorn-2.
  8. PROPRIVMQVE Chronicon Wormatiense, Schalk.
  9. Hier fehlt ein KALENDAS wegen des Metrums; 10. Kalenden des Juli 1318 fielen auf den 22. Juni, Fronleichnam, der als Todestag in Chronicon Wormatiense u. Zorn-2 überliefert ist; ebenso Liber animarum S. Martini fol. 40v.
  10. RAPTVS Chronicus liber; Zorn. KALO RAPTVS AB HINC Zorn-Wilck (M) 345.
  11. Diese Zeile so nur bei Zorn; DEUS HUNC DECORATO Chronicus liber.

Anmerkungen

  1. Schalk u. Chronicon Wormatiense.
  2. Beschreibung nach Zorn-2 marginal.
  3. So vermutet schon bei Böcher, Anfang und Ende.
  4. Chronicon Wormatiense: „sepultus est ante altare maius in choro, cuius sepulchrum duo habet epitaphia: primum est sculptum in sarcophago lapideo subauricalco; primum sic loquitur: Dirolfus vir gnarus... Secundum epitaphium sic loquitur: Miles hic insignis...“; das zweite „epitaphium“ charakterisierte die andere Abschrift aus der Bischofschronik im Chronicus liber als „in tabula de auricalco“.
  5. Zorn-2 nachträglich zum Text in Zorn-1.
  6. Böcher, Anfang und Ende 159.
  7. 2. Mk. 12, 43-46.
  8. Boos, UB I 247f. Nr. 384, 327ff. Nr. 496, II 91ff. Nr. 136. 1299 u.a. eine umfangreiche Anniversarienstiftung für zahlreiche Familienmitglieder, vier ewige Lichter, „quarum ... alia in choro sororum super sepulchra nostra pendeat“. Die Erweiterung des Testamentes 1318 wird geradezu mit „corporibus tamen debiles“ und verstärkt empfundener Notwendigkeit der Heilsfürsorge begründet, bei einzelnen Dotationen entsprechende Gegenleistung genau vorgeschrieben.

Nachweise

  1. Chronicon Wormatiense saeculi XV 60.
  2. Chronicus liber antistitum fol. 28v.
  3. Lateinische Bistumschronik fol. 36v (nur A).
  4. Zorn-1 97 (B).
  5. Zorn-2 fol. 96r.
  6. Zorn, Chronik bei Arnold S. 125 (nur B vollständig).
  7. Schannat, Hist. ep. Worm. I 166f.
  8. Würdtwein, Monasticon Wormatiense II fol. 223v.
  9. Kdm. Worms 79 (nur A).
  10. Kemmerer, Beitrag.
  11. Böcher, Kirchen St. Peter und Maria Himmelskron 21 (nur A).
  12. Ders., Anfang und Ende 158f. (nur A).
  13. Schalk, Grabsteine 219 Nr. 13.

Zitierhinweis:
DI 29, Worms, Nr. 97 (Rüdiger Fuchs), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di029mz02k0009707.